Der Western ist – an sich – ein ur-amerikanisches Genre. Nach dem Niedergang der alten Hollywood-Studios (wo US-Regisseure wie John Ford oder Howard Hawks ihre klassischen Western gedreht hatten) oblag es einer jungen Generation europäischer Filmemacher, das Genre am Leben zu erhalten, bzw. ihm neues Leben einzuhauchen. Es waren anfangs vor Allem Italiener wie Sergio Corbucci und Sergio Leone, die dem Wild-West-Film ein neues Gesicht verpassten: Der Italo-Western war geboren.

von Christian Klosz

Während Leones spätere Arbeiten (z.B. „The Good, the Bad, and the Ugly“, „Once upon a time in the West“) barock-opernhafte Epen mit opulenter Ausstattung sind, zeichnet sich Corbuccis „Django“ hingegen durch einen beinahe avantgardistischen Zugang aus. „Django“ ist dabei paradox modern, seiner Zeit (Entstehungsjahr 1966!) weit voraus, zynisch, vollgepackt mit Ironie und schwarzem Humor, voll brutaler Gewalt, und im Subtext mit politischen Implikationen (scharfer Gesellschaftskritik) angereichert.

maxresdefault

„Django“, der Hauptcharakter (Franco Nero) ist ein loner, ein outsider, der in ein heruntergekommenes Kaff im Wilden Westen kommt; ohne Pferd, dafür mit einem Sarg als ständigen Begleiter, den er stets hinter sich herzieht, und dessen Inhalt dem Zuseher, und auch den Bewohnern der Wildwest-Stadt, vorerst unbekannt bleibt. Das Dorf befindet sich in der Grenzregion zwischen Mexiko und den USA, und wird von rivalisierenden Gangs heimgesucht (auf der einen Seite die Mexikaner, auf der anderen die amerikanischen „Yankees“). Django, ein Nihilist, dem seine Moral größtenteils abhanden gekommen ist, legt sich zuerst mit den Amerikanern an, indem er die ganze Armee-Brigade des US-Majors Jackson eigenhändig auslöscht. Doch auch die Mexikaner können ihn nicht kaufen, Dollars und Pesos sind für ihn nicht mehr wert als die Sandkörner in der Wüste: Django kämpft vor Allem für sich selbst.

django

Corbucci zertrümmert in nur 90 Minuten alle Konventionen des klassischen US-Western: Die Moral von „Gut“ und „Böse“, von „good guy“ und „bad guy“, wird ad absurdum geführt. Django steht zwar vorgeblich der (mexikanischen) „Revolution“ näher, ist aber am Ende ein Einzelkämpfer, der seinen beißenden Zynismus nur recht schlampig durch (schwarzen) Humor kaschiert. Dass der Film nicht als düstere Dystopie endet, die sich in vollkommener Hoffnungslosigkeit ergeht, liegt, neben der alles durchdringenden Ironie, die Corbucci wie einen roten Faden durch den gesamten Film spannt, vor Allem an der nuancierten Darstellung Franco Neros, der zur Zeit der Dreharbeiten gerade 23 jahre alt war, und deshalb mit fake-Falten versehen wurde, um älter auszusehen: Sein „Django“ ist zwar unverbesserlicher Pessimist, doch in den entscheidenden Momenten blitzt bei ihm ein Funke Menschlichkeit, Glaube, oder gar Hoffnung durch, oder zumindest geschickter Galgenhumor, der alles erträglicher macht; allesamt „humanistische“ Attribute, die Corbucci den Mexikanern und Amerikanern nicht zugesteht.

Insofern ist die Figur des Django ein nahezu klassischer (Anti-)Held: Er nimmt sein eigenes, beinahe grotesk hoffnungsloses Schicksal mit Humor. Zynismus und Schwarzer Humor als (Über-)Lebensstrategien, die die brutale Realität erträglicher machen. Und sie sogar besiegen können: Auch, wenn er am Ende mit leeren (und gebrochenen) Händen dasteht; zumindest hat Django überlebt.

vlcsnap-2013-05-29-21h10m22s18

Sergio Corbuccis „Django“ ist ein Meilenstein des modernen Kinos, und, neben Leones „Für eine Handvoll Dollar“, der Startpunkt der (italo-)europäischen Western-Frischzellenkultur. Der Protagonist besitzt beinahe postmoderne Qualitäten (eine zwischen politischen und kapitalistischen Interessen auf eigene Faust agierende „Ich-AG“), insgesamt ist der Film seiner Zeit überhaupt weit voraus. Die vorzügliche Filmmusik von Louis Balacov (von Quentin Tarantino für seinen „Django Unchained“ übernommen, der sich auch sonst stark am Original orientiert) trägt dazu bei, dass „Django“, trotz allem beißenden Zynismus, den brutalen Gewaltdarstellungen und scharfer Gesellschaftskritik, auch ein höchst unterhaltsamer Film ist.

Djangop1.jpg