Als der passionierte Rodeoreiter Brady bei einem Sturz eine schwere Kopfverletzung erleidet, deutet alles darauf hin, dass er seinen Traum von einer erfolgreichen Karriere frühzeitig aufgeben muss. Das Zusammenleben mit seinem Vater, der permanente Vorwürfe dem Mitgefühl vorzieht, und seiner autistischen Schwester, machen Brady das Leben nicht leichter. Auch wenn seine Genesung voranschreitet, muss er nach und nach feststellen, dass es möglicherweise an der Zeit ist, sich ein neues Ziel zu setzen.

„The Rider“ hat eine Laufzeit von 105 Minuten und ist der zweite Spielfilm der chinesischen Filmemacherin Chloé Zhao, die neben ihrer Regiearbeit auch das Drehbuch schrieb und für die Produktion mitverantwortlich war. Der Film feierte im Mai 2017 bei den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere und wird demnächst auch bei uns in den Kinos zu sehen sein.

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Auf seine Quintessenz reduziert, beschäftigt sich das Werk insbesondere mit der Frage, inwieweit ein einzelner Moment ein Leben für immer verändern kann. Die Zerschlagung eines Lebenstraumes gipfelt in ein der Frage, welchen Sinn das Leben eigentlich noch hat, wenn das, wofür man gelebt hat, plötzlich nicht mehr da ist. Der Grundton des Films ist also von Traurigkeit durchzogen, vermag es aber letztlich dennoch, auch Hoffnung zu vermitteln.

Eine der großen Stärken ist die visuelle Komponente: Auch wenn das Wechselspiel zwischen den malerischen Weiten South Dakotas und den immer wiederkehrenden Charakterstudien gerade anfangs etwas eintönig wirkt, entstehen doch regelmäßig atemberaubende Bilder, die die Prärie und Wildnis wundervoll in Szene setzen. Irgendwo zwischen Trostlosigkeit und Anmut fängt Zhao mit Hilfe von Licht, Farbe und Kameraperspektive die Magie der Natur und die grazile Art der Pferde ein, und setzt sie in einen Kontrast zur tendenziell bedrückenden Story.

Diese wird in sehr ruhigem Tempo erzählt und fokussiert sich auf die Menschen, deren Gefühlswelt und ihre Beziehungen zueinander. Zhao versucht erst gar nicht, eine sonderlich verwinkelte Geschichte zu erzählen, sondern wirft einen Blick in die Psyche jener Menschen, die im Leben nicht viel besitzen und selbst dies dann noch aufgeben müssen. Ein Grund, warum das wunderbar funktioniert, ist weil der Film eine wahre Geschichte erzählt: Anstelle von hochdekorierten Schauspielern spielen alle im Film auftretenden Charaktere sich selbst (ein Kniff, den zuletzt auch Clint Eastwood in seinem „15:17 to Paris“ versuchte), sodass manche Dialoge und Szenen zwar leicht hölzern wirken, an Realismus und Authentizität aber nicht zu überbieten sind. Insbesondere der Auftritt des schwer gezeichneten Lane Scott sorgt für Gänsehaut und beweist einmal mehr, dass man seine Träume niemals aufgeben sollte.

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Verbesserungswürdig hingegen ist die musikalische Untermalung. Gerade durch das Setting offenbaren sich zahlreiche Möglichkeiten, die leider fast ungenutzt bleiben. Ab und an sind zwar typische Klänge, beispielsweise stimmungsvolle Lagerfeuer-Lieder, zu vernehmen, insgesamt wäre hier allerdings deutlich mehr zu holen gewesen, um den Zuschauer noch mehr zu emotionalisieren.


Fazit: Insgesamt ist „The Rider“ vorrangig für all diejenigen interessant, die sich mit dem Reitsport auseinandersetzen oder sich diesem gar verbunden fühlen. Aber auch Leuten, die starke Dramen schätzen, kann dieser Film bedenkenlos ans Herz gelegt werden. Gerade durch die bildlastige Darstellung eignet sich das Werk für einen Kinobesuch und kann am Ende des Tages, trotz seiner speziellen Art, weitestgehend überzeugen.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

von Cliff Brockerhoff

The Rider startet am 21. Juni in den deutschen Kinos.

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