David Lynch gilt als einer der bedeutendsten, aber auch kontroversesten Kultregisseure der letzten Jahre. Seine Filme sind meist durch surreale, einzigartige und vor allem auch bedrohliche Bildwelten gekennzeichnet. Auch heute noch, 41 Jahre nach seiner Erscheinung, gilt „Eraserhead“, der zugleich Lynchs Debütfilm darstellt, als sein unkonventionellstes Werk.

Als Lynch die Idee zu „Eraserhead“ hatte, war er selbst noch Student am Center for Advanced Filmstudies des AFI in Los Angeles. Er reichte sein lediglich 21 Seiten langes Drehbuch beim Institut ein, um Budget für sein Projekt zu erhalten. Das Problem dabei: Zwar erhielt Lynch ein gewisses Budget für „Eraserhead“, jedoch rechnete das AFI pro Seite eine Filmminute. Lynchs Schreibstil war allerdings alles andere als ausschmückend und so hatte er es sich schon zu Beginn zum Ziel gesetzt, viele Szenen erst während des Drehs zu entwickeln. Aufgrund des mangelnden Budgets benötigte Lynch ganze vier Jahre zur Umsetzung des heute als Filmklassikers geltenden Werks.

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Henry Spencer, der von Jack Nance gespielt wird und auch in vielen weiteren Filmen Lynchs zu sehen ist, stellt einen meist schüchternen, fast schon unbeholfenen jungen Mann dar, der, so scheint es, sich in dieser postapokalyptisch wirkenden Stadt, in der kaum eine andere Menschenseele auf den Straßen zu sehen ist, nicht zurecht findet.
Als er eines Abends von den Eltern seiner – wie der Zuseher nur vermuten kann – Freundin zu einem äußerst ungewöhnlichen Essen eingeladen wird, muss er feststellen, dass diese ein nicht fertig geborenes Wesen zu Welt gebracht hatte. Der Abend ist von einer Aneinanderreihung grotesker Situationen bestimmt, die man sich als ZuseherIn davor vermutlich nicht einmal vorstellen konnte. So wird unter anderem ein Brathuhn magisch zum Leben erweckt und die Mutter seiner Freundin hat während des Tranchieren des Huhnes plötzlich einen Anfall oder etwas vergleichbares.

Henry wird daraufhin dazu verbannt, sich gemeinsam mit seiner Freundin um dieses unnatürliche Wesen zu kümmern. Als diese ihn mit diesem alienartigen Geschöpf alleine lässt, wird dieses ihm endgültig ihm zur Last. Dieses Wesen scheint der Dreh- und Angelpunkt des Films zu sein, da sich hier dem Publikum die meisten Fragen auftun. Warum sieht es aus, wie es aussieht? Was ist es? Oder noch viel interessanter: Was soll es bedeuten?

Da Lynch selbst früh Vater wurde, lässt sich annehmen, dass er sich einerseits in dieser Form wieder einmal mit seiner eigenen Lebenslage auseinandersetzte. Andererseits kann dieser Säugling auch für den Film an sich stehen, da dieser Lynch aufgrund des viel zu kleinen Budgets sicher auch, genau wie dem Hauptcharakter, den einen oder anderen Nerv kostete. Abgesehen davon liefert der Debütfilm des Künstlers unzählige Interpretationsmöglichkeiten. Als ZuseherIn kann man sich zunächst nie sicher sein, was in dieser andersartigen Welt von realer Natur ist, und was Henry selbst nur in seinem tranceartigen Zustand sieht. So sieht Henry eine ganz eigene Lebenswelt hinter seinem rauschenden Heizkörper, in der sich unter anderem eine tanzende Frau mit dicken Pausbacken befindet.

Doch was genau macht diese unvergleichbar einzigartige Faszination David Lynchs nun letztendlich aus? Lynchs Filme sind vor allem eines: spürbar. Das lässt sich zu einem großen Teil durch die Soundkulisse des Films begründen, die vom Tontechniker Alan Splet kreiert wurde. Zum Einsatz kommen unter anderem aggressiv pfeifende Windgeräusche, mechanisches Brummen von laufenden Maschinen und elektrischen Geräten und jegliche andere, meist unangenehme Geräusche, die die Bildwelten so unterstützen, dass sie noch intensiver wirken. Dafür scheint Sprache in dieser industriell boomenden Stadt nebensächlich zu sein. Die Charaktere führen meist nur kurze Dialoge, sofern diese überhaupt stattfinden.

Bis heute stellt „Eraserhead“ mit Sicherheit Lynchs experimentellsten Spielfilm dar. Auch wenn dieser Film der am wenigsten zugänglichste Film Lynchs ist, macht ihn das zugleich zu einem seiner interessantesten. Wie von Lynchs Filmen gewohnt, regen auch diese Bildwelten gepaart mit der überaus körperdurchdringenden Tonebene zum Nachdenken an und wirken noch lange weiter. Ein Film, der von keiner „Watchlist“ wegzudenken ist.

von Elli Leeb

„Eraserhead“ wurde kürzlich von Studiocanal neu aufgelegt (DVD&BluRay).

 

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