Die 70-er: Die Jahre von „New Hollywood“ brachten eine ordentlich Umwälzung in die amerikanische Filmwelt – die zuerst von den französischen Kritikern der „Cahiers du Cinema“ geforderte politique des auteurs schwappte auf die kriselnde Filmmetropole über, und ermöglichte und befeuerte große Karrieren wie jene von Martin Scorsese, Brian de Palma, Francis Ford Coppola oder auch Steven Spielberg.

Doch auch abseits der großen, inzwischen allseits bekannten „Klassiker“ brachte das US-Kino der 70-er kleinere, inzwischen wenig bekannte Perlen hervor. Dieser Überblick möchte einige dieser besonderen Filme vorstellen.

„The Parallax View“, 1974, Alan J. Pakula

Teil 2 von Pakulas Paranoia-Trilogie. Im Zentrum: Ein ominöser Einzelgänger, gespielt von Warren Beatty, von dem wir nichts wissen, außer, dass er immer tiefer und tiefer in eine politische Verschwörung gerät, die bis in höchsten Kreise der US-Justiz hineinreicht. Ein Abbild der misstrauengeschwängerten Zeit im Amerika der frühen 70-er, in der der „große Feind“ nicht mehr klar erkennbar ist, und sich in nächste Nähe, im Inneren des Systems befindet. Kunstfertig durchsetzt mit patriotischen Symbolismen und symbolischen Andeutungen, die ein jähes Zerfallen der einst stolzen Nation andeuten. Verstörender und beklemmender Hochqualitäts-Thriller, Schock-Finale inklusive.

„Two mules for Sister Sara“, 1970, Don Siegel

Eine satirische Western-Komödie, die die Italo-Western von Leone und Corbucci als Vorbilder nimmt, und deren Zugang wieder auf ur-amerikanisches Terrain zurückführt. Die Prämisse der Story: Eastwood als Wild-West-Nihilist wird mit Shirley MacLaine als Nutte, die sich wegen höherer sozialer Kompatibilität als Nonne verkleidet, durch die Wüste geschickt, wo er nach einem Geldschatz strebt, während sie der mexikanischen Revolution zur Hilfe kommen möchte. In stimmige Technicolor-Farben getunkt, mit einem wundervollen Soundtrack von Ennio Morricone versehen, und mit  bitteren schwarzen Humor versüßt. Höchst unterhaltsam und sehenswert.

„Midnight Express“, Alan Parker, 1978

Ein ebenso brutaler wie dichter Polit-Thriller vom großen Unterschätzten des US-Mainstream-Kinos, Alan Parker, der sich mit staatlicher Macht und deren Missbrauch auseinandersetzt. Ein Film, der einem, wie man so schön sagt, lange „im Magen liegen bleibt“, und der die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber mächtiger staatlicher Institutionen mit Verve darstellt und politische Oppression mit filmischer Vehemenz kritisiert. Das Drehbuch kommt von Oliver Stone, der in Hollywood zuerst als Autor sein politisches Gewissen schärfte, bevor er selbst Filme drehte, der geniale Soundtrack vom Großmeister Giorgio Moroder.

„Coma“, Michael Crichton, 1978

Ein packender Thriller mit Michael Douglas und Genevieve Bujold in den Hauptrollen, der eine Verschwörung innerhalb eines korrupten Medizinsystem aufdeckt: „Zufällig“ fallen haufenweise Patienten ins Koma, um nicht mehr aufzuwachen, während im Hintergrund perfider Handel mit den Organen der „Schlafenden“ getrieben wird. Eine junge Ärztin kommt dem dunklen Treiben auf die Schliche, und muss fortan um ihr Leben fürchten. Crichton, der Autor von „Jurassic Park“, hier auch als Regisseur im Einsatz, liefert einen gelungenen Paranoia-Film mit großartig inszenierten Sequenzen, der auch ethische Fragen nach Moral und Macht in der Medizin aufwirft.

„Thunderbolt and Lightfoot“, 1974, Michael Cimino

Der erste Film einer der großen und meist unterschätzten aller US-Regisseure, Michael Cimino. Vier Jahre später sollte er mit „The Deer Hunter“ Filmgeschichte schreiben, 2 Jahre danach mit dem „Heaven´s Gate“-Desaster seine eigene Karriere, und damit gleich auch New Hollywood, an die Wand fahren. Hier schickt er Clint Eastwood und Jeff Bridges, zweiterer in einer seiner ersten Hollywood-Rollen, als ungleiches Paar durch ein ungewöhnliches Road-Movie, das Komödien-, Western- und Dramen-Elemente gekonnt miteinander verschmilzt. Großen, bewegendes Kino, als Independent-Streifen getarnt, das bereits das phänomenale visuelle Talent des Regisseurs zeigt, und einige seiner directoral trademarks festsetzt.

mpw-35765

„Carnal Knowledge“, 1971, Mike Nichols

An der Rezeption von Mike Nichols „Carnal Knowledge“ („Die Kunst zu lieben“) lässt sich ablesen, wie sich Moralvorstellungen über Sexualität in den letzten 50 Jahren verändert haben: Der Film des „The Graduate“-Regisseurs verursachte bei seiner Veröffentlichung im Jahre 1971 einen handfesten Skandal ob „zu offen“ gezeigter Sexualität, heute vermag er wohl kaum noch zu „schocken“. Inhaltlich folgt man zwei College-roommates (fies-machohaft: Jack Nicholson, sensibel-einfühlsam: Art Garfunkel) episodenhaft von ihren ersten Erfahrungen mit Sexualität, über die erste „feste Freundin“ bis hin zur Ehe und Familie – und die Frustration über die langweiligen Routinen, die sich nach Jahren in etablierten Beziehungen mitunter breitmachen. Ursprünglich als Theaterstück konzipiert, bietet auch der Film Kammerspiel-Atmosphäre, und eine Fokussierung auf die Schauspieler, auf die Entwicklung der Charaktere. Überzeugend ist „Carnal Knowledge“ vor Allem ob seiner (auch heute noch) beeindruckend offenen und ehrlichen Annäherung an die Themen „Sexualität“ und „Liebe“.

von Christian Klosz