„Half a proper documentary, half a proper detective story.“ Mit diesen vielversprechenden Worten beschreibt der israelische Dokumentarfilmer Yair Lev sein Werk „You Only Die Twice“, das er im Rahmen der Diagonale 2019 persönlich präsentierte.

von Daniel Krunz

Die Geschichte setzt mit einer rätselhaften Nachricht ein. Yairs Mutter, die in Wien geboren ist, erfährt im Zuge einer Erbschaftssache, dass ihr verstorbener Vater Ernst Bechinsky offenbar einen Doppelgänger hatte. Es tauchten Dokumente auf, die von einem gleichnamigen Mann zeugen, der den selben Geburtstag und -ort hat, allerdings in Österreich verblieb und dort beerdigt ist. Jemand hatte Yairs Großvaters die Identität gestohlen und bis zu seinem Tode nicht mehr abgelegt. Fragen über Fragen werfen sich der verblüfften Familie auf: Wusste der echte Ernst von seinem Klon? Wer war dieser vermeintliche Hochstapler? Handelte es sich gar um einen untergetauchten Nazi? Die Antworten liegen tief in österreichischen Archiven verborgen und füllen die Lücken der packenden Geschichte eines Mannes, der zweimal starb. Mit Kamera, unstillbarer Neugier und viel Geduld bewaffnet tritt Yair selbst die Ermittlungen an, die ihn zwischen Tel Aviv, Wien und Innsbruck pendeln lassen.

Es ist nicht nur die merkwürdige Ausgangslage, die zum Ergebnis dieses einzigartigen Genre-Hybriden beiträgt. Auch stilistisch wird die ungewöhnliche Spurensuche mit allen Mitteln eines Detektiv-Thrillers umgesetzt: dynamische Tracking- und Reaction-Shots, suspenselastiger Score. Cinema Vérité vermengt sich mit klassischen Konventionen des Spiel- und Dokumentarfilms zu einer ganz neuen Erzählstrategie. Der Regisseur tritt als Protagonist vor die Kamera, mit Hilfe des Historikers Niko Hofinger und neuen Weggefährten, die er auf seiner Reise trifft, ergründet er über Jahre hinweg das Rätsel um die gestohlene Identität seines Großvaters, das immer neue, abenteuerliche Wendungen erfährt, die in einem fiktionalen Kontext nur mehr skurril und unglaubwürdig erscheinen würden.

Die Entscheidung, die sonst im Hintergrund verlaufende Recherchearbeit zum Kern der Dokumentation zu machen, schafft ein unheimlich spannendes Filmerlebnis; jedes neue Puzzleteil, das er sammelt, ist für Lev ebenso überraschend wie für sein Publikum. Mit buchstäblich viel Herz (Yair=hebräisch für Herz) beleuchtet der Filmemacher ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte unter dem Aspekt einer mysteriösen Biografie und schafft es obendrein noch, das schwere Sujet mit einem merkwürdigen, undefinierbaren Humor aufzuhellen, der ganz aus der Absurdität der Wirklichkeit entwächst.

„Life imitates art.“ -Ein Grundsatz, dem mit der Geschichte hinter „You Only Die Twice“ treffliche Gültigkeit zu Teil wird. Zusammen mit seinem Publikum lernt Lev unbekannte Dimensionen eines vermeintlich wohlbekannten Themas kennen und liefert den eindeutigen Beleg dafür, dass das Leben immer noch die besten Geschichten schreibt.

Rating:

90/100

Bilder: © DD Production / NGF

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