Fiktionale Ungeheuer treten schon in den ältesten erhaltenen Sagen auf und begleiten seither beständig unsere Erzähltraditionen.

In ihnen manifestieren sich menschliche Urängste und nicht selten funktionieren sie als kunstvoll verschlüsselte Metaphern auf realweltliche Belange. Seit der Genese der Horrorfilms sind markante Monster auch von der Leinwand nicht wegzudenken. Die bedeutendsten dieser Kreaturen, ihr kultureller Einfluss und ihre filmischen Inkarnationen sollen hier ein wenig genauer unter die Lupe genommen werden.

von Daniel Krunz

Dracula

Der Vampirmythos bildet eine jahrtausendealte Angst vor untoten Wiedergängern ab und wurde ebenso lange erzählerisch aufbereitet, ehe ihn der Schriftsteller Bram Stoker im Jahr 1897 untrennbar mit einem Namen Namen verband: Dracula. Heute ein unbestrittener Klassiker, war Stokers Schöpfung bei Ersterscheinung ein handfestes Skandalwerk, das sich mit Pornografie-Vorwürfen viktorianischer Sittenwächter konfrontiert sah.

Die erste inoffizielle Verfilmung des polarisierenden Erfolgsromans erfolgte bereits 1922 mit Friedrich Wilhelm Murnaus expressionistischem Vorzeigewerk „Nosferatu“, das allerdings aufgrund mangelnder Rechte am Material Namen und Schauplätze der Handlung kurzerhand änderte.

Der blaublütige Blutsauger gilt seitdem mit über 200 Titeln als meist verfilmte literarische Figur neben Sherlock Holmes, die in einer ambivalenten Bandbreite mal als das personifizierte Böse, mal als romantischer Antiheld interpretiert wird. Die nachhaltigsten Adaptionen leben aber alle vom Charisma der Titelrolle, für die gemäß der historischen Gestalt europäischstämmige Darsteller am bemerkenswertesten bleiben: Béla Lugosi, Christopher Lee, Gary Oldman.

Wie man sich auch dem Charakter nun auch nähern will, die erotische Aura der Quelle ist nicht zu verleugnen und wird immer wieder als Allegorie auf versteckte Sehnsüchte einer unterdrückten Libido gelesen. Es ist wohl zu einem guten Teil diese sinnliche Strahlkraft, die Draculas zeitlosen Reiz ausmacht und ihn filmisch immer wieder auferstehen lässt.

Randnotiz: In der recht zahmen Erstverfilmung von 1931 sind weder die berühmten Stoßzähne, noch ein Biss zu sehen.

Nennenswerte Auftritte: „Dracula“ (Tod Browning, 1931), „Dracula“ (Terence Fisher, 1958), „Bram Stoker’s Dracula“ (Francis Ford Coppola, 1992) – Stream/Film jeweils durch Klick auf den Titel!

Bela Lugosi als der Ur-Darcula

Frankensteins Monster

Im selben Jahr wie der bissige Graf erfuhr auch das berühmteste von Menschenhand geschaffene Monstrum seine erste Tonverfilmung, nachdem das Studio von Thomas Edison bereits 1910 eine Stummfilmauswertung produziert hatte. Mary Shelley schuf mit der Vorlage 1811 einen tiefgründigen Roman in Tradition der Schauerromantik, indem sie fast zwei Jahrhunderte bevor es Realität wurde, den Diskurs um das ethische Dilemma der Klon-Technologie aufgriff.

Die Kreation des besessenen Dr. Frankenstein ist zudem nicht nur der Prototyp des zeitgenössischen Cyborg- und Zombiemythos, sondern schickt auch den Topos des missverstanden Ungeheuers und die erschütternde Lektion, dass der Mensch die wahre Bestie ist, voran. Der Umgang mit dem Andersartigen und das Stigma des Ausgestoßenseins sind immer noch allzu aktuelle Motive, die diese Erzählung zu einer zeitlosen Parabel werden lassen.

Das äußere Erscheinungsbild, das heute gemeinhin mit der Figur verbunden wird, geht dabei geradewegs auf das Design der erwähnten Adaption aus dem Jahr 1931 zurück, die den britischen Schauspieler Boris Karloff auf Anhieb als Horrorikone etablierte. Besonders die offizielle Fortsetzung 1935 wendet sich mit aller Sensibilität dem tragischen Charakter zu und thematisiert überaus melancholisch und stimmungsvoll das Außenseitertum in einer herzlosen Gesellschaft, sowie Wissenschaft, die im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Kritiker lesen in beide Werke viel hinein, von einer mutmaßlichen Christusmetapher bis hin zu einer Selbstoffenbarung des für die damalige Zeit ungewöhnlich bekennend homosexuellen Regisseurs James Whale. In jedem Fall aber hat Frankensteins Monster als Produkt der Romantik und Symbol des goldenen Hollywood-Zeitalters hohen historischen Stellenwert.

Randnotiz: In der Rezeption der Figur dominiert eine Verwirrung um deren korrekte Benennung. Während für den Roman der Wissenschaftler titelgebend ist und seine Kreation durchwegs als „Das Monster“ bezeichnet wird, bürgerte sich über die Filme der Name „Frankenstein“ auch für letzteres ein. Universal klärte seitdem in einem offiziellen Statement auf, dass zumindest in ihrem Filmuniversum das Monster und sein Schöpfer synonym miteinander sind.

Nennenswerte Auftritte:Frankenstein“ (James Whale, 1931), „Frankensteins Braut“ (Whale, 1935), „Mary Shelleys Frankenstein“ (Kenneth Branagh, 1994)

Boris Karloff als Frankenstein’s Monster

Der Wolfsmensch

Im Reigen der „Universal Monsters“, der von Universal Pictures popularisierten Schreckensgestalten, dominiert zweifellos das Trio Infernale um Dracula, Frankensteins Monster und den Wolfsmensch. Letzterer ist in der Gruppierung der einzige Charakter, dem keine konkrete literarische Figur zugrunde liegt und stattdessen einen heterogenen Volksmythos im Fokus eines Einzelschicksals zusammenfasst.

Wie bei „Jekyll and Hyde“ liegt der Twist im menschlichen Alter Ego der Bestie und seiner Konfrontation mit einem unabwendbaren Schicksal in Form einer gewaltigen Urkraft. Die Thematisierung des inneren Kampfes zwischen Trieb und Vernunft rückt den Wolfsmensch in eine psychologische Dimension und schenkt dem Horrorfilm den neuen Grundtypus der gespaltenen Persönlichkeit. Nebenbei wagt Universal mit dem mondsüchtigen Mischwesen lange vor den Marvel Studios, die Idee eines cineastischen Universums in die Tat umzusetzen und seine ikonischsten Ausgeburten ab der Fortsetzung zu „The Wolfman“ aufeinandertreffen zu lassen.

Doch auch außerhalb der legendären Monsterschmiede erlebt der Wolfsmensch immer wieder würdige Umsetzungen und wird wie seine Teamkollegen auch regelmäßig persifliert. Ob nun ernst, satirisch oder gar beides zugleich, interessant ist bei der Kreatur neben ihren inhaltlichen Aspekten vorrangig ihre visuelle Erscheinung. Character Design und Transformationsszenen stellen Maskenbildner und Effekte-Spezialisten vor besondere Herausforderungen, die in den besten Fällen für unvergessliche Filmmomente sorgen.

Randnotiz: Was heute als klares Schlüsselelement für die Gestalt gilt, wurde erst in „Frankenstein trifft den Wolfsmenschen“ eingeführt: die Verwandlung bei Vollmond. Zuvor erfolgte die Transformation schlicht bei Einbruch der Dunkelheit.

Nennenswerte Auftritte:Der Wolfsmensch“ (George Waggner, 1941), „Frankenstein trifft den Wolfsmenschen“ (Roy William Neill, 1943), „American Werewolf“ (John Landis, 1981)

„American Werewolf“ aus dem Jahre 1981

Die Mumie

Bevor der Werwolf das Albtraum-Team komplettierte, erschuf Universal schon einmal ein Monster, das seine Geburt erst im Kino erlebte. Das Studio machte sich die Ägypten-Begeisterung zu nutzen, die sich seit Entdeckung des Grabes des Tutanchamun im Westen breit machte. In einem vom antiken Totenkult und Legenden vom „Fluch des Pharao“ inspirierten Schauerstück schlüpfte Boris Karloff nach seiner Starwerdung als Frankenstein in die Maske des Hohepriesters Imhotep, der tausende Jahre nach seiner Einbalsamierung aufersteht und seiner dahingeschiedenen Geliebten das selbe Schicksal wünscht. Zu weiten Strecken ist dieser erste Mumienfilm der Geschichte ein Remake des im Vorjahr erschienenen Dracula, von der Titelmelodie über die Story bis hin zum Dr. Van Helsing Darsteller in einer identischen Rolle. Gegenüber dem Vorbild ist „Die Mumie“ allerdings atmosphärisch und erzählerisch dichter, was ihr aber auch trotz Karloffs eindringlicher Performance eingangs nicht den angestrebten Erfolg beschert.

Im Laufe der Jahre reifte der bandagierte Bösewicht aber doch zur Kultfigur, wurde vom Studio wirksam neuinterpretiert und auch von den britischen Hammer Studios verwertet, die bereits ihre Version von Dracula popularisierten und neben den amerikanischen Kollegen weltweit führend auf dem Horrorsektor waren.

Mittlerweile haftet dem Schreckgespenst ein Hauch von Ironie an, was zu einem guten Teil den jüngsten Neuverfilmungen seitens Universal geschuldet ist. Die Entwicklung begann 1999, mit dem ersten Teil einer Trilogie, der das Grundkonzept als Fundament für ein effektelastiges Action-Abenteuer nimmt, das eine Reihe von Spin-Offs, sowie eine kurzlebige Zeichentrickserie mit sich zog. Die infamere Unternehmung erfolgte aber 2017 in Form eines erneuten Reboots, das als Initialzündung für den Wiederaufbau des cineastischen Monsteruniversums dienen sollte, aufgrund des kommerziellen und kritischen Flops aber im Keim erstickte.

Randnotiz: Auch im ersten Filmauftritt der Mumie fehlen später typisch gewordene Aspekte der Figur. Imhotep tritt bis auf die Anfangsszene in menschlicher Gestalt auf und bewegt in eingewickelter Form lediglich die Augen.

Nennenswerte Auftritte: „Die Mumie“ (Karl Freund, 1932), „Die Rache der Pharaonen“ (Terence Fisher, 1959), „Die Mumie“ (Stephen Sommers, 1999) – Tipp: Aktion – um nur 1.99€!

„Die Mumie“, 1999

King Kong

Die frühen 1930er Jahre sind eine prägende Phase der Filmkunst und auch für ihre aufblühende Unterart Horror essentiell. In einer kurzen Zeitspanne zwischen Erfindung des Tonfilms und Einführung strenger Zensurregelungen wurde plötzlich ungeahntes möglich. In ebendiesem Timeslot erblickte ein monumentaler Menschenaffe das Licht der Leinwand und wurde zu einem Monument des Kinos.

King Kong brilliert nicht durch eine Vielzahl an Verfilmungen, sondern ist gerade in der Singularität seiner Erscheinung ein Meilenstein des Kinos, der weit über Grenzen seines Genres hinausragt. Das Standardwerk aus dem Jahr 1933 ist fest in seiner Entstehungsepoche verankert, aber gleichzeitig Grundlage für die Erforschung der Möglichkeiten des Mediums. Während das Filmdebüt des „achten Weltwunders“ hinsichtlich kolonialer Fantasien und ethnographischer Klischees aus heutiger Perspektive in vielen Belangen als hoffnungslos veraltet gilt, sind die technischen Innovationen der Produktion in gleichem Maße revolutionär. „King Kong und die weiße Frau“ setzte tricktechnische Maßstäbe und führte unter anderem die Stop-Motion und Matte Painting Praxis ein. Der historische Symbolcharakter macht den gigantischen Gorilla zu einem schweren Objekt für Neuverfilmungen, der dafür stilistisch ganze Genres inspirierte, von denen hier noch die Rede sein soll. Das Traumfabrik-Maskottchen sollte als ein Kind seiner Zeit und Pionier einer neuen Ära des Filmemachens verstanden werden.

Randnotiz: Heute weitgehend unbekannt ist die Beteiligung des legendären Krimiautors Edgar Wallace am Drehbuch zu „King Kong“. Wie viel Einfluss Wallace aber tatsächlich auf das Endprodukt hatte, bleibt umstritten.

Nennenswerte Auftritte:King Kong und die weiße Frau“ (Merian C. Cooper, 1933), „Die Rückkehr des King Kong“ (Ishirô Honda, 1962), „King Kong“ (Peter Jackson, 2005)

„King Kong und die weiße Frau“

Zu Teil 2, unter anderem mit Godzilla, dem Weißen Hai und Alien.

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