Fiktionale Ungeheuer treten schon in den ältesten erhaltenen Sagen auf und begleiten seither beständig unsere Erzähltraditionen. In ihnen manifestieren sich menschliche Urängste und nicht selten funktionieren sie als kunstvoll verschlüsselte Metaphern auf realweltliche Belange. Seit der Genese der Horrorfilms sind markante Monster auch von der Leinwand nicht wegzudenken.

Die bedeutendsten dieser Kreaturen, ihr kultureller Einfluss und ihre filmischen Inkarnationen sollen hier ein wenig genauer unter die Lupe genommen werden. Zu Teil 1 geht es HIER.

von Daniel Krunz

Godzilla

Wenn sich im Rahmen dieser Liste auch eine unleugbare Dominanz US-amerikanischer Kino-Kreationen abzeichnet, sollte nicht vergessen werden, dass das Horrorgenre zeitlebens wesentlich vom asiatischen Film mitgeprägt wurde, der auch für die Erschaffung eines der ikonischsten und langlebigsten Leinwandungeheuer verantwortlich ist.

„Gojira“ sollte ursprünglich an den nach zwanzig Jahren immer noch anhaltenden Erfolg von „King Kong“ anknüpfen, schaffte aber letztlich weit mehr als nur eine Kopie im Fahrtwind eines wortwörtlich großen Vorbilds zu liefern. Die gigantische Urechse ist die künstlerische Antwort auf die Atomschläge gegen Hiroshima und Nagasaki und manifestiert das Grauen nuklearer Waffengewalt in einem todbringenden Mutantenwesen. Anfangs als klarer Antagonist konzipiert, entwickelte sich Godzilla im Laufe der Jahrzehnte in seinen zahllosen filmischen Verarbeitungen zu einer Art japanischem Volksheld, der als Verteidiger der Nation weit größere Bedrohungen abwehrt und stampfte so das unglaublich populäre „Kaiju“ Genre aus dem Boden, das sich riesenhaften Ungeheuern und ihren zerstörerischen Revierkämpfen widmet und zu einem kulturellen Aushängeschild für das Land der aufgehenden Sonne wurde.

Die spätere Trivialisierung der Gestalt sollte aber nicht über deren ursprüngliche Ernsthaftigkeit hinwegtäuschen und die moralische Message des Erstlings untermauern. Mittlerweile nahm sich auch Hollywood mehrfach des Mythos an, der aber immer noch am besten als Zeitdokument des kalten Krieges seines ureigenen „Atomic Scare“ funktioniert.

Randnotiz: Der Name „Gojira“, so die phonetische Schreibweise des Namens, setzt sich aus den japanischen Wörtern für „Gorilla“ und „Wal“ zusammen, was die ursprünglichen Absichten für das Design der Figur erkennen lässt.

Nennenswerte Auftritte: „Godzilla – Das Original“ (Ishirô Honda, 1954), „Godzilla-Die Rückkehr des Monsters“ (Koji Hashimoto, R.J. Kizer, 1984), „Godzilla“ (Gareth Edwards, 2014)

Der Ur-Godzilla aus dem Jahr 1954

Der Weiße Hai

Es müssen nicht immer übersinnliche Mischwesen oder haushohe Mutanten sein, denn manchmal versetzen uns die ganz natürlichen Gefahren der Natur in Angst und Schrecken.

Diese Tatsache beherzte auch Steven Spielberg, als er sich 1975 dazu entschied, den Roman „Jaws“ von Peter Benchley für die Leinwand zu adaptieren und einen weißen Hai zum Antagonisten seinen zweiten Kinospielfilms zu machen. Kultregisseur Spielberg inszenierte die Story zu einem internationalen Kassenschlager, dessen Erfolg eine überwältigende Welle von Nachahmern auf den Plan rief. In den Folgejahren bevölkerten menschenfressende Krokodile, Piranhas und Killerwale die Leinwände, erwartungsgemäß ohne qualitativ an das Vorbild heranzureichen, von denen einige, dank ihres liebenswerten Trashfaktors, dennoch gewisse Berühmtheit erlangten und ihre eigenen Fangemeinden akquirierten.

Überraschenderweise erlebte die vermeintlich stark datierte Modeerscheinung eine Renaissance im 21. Jahrhundert, für die sich in erster Linie der für seine kostengünstigen Eigenproduktionen berüchtigte SYFY-Channel verantwortlich zeichnet. Mit „Sharknado“ und seinen bis Dato fünf Sequels kombinierte der TV-Sender zwei Naturgewalten miteinander und schaffte es, mit dem absurden Konzept und seiner augenzwinkernden Ausführung Kultstatus zu erreichen.

Doch zurück zum Ursprung der Hai-Manie: „Jaws“ übte neben diesem inhaltlichen auch einen vor allem die Form betreffenden Einfluss auf die Filmwelt aus. Nach zahlreichen Meinungen gilt das Werk als Geburtsstunde des modernen amerikanischen Blockbusters, der die dramaturgische Abfolge heutiger Drehbuchstandards vorgibt und das Zeitalter des Popcornkinos einläutet. Unvergesslich bleibt natürlich auch der minimalistische, doch ungleich effektive, durch Mark und Bein fahrende Score von Komponistenlegende John Williams, der hier neben seinen Vertonungen von „Star Wars“ oder „Indiana Jones“ einen der am stärksten wiedererkennbaren Soundtracks der Filmgeschichte schuf.

Randnotiz: Dass Benchleys Roman von einer realen Serie von Haiangriffen inspiriert wurde, gilt heute als überholter Mythos. Vielmehr ließ der Autor seine Fantasie von dem Fang eines weißen Haies durch einen Fischer im Jahr 1964 beflügeln.

Nennenswerte Auftritte: „Der weiße Hai“ (Steven Spielberg, 1975), „Der weiße Hai 2“ (Jeannot Szwarc, 1978), „Deep Blue Sea“ (Renny Harlin, 1999)

„Der weiße Hai“ (1975)

Xenomorph

„Im Weltraum hört dich niemand schreien.“ Schon die Tagline des Klassikers vermittelt den Eindruck klaustrophobischer Angst, dem das Gesamtwerk volle Rechnung trägt: In vieler Hinsicht stellt „Alien- Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ eine wahre Kinorevolution dar. Bereits bei der Verpflichtung des bildenden Künstlers HR Giger bewies die Produktion ästhetisches Gespür und visionären Weitblick. Gigers visuelles Design trägt die klare Handschrift des Ausnahmekünstlers und brennt sich mit seiner kalten Sterilität in ein kollektives Gedächtnis ein. Doch schon lange bevor die außerirdische Kreatur den Film mit ihrer Anwesenheit beehrt, ist ihre unheilvolle Präsenz überdeutlich zu spüren. Ein Wagnis, das in der Umsetzung von Horrorfilmen oftmals scheitert, funktioniert bei „Alien“ mit exemplarischer Trefflichkeit, nämlich die Strategie „Don’t show the monster“. Als sich das besagte Ungeheuer schließlich doch zu erkennen gibt, wird man keineswegs enttäuscht und der Topos einer schleichenden Bedrohung wird mit nie dagewesenen Konzepten bereichert.

Die Fusion von Horror und Science-Fiction war zur Entstehungszeit von „Alien“ keineswegs ein Novum, doch bisherige Unternehmung in der Art entstammten vor allem einem kurzlebigen Trend der 1950er, dessen Beiträge eher durch ihren liebenswert-kitschigen Charakter zu unterhalten, statt genuin zu schockieren wussten. Dies änderte sich im Jahre 1979, als der Startschuss für ein bis heute produktives Franchise gegeben wurde, das bis Dato drei Fortsetzungen, zwei Prequels, ein Crossover mit der „Predator“-Reihe und einige Kurzfilme zählt. Neben der zeitlosen Titelfigur ist es aber vor allem der Charakter Ripley, der die Originalreihe am entscheidendsten mitprägt und als Widersacherin des Monsters ähnlichen Kultstatus wie ihr Gegenpart erlangt. In einer laut Drehbuch männlichen Rolle übernahm Sigourney Weaver die Führung und bewies eindringlich, dass Frauen im Horrorfilm zu weit mehr als bloß zu passiven Opfern bestimmt sind.

Randnotiz: Ähnlich wie Star Wars, verfügt auch das „Alien“-Franchise mittlerweile über einen eigenen Tag im Kalender. Seit 2016 wird am 26. April der „Alien Day“ begangen, als Hommage an den Schauplatz des Mondes LV-426 im Originalfilm. Im Jahr 2019 wird gleichzeitig das 40-jährige Jubiläum des Erstlings gefeiert.

Nennenswerte Auftritte: „Alien- Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (Ridley Scott, 1979), „Aliens-Die Rückkehr“ (James Cameron, 1986), „Alien:Covenant“ (Ridley Scott, 2017)

Das von HR Giger entworfene Monster in „Alien“

The Thing

Dass ein Remake das Original an Qualität und Erfolg übertrifft, ist ein äußerst rarer Fall und bei Horrorfilmen besonders selten. In beiden Fällen aber sticht der Name einer Regielegende hervor: Howard Hawks.

Ein Jahr bevor Brian De Palma Hawks „Scarface“ neuinterpretierte und zur Kultfigur stilisierte, erfuhr bereits ein anderer Klassiker des Hollywoodpioniers eine moderne Umsetzung. Die Rede ist natürlich von „The Thing“, der unter der Regie von Horror-Großmeister John Carpenter zu einem regelrechten Manifest der Gattung heranwuchs. Die Neuauflage verdankt ihre Wirkkraft dabei ganz dem ursprünglichen Grundkonzept, das hier nun größere Tiefe verliehen bekommt und visuell eindrucksvoll verpackt wird.

„Das Ding aus einer anderen Welt“, ähnelt dabei nicht nur in der deutschen Titelgebung seinem Vetter „Alien“, auch inhaltliche Parallelen lassen sich kaum übersehen: Ein Forschungsteam in einem abgelegenen Setting (Arktis statt All) sieht sich mit einer mörderischen, parasitären außerirdischen Lebensform konfrontiert. Hiermit soll natürlich keinem der beiden Werke Plagiarismus vorgeworfen werden, vielmehr erklärt die Prämisse die Effektivität auf das Publikum und die Bedeutung für das Horrorgenre. Neben der Hilflosigkeit in einer menschenleeren Umgebung steht die Angst vor dem Unbekannten im Fokus, die auf kunstvolle Weise subvertiert wird. Die Kreatur nimmt die Gestalt ihrer Opfer an und macht somit das Vertraute zur Gefahr. Themen wie trügerischer Schein und paranoides Misstrauen klingen ebenso an wie der sagenhafte Soundtrack des Maestros Ennio Morricone. Entscheidend für das Gesamtkunstwerk ist auch hier die Symbiose von Subtilität und Eindrücklichkeit. Die psychologischen Spannungswerte werden durch zeitlose praktische Effekte ergänzt, die von einer Meisterleistung des Handwerks zeugen und einen Meilenstein des Body-Horrors hervorbringen.

Randnotiz: Geschmäcker sind nicht nur verschieden, sie können sich mit der Zeit auch ändern. Während Ennio Morricone beim Release von „The Thing“ für seinen Soundtrack noch mit einer goldenen Himbeere bedachte wurde, verschaffte ihm die Überarbeitung bisher nicht verwendeter Kompositionen für den Film als Score zu „The Hateful Eight“ einen Oscar.

Nennenswerte Auftritte: „Das Ding aus einer anderen Welt“ (Howard Hawks, 1951), „Das Ding aus einer anderen Welt“ (John Carpenter, 1982), „The Thing“ Matthijs van Heijningen Jr., 2011)

Der Zombie

Was Drachen für das Mittelalter, Vampire für die Romantik, sind Zombies für das 21. Jahrhundert. Die fleischfressenden Untoten beherrschen unsere Unterhaltungsmedien wie kaum eine andere Fantasiegestalt und finden immer neue Erscheinungsformen. Der karibischen Folklore entstammend, wurde ihnen eine filmische Zuwendung mit „White Zombie“ bereits 1931 zuteil, damals allerdings noch im ursprünglichen Sinn als lebendige, doch willenlose Sklaven eines fernsteuernden Voodoo-Priesters.

Es sollte noch fast vierzig Jahre dauern, bevor George A. Romero 1968 mit „Die Nacht der lebenden Toten“ eigenhändig den bis heute gängigen Zombiemythos etablierte und in einer Reihe von Sequels perfektionierte. Wie ein Lauffeuer breiteten sich die wandelnden Leichen seither in der Filmlandschaft aus und avancierten zu einem der prägnantesten Mythen der Moderne. Unzählige Beiträge schwankenden Qualitätsgrads malen das apokalyptische Szenario mal tiefdüster, mal heiter-satirisch, doch meistens tiefrot und finden sich in der Geschichte des Genres nicht zuletzt deshalb wiederholt im Kreuzfeuer von Kritik und Zensur wieder. Mit der Zeit differenzierte sich aber der Blick auf die Gattung und seine Klassiker werden nunmehr als aussagekräftige Sozialkommentare wahrgenommen.

Doch was macht die Faszination aus? Keine einfache Frage, auf die es dementsprechend keine eindeutige Antwort gibt, denn die Qualität des Sagenkreises liegt klar in seiner Offenheit. Neben der offensichtlichen Wiedergänger-Panik, die er mit den artverwandten Vampiren teilt, gründet der Erfolgszug des Zombies auf den Implikationen unterhalb der Oberfläche. Das Grundkonzept erlaubt nicht nur Thematisierungen einer gewaltbereiten Gesellschaft, sondern berührt in gekonnter Anwendung auch heikle ethische Fragen, wie die um „unwertes Leben“. Natürlich funktioniert der Zombiefilm ebenso oft und manchmal sogar gleichzeitig als sinnbefreite Unterhaltung, was mitunter die Popularität der „Zom Com“, der Zombiekomödie erklären dürfte.

Beginnend als Erscheinung aus dem Untergrund, hat der Zombie seither Mainstream-Medien von Literatur bis Fernsehen erobert und selbst ins Kinderzimmer Einzug gehalten. Es wird spannend zu beobachten sein, welche Wege der untoten Bedrohung in Zukunft noch beschieden sind.

Randnotiz: Romeros „Die Nacht der Lebenden Toten“ gilt bis heute als eine der erfolgreichsten Independent-Produktionen aller Zeiten, die mehr als das 260-fache ihres Budgets einspielte.

Nennenswerte Auftritte: „Die Nacht der Lebenden Toten“ (George A. Romero, 1968), „Zombie“ (Romero, 1978), „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ (Lucio Fulci, 1978), „Shaun of the Dead“ (Edgar Wright, 2004)

„Die Nacht der lebenden Toten“, 1968