Als sich der New Yorker Kinobetreiber Ben Barenholtz im Jahr 1970 dazu entschied, ein Mitternachtsscreening des Films „El Topo“ zu veranstalten, war er sich wohl kaum über die weitreichenden Folgen seines Handelns bewusst. Just diese Geisterstunde wurde zur Geburtsstunde der „Midnight Movies“, einem durchschlagenden kulturellen Phänomen, das Werke wie „Eraserhead“ oder die „Rocky Horror Picture Show“ als Kultfilme etablierte.

von Daniel Krunz

Böse Zungen behaupten ja, in Österreich kämen jegliche Trends mit zehn Jahren Verspätung an. In diesem Fall ein ungerechtfertigter Vorwurf, denn das Konzept findet hierzulande nun rund fünfzig Jahre später Anwendung.

Doch Zynismus beiseite, denn die von Julian Stockinger ins Leben gerufene Programmreihe „Til Midnight Movies“ versteht sich vielmehr als Neuinterpretation der Grundidee, denn als schlichte Nachahmung. So wird auch kurzerhand das zeitliche Management auf den Kopf gestellt und die gezeigten Filme enden um Mitternacht, statt zu dieser Stunde zu beginnen. Weiters möchte das Format nicht dieselben alten Kultklassiker wiederkäuen, sondern ganz im Sinne des ursprünglichen Konzepts sehenswerte Geheimtipps aus ihren Nischen holen und einem neuen Publikum zugänglich machen. Unter thematischen Schwerpunkten werden so jeweils zwei Filme ausgesucht und im Schikaneder Kino präsentiert. Der erste Schwerpunkt stand unter dem Titel „Giallo, Gothic & Gore“ und hielt dieses Versprechen. Den Weg auf die Leinwand fanden Dario Argentos „Opera“ und die Giallo Hommage „The Strange Color of Your Body’s Tears“.

Zum Phänomen Giallo Film wurden bereits zahllose Abhandlungen verfasst und ebenso lange könnte an dieser Stelle auf das Genre eingegangen werden. So viel sei aber gesagt: Die italienischen Murder Mysteries waren besonders in den frühen 1970ern eine enorm populäre Modeerscheinung, die Hundertschaften von Werkbeiträgen gebar. Die Kunstform gilt als geistiger Vorreiter des US-amerikanischen Slasherfilms, teilt mit diesem aber eher narrative als stilistische Elemente. Letztere sind die Essenz eines jeden guten Giallos, der die sensorische Erfahrung in den Fokus rückt und mit kreativer Kameraarbeit, kunstvoller Ausstattung, sowie einem stimmungsgeladenen Soundtrack zelebriert. Beide der gezeigten Filme verfügen über diese Qualitäten, weisen unter der strahlenden Oberfläche aber durchaus verschiedene Töne auf.

Mit seinem Erscheinungsjahr 1987 ist Dario Argentos „Opera“ ein vergleichsweise später Giallo, der dank diesem Umstand aber noch einmal die Höhepunkte der Bewegung beschwören kann, die der Auteur anderthalb Jahrzehnte zuvor in Gang gesetzt hatte. Tatsächlich ist „Terror in der Oper“, so der deutsche Titel, wohl Argentos selbstreferenziellstes Werk. Hier thematisiert er ebenso sein (ungerechtfertigtes) Stigma als oberflächlicher Unterhaltungsfilmer wie auch die öffentliche Wahrnehmung der Explizität seiner Arbeiten. Wiederholt hatte sich Argento über abgewandte Blicke bei Gewaltszenen in seinen Filmen geärgert und schlug scherzhaft vor, dem Publiken Nadeln unter die Augenlider zu heften, die das Wegsehen verhindern. Die Idee fand schließlich Einzug in die programmatisch betitelte Blutoper und wurde zu ihrem alles bestimmenden Leitmotiv.

Um die frischgebackene Operndiva Betty reihen sich grausame Morde und der unbekannte Irre, der die Bluttaten begeht, zwingt sie mit besagter sadistischen Methode Augenzeugin zu werden. Auf allen Ebenen wird hier ein cinematisches Pamphlet für die voyeuristische Begeisterung am Medium Film formuliert. Die Kamera als höchstvorderste Erzählinstanz schwebt durch neobarocke Prunkhallen und zwingt dem Publikum ihre subjektive Wahrnehmung auf. Literarische Inspirationen sind in erster Linie an den Bezügen zu Lerouxs „Phantom der Oper“ festzumachen, doch auch der brechtsche Verfremdungseffekt findet wie so oft in Argentos Werk Anwendung. Fahrten durch sich öffnende Vorhänge und für die Atmosphäre anachronistische Heavy Metal Gitarrenriffs betonen klar die Künstlichkeit des geschaffenen Kosmos und laden ganz im Geiste einer italienischen Oper zu einem sinnlichen Schauspiel mit dichter Symbolsprache und schockierenden Momenten ein.

Mit „The Strange Color of Your Body’s Tears“ des Regie-Duos Hélène Cattet und Bruno Forzani wurde ein durchaus passendes Gegenstück zu „Opera“ gewählt, das sich in vieler Hinsicht mit Argentos Opus ergänzt. Die buchstäbliche Schnittstelle bildet das menschliche Auge als Zeuge der Manifestationen psychosexueller Abgründe.

Was bei Opera der forcierte Blick war, wird bei der belgischen Giallo-Hommage zum verbotenen Blick. Zusammen mit dem Protagonisten Dan, der auf der Suche nach seiner verschwundenen Frau ist, geht das Publikum einem dunklen Geheimnis auf die Spur, das tief hinter den Wänden eines prunkvollen Wohnpalasts verborgen liegt. Rotierende Jugendstil-Ornamente in kaleidoskopischer Anordnung eröffnen ein auswegloses Labyrinth der Passionen.

Das enigmatische Schaustück kommuniziert mit der surrealen Bildsprache Argentos eine lynchesque Albtraumwelt, die sich gegen die Logik der Realität abriegelt. So wie seine Bildfolgen beständig (Körper-) Öffnungen aufreißen, durchbohren und penetrieren, werden auch zwischen diese klaffende Lücken geschlagen, die für den sprichwörtlichen Filmriss in diesem psychedelischen Rausch sorgen. Es ist ein Rausch, dem man sich vollends hingeben muss und der bei vielen womöglich Katerstimmung mit sich zieht. Erwartungshaltungen müssen losgelassen werden, denn dieser Film eröffnet mehr Geheimnisse, als er entschlüsselt.

Stichwort Geheimnis: Das Geheimnis der Midnight Movies liegt zu einem Großteil in der Partizipationskultur, die das Konzept begünstigt. Tatsächlich war das gemeinschaftliche Element im bewussten, kollektiven Erleben von Filmkunst auch bei diesem Revival-Startschuss deutlich zu spüren. Das Schikaneder erweist sich hier als denkbar praktischer Gastgeber, dessen typischer Mix aus stylischem Szenetreff und gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre dazu inspirierte, bis in die späten Nachtstunden in geselliger Runde über das Gesehene bei dem einen oder anderen Getränk zu reflektieren. Kino kann eben auch im digitalen Zeitalter noch ein wirksames soziales Medium sein.

Beide Filme werden im Juni noch jeweils dreimal im Schikaneder gezeigt, die Programmreihe selbst geht Ende des Monats in die nächste Runde.