Ohne Geborgenheit keine Sicherheit

Inhaltlich bietet „Looper“ ein grundlegendes Thema, welches die gesamte Handlung durchzieht und von vielen Gegenständen und Gesten noch unterstrichen wird: Ohne Geborgenheit keine Sicherheit, ohne Sicherheit kein Vorankommen. Natürlich ist dies eine sehr vereinfachte und reduzierte These, allerdings eine, die sich so tatsächlich in der modernen Psychologie wiederfindet. Seit dem Aufkommen dieser noch recht jungen Wissenschaft wurde eine Sache immer deutlicher: die in unserer Kindheit gemachten Erfahrungen prägen unser Leben auf eine sehr fundamentale Weise – sehr früh erlittene Traumata können vielleicht nie wirklich überwunden werden. Geborgenheit in der Kindheit ist somit ein essentieller Bestandteil für eine „gesunde“ Entwicklung hin zu einem reifen Erwachsenen.

Genau diese Prämisse legt sich nun der Film zugrunde und beleuchtet, inwiefern der Mangel an Geborgenheit nicht nur Auswirkungen auf das eigenen Leben haben kann. Nehmen wir zum Beispiel die Hauptfigur des Films: Joseph Simmons wurde bereits in jungen Jahren zum Waisen, als er mit ansehen musste, wie seine Mutter ermordet wurde. Anschließend schloss er sich in seiner Jugend jener Organisation an, die ihn zu einem Looper ausbildete. Der Film zeigt anhand zahlreicher Szenen, Dialogzeilen und Gegenstände sehr deutlich, wie stark der frühe Verlust von Geborgenheit das Leben Joes nach wie vor bestimmt. Da wäre einmal sein Hang zu „altmodischen“ Dingen: er verwendet eine alte Taschenuhr, fährt einen Oldtimer und trägt Krawatten. All diese nostalgischen Gegenstände weisen in ihrer Gesamtheit auf einen rückwärtsgewandten Geist hin, einen Menschen, der sich die guten alten Zeiten herbeisehnt, als das Leben noch einfach war. Speziell die Krawatte, von seinem Chef einmal abfällig als „Strick“ bezeichnet, spiegelt als geradezu klassisches Symbol für den arbeitenden Familienvater den eigentlichen Wunsch Joes besonders deutlich wieder. Auch jene Szene im Bordell, als er seiner Stammprostituierten den Vorschlag unterbreitet, mit ihr aus der Stadt zu fliehen, zeugt von dem geheimen Verlangen des Auftragskillers, sich zur Ruhe zu setzen und endlich jene Familie zu haben, die ihm selber als Kind verwehrt blieb. Dass sie ihm nach der Abfuhr beruhigend durchs Haar fährt, so wie er es gerne hat, ist ein klarer Hinweis auf das noch immer in ihm schlummernde gebrochene Kind, welches sich nach Streicheleinheiten sehnt. Selbst seine Waffe und die Bedeutung, die diese für ihn hat, zeigt ganz deutlich, wie das erlittene Trauma noch immer an ihm nagt; denn der Verweis darauf, dass diese Waffe etwas ist, dass nur ihm gehört, stellt nicht nur klar, wie hart die Jahre der Entbehrungen auf der Straße als Kind gewesen sein müssen, sondern auch, wie dringend sich der verlassene Junge von damals nach Zugehörigkeit sehnte, wie wichtig es für ihn ist, dass ihn eine Vaterfigur als beachtenswert genug empfindet, um ihm ein so wertvolles Geschenk zu machen.

Doch nicht nur in der jungen Variante von Joe wird das Thema „Geborgenheit“ als Kernelement etabliert, auch die alte Variante kämpft mit dem Mangel, oder besser gesagt mit dem Verlust ebenjener. Nachdem er sich im Alter ein wunderbares Leben mit einer Frau, die ihm nach eigenen Aussagen das Leben gerettet hat, aufgebaut hat, wird diese durch die Dämonen seiner Vergangenheit getötet. Der erneute Verlust der endlich wiedergefundenen Geborgenheit und Sicherheit rechtfertigt für ihn in seiner Verzweiflung sogar Kindesmord, um das künftige Drama zu verhindern. Bedenkt man, dass der alte Joe dieselben Erfahrungen gemacht hat wie seine junge Variante, versteht man die drastische Verbissenheit seiner Handlungen noch besser.

Aber nicht nur in der Hauptfigur können wir die Grundthematik wiederfinden, auch die Mutterfigur Sara, gespielt von Emily Blunt, wird nicht nur von ihrer bewegten Vergangenheit nach wie vor tangiert, sondern versteckt sich ab und an aus Angst vor den Kräften ihres eigenen Sohnes in einem Safe. Besonders eindrucksvoll wird hier in einer kleinen Szene angedeutet, was Mütter bereit sind zu opfern, um ihren Kindern ein geborgenes zu Hause zu bieten – als sich die Figur nämlich eines Abends auf der Veranda sitzend eine imaginäre Zigarette anzündet, steht diese sinnbildlich für all die Annehmlichkeiten und Freiheiten, derer sie zum Wohle ihres Sohnes entsagt. Auch der Sohn selbst, jenes Kind, welches später einmal zum ominösen „Regenmacher“ heranwachsen sollte, ist bereits in seinen jungen Jahren eine tragische Figur. Nachdem er bei einem Unfall seine Ziehmutter getötet hat, plagen ihn Schuldgefühle, derer er, ganz kindertypisch, versucht, durch Trotz und Wutausbrüche Herr zu werden. Die späteren, reuigen Annäherung an seine Mutter zeigen, wie zwiegespalten der Charakter bereits ist, da er auf der einen Seite, aufgrund der bereits erlebten Traumata, seine Mutter, wohl auch zu deren eigenen Schutz, von sich stößt, gleichzeitig auf der anderen Seite aber auch seinen Wunsch nach Geborgenheit und Sicherheit immer wieder durchbricht.

Das Finale

Abschließend soll  noch auf zwei Szenen genauer eingegangen werden, die mehr anzudeuten scheinen, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Die erste Szene ist jene im Finale, als Joe jung realisiert, dass sein altes Ich durch seine Taten eben jene Kette von Ereignissen in Gang setzen könnte, die er zu verhindern versucht. Hier sieht er sich selbst in dem Jungen und beschreibt das Geschehen als sich immer wiederholenden Kreislauf, der unweigerlich zu demselben Ergebnis führen wird. Mit diesem Gedankengang adressieren die Drehbuchautoren eine Theorie, die besagt, dass eine Veränderung in der Vergangenheit eines Menschen vergleichbar ist mit einem Stein, der in einen Fluss geworfen wird. Ist der Stein nicht groß genug wird er zwar ein paar Wellen schlagen, den prinzipiellen Verlauf des Flusses aber nicht ändern. Das bedeutet, dass es manche Entwicklungen im Leben eines Menschen gibt, die sehr wahrscheinlich eintreten werden, solange nicht eine gravierende Veränderung eintritt. Joe jung möchte mit seiner Tat genau diesen Kreislauf, der übrigens auch als Analogie seines eigenen Lebensweges angesehen werden kann, durchbrechen. Ob ihm das mit seinem Opfer allerdings wirklich gelungen ist, bleibt in der Schwebe und der Phantasie des Zuschauers überlassen. Ebenso die Frage, was auf der Zeitlinie des alten Joe im Leben des Jungen passiert ist, denn nachdem er dort in der Zukunft anfängt, Jagd auf Looper zu machen, liegt die Vermutung nahe, dass er auch in dieser Zeitlinie keine angenehmen Erfahrungen mit den Auftragskillern gemacht hat.

Die zweite Szene ist jene, als Sara sich nach dem Finale noch einmal zu dem tot auf dem Feld liegenden jungen Joe begibt und ihm genau so durch das Haar streift, wie die Prostituierte es in einer früheren Szene des Films tat. Diese Szene ist wohl eine der unscheinbarsten und dennoch stärksten des gesamten Films, deutet sie doch so viel an, ohne auch nur eine Sache wirklich auszusprechen. Bedenkt man, dass die Figur einmal darlegt, dass sie früher bei vielen Partys zugegen war, einiges an Drogen konsumiert hat und allgemein nicht den besten Umgang pflegte, könnte man diese Szene dahingehen interpretieren, dass Sara Joe bereits aus eben dieser Zeit kennt. So wie sie ihm durch das Haar streicht wäre es sogar möglich, dass die beiden eine Affäre miteinander hatten, und dass sich die beiden lediglich aufgrund der damals konsumierten Drogen nicht mehr wiedererkennen. Spinnt man diesen Gedanken weiter, könnte Joe sogar der Vater von Cid sein, ohne es zu wissen. Es könnte aber auch sein, dass so einfach nur der Handlungsbogen anhand einer kleinen Geste versinnbildlicht wird – Joe, der am eigenen Leib erfahren musste, wie schlimm eine Kindheit ohne Eltern ist, opfert sich selbst, um einem anderen Kind ein ähnliches Schicksal zu ersparen.

Fazit: „Looper“ ist in seinem Genre eine viel zu wenig beachtetet Perle, denn dieser Film schafft es, ein in sich stimmiges Konzept von Zeitreisen zu präsentieren, das sich einerseits vorbildlich an den realen wissenschaftlichen Theorien zu dem Thema orientiert, diese andererseits aber auch logisch weiterführt. Dazu kommt eine wunderbar ausgearbeitete Geschichte mit einem emotional berührenden Grundthema, das konsequent den gesamten Film und alle Figuren durchzieht. Abgerundet wird dieser cineastische Leckerbissen schließlich durch viele kleine Szenen und Gesten, welche den Zuschauer zwangsläufig zum Nachdenken anregen.

Bilder: © Concorde