Die titelgebenden guten Manieren sind in vielen Augen ein vermeintliches Unterscheidungsmerkmal in der bitteren Realität gesellschaftlicher Hierarchien. Dass privilegierte Schichten Etikette aber nicht für sich gepachtet haben, wird in der märchenhaften Parabel des Regie-Duos Juliana Rojas und Marco Dutra mehr als deutlich gemacht, die im Rahmen der neuen Programmreihe „Til Midnight Movies“ im Schikaneder zu sehen war, die diesmal unter dem Credo „Vom Großstadtmärchen in die Postapokalypse: Innovatives Kino aus Lateinamerika“ steht.

von Daniel Krunz

São Paulo: Ana, eine wohlhabende werdende Mutter ist auf der Suche nach einem Kindermädchen, das die alleinstehende Frau während der Schwangerschaft unterstützen soll. Die Wahl fällt auf Clara, die nicht nur am anderen Ende der Stadt, sondern auch am anderen Ende der sozialen Leiter lebt. Die Ausbildung zur Krankenschwester hat sie zwar abgebrochen, doch ihr natürliches Talent, das unruhige Ungeborene zu besänftigen, sichert ihr Anstellung und Unterkunft in Anas Luxusapartment. Es keimt eine innige Beziehung zwischen den Frauen auf, die aber bald erheblich getrübt wird, als die Vergangenheit sie einholt.

„Unerwartete Wendung“ ist bei der Inhaltsangabe von Filmen ein durchaus inflationär gebrauchter Begriff, der im Fall von „Good Manners“ aber absolut legitim ist. Das überaus aktuelle Dilemma um spoilerfreie Unvoreingenommenheit beim Herantreten an einen Film offenbart sich bei diesem Ausnahmewerk in voller Härte. Denn die zugehörigen Trailer fassen teils den gesamten Handlungsbogen zusammen und nehmen der Seherfahrung den Überraschungseffekt, der bei vorurteilsfreier Rezeption Erwartungshaltungen radikal durchbricht. Deswegen soll an dieser Stelle empfohlen werden, bei Interesse an diesem sehenswerten Stück Weltkino, den Trailern aus dem Weg zu gehen und sich mit der oben angeführten Synopsis zu begnügen.

Besagte Erwartungshaltung stellt sich recht schnell nach Beginn des Filmes ein und der Verdacht, dass sich das babyblau angestrichene Idyll mit trügerischem Schein schmückt, liegt nahe. Spärlich gesäte Vorverweise und geschicktes Foreshadowing stellen ein nahendes Unheil in Aussicht, das aber klar von seiner undefinierbaren Qualität lebt. So nimmt sich die Erzählung alle Zeit, um mit langen Kamerashots und differenzierter Charakterzeichnung die Lebenswelt der Protagonistinnen erst einmal gründlich zu fundieren, ehe diese durch grobe Einschnitte auf den Kopf gestellt wird. In der Tradition hitchcockesquer Mystery-Thriller beginnt der polierte Grundstein der Schablonenwelt langsam zu bröckeln, langsam genug um wesentliches zu verschleiern und die Geduld des Publikums mit unvorhergesehenen Twists zu belohnen.

Ebenso wie die äußere Form des Filmes sich in kontrastierende Komponenten teilt, bestimmen polare Gegensätzlichkeiten auch auf inhaltlicher Ebene die Realität der Akteure: arm-reich, schwarz-weiß, Privileg-Stigma. Diese Divergenzen spiegeln sich zunächst auf der visuell erfassbaren Oberfläche wieder; eine unüberwindbare Brücke teilt die pulsierende Multimillionen-Metropole in die surreal glänzende Skyline des Zentrums und die von Erdtönen gezeichneten Randbezirke. Doch die metaphysische Innenwelt der Charaktere, die zwar klar in ihren Klassen verhaftet, aber dennoch nirgends zugehörig sind, nuanciert die Schwarz-Weiß-Malerei und fügt dem Gesamtbild die entscheidenden Graustufen hinzu. Mithilfe von Werkzeugen unterschiedlicher Genres schafft es „Good Manners“ auf diese Art, vertraute Konzepte in einen völlig neuen Kontext zu rücken und dabei brisante Thematiken wie soziale Ungleichheit, Konservatismus und (Aber-)glaube zu berühren. Harmonisch verweben sich dramatische, erotische und rührselige Noten zu einer ungewöhnlichen Symphonie, die von melancholischen Wiegenliedern leitmotivisch gesäumt wird.

Die Sichtung erfolgte im Rahmen der zweiten Ausgabe der neuen Programmreihe „Til Midnight Movies“ im Schikaneder. Wer sich zutraut, auch mit einem handfesten Skandalwerk umzugehen, dem sei das Gegenstück dieses Programmschwerpunktes, die mexikanische Produktion „We Are the Flesh“ ans Herz gelegt, das am 28.06. im Wiener Schikaneder seine Österreichpremiere feierte. Wer jedoch nur auf „Good Manners“ gespannt ist, kommt auch nicht zu kurz, beide Werke werden im Laufe des Monats Juli noch jeweils viermal gezeigt. Und wer Kino als interaktives Medium schätzt, sollte sich diese Veranstaltung grundsätzlich einmal zu Gemüte führen und sich nach dem Filmgenuss mit einem kühlen Getränk den lebhaften Diskussionen anschließen, die an der Schikaneder-Bar entspringen.

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