Es war einmal ein heißer Sommerabend in Wien und eine Gruppe unbeugsamer CineastInnen, die es sich trotz verlockender Open Air Angebote nicht nehmen ließ, in den heimeligen Hallen des Schikaneder Kinos obskure Perlen der Filmkunst zu bewundern.

Die „Til Midnight Movies“ gehen munter in die dritte Runde; unter dem poetischen Titel „Surrealismus in Schwarz/Weiß: Man braucht das Rot nicht zu sehen, um den Schmerz zu erahnen“, führt die abenteuerliche Reise zurück nach Europa, konkret werden Frankreich und Griechenland angesteuert. Auf dem Programm stehen der mittlerweile gar nicht mehr so geheime Geheimtipp „The Wild Boys“ und das kultige Skandalwerk „Singapore Sling“. Neben besagtem monochromen Erscheinungsbild verbinden die die zwei unwirklichen Geschichten liebevolle Anleihen aus dem reichen Schatz des Film Noir.

„The Wild Boys“

„Kennst du die Geschichte von Tanguy und den wilden Jungs?“, säuselt die allwissende Erzählerin und zunächst ist man  versucht, mit „Ja“ zu antworten. Die Eckpunkte der Handlung wirken allzu vertraut: Eine klassikverliebte Hosenträgerbande pubertierender Burschen wird nach kollektivem Lustmord zu einem radikalen Umerziehungsprogramm verurteilt. Die Bezüge zu „A Clockwork Orange“ und der unmittelbaren Vorlage, William Burroughs‘ Roman „The Wild Boys“ sind nicht zu übersehen, doch wie für die jugendlichen Straftäter, verläuft die Geschichte auch für das Publikum anders als erwartet. So schreiben wir keine nahe Zukunft, sondern eine nicht näher bezeichnete Vergangenheit, die dennoch eine Utopie aufzeichnet. Die Spitzbuben werden zudem allesamt von Frauen verkörpert, die mit ihrem einnehmenden Spiel einen Gegenentwurf zu gewohnten Genderkonstruktionen darstellen. Statt staatlicher Gehirnwäsche wird die Bande einem raubeinigen Seemann anvertraut, der die verzogenen Bengel brutal diszipliniert, nur um sie auf eine geheimnisvolle Insel der Freuden zu überstellen, deren faunische Früchte einen bacchantischen Lustreigen entfesseln.

Es ist ein Reigen, in den man auch als Zuseher unweigerlich mit hineingezogen wird, ein mit schillernden Farbstrichen veredeltes Licht- und Schattenspiel, in dem die Kontrastpaare noch zu ent- und verhüllen wissen. Wie einen aufwühlenden Nachtmahr, der sich auf die Netzhaut des inneren Auges festgebrannt hat, verarbeitet Bertrand Mandico sein Langfilmdebüt zu einem phantasmagorischen Faltbilderbuch, das nicht verstanden werden muss, um es genießen zu können. So unklar die Fahrwässer der filmischen Reise, so geradlinig ist die Navigation auf diesen, die eine unverkopfte Sinneserfahrung erlaubt. In einer Huldigung an die analoge Zauberkraft der goldenen Kinoära erzählt eine grazil schwebende Kamera mit geni(t)aler Symbolsprache ein (homo-)erotisch aufgeladenes Märchen zwischen Kastrationskomplex und Penisneid. Für die renommierte Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ der beste Film des Jahres 2018 und ein Wunschtraumobjekt für die freud’sche Traumdeutung.

„Singapore Sling“

Mit „Singapore Sling“ wäre allerdings selbst Herr Freud heillos überfordert gewesen. Was wie eine generische Detektivgeschichte beginnt, eskaliert schlagartig in in einen subversiven Albtraum, der sämtliche Grenzen des guten Geschmacks sprengt.

Ein archetypischer Hardboiled Detective ist auf der Suche nach einer vermissten Frau und wird dabei zum Gefangenen des wohl verkommensten Mutter-Tochter Gespanns der Filmgeschichte. Inzest, Nekrophilie und Sadomasochismus regieren die surreale Lebenswirklichkeit dieser Frauen, die als groteske Karikaturen der Stereotypen des Film Noir überzeichnet sind. Hier wird nichts angedeutet, denn Regisseur Nikos Nikolaidis schlachtet die Manifestationen polymorph perverser Anlagen mit dem Holzhammer aus und serviert das Gekröse mit einem verstörenden, pechschwarzen Slapstick-Humor. Trotz dieser Abstrahierung und der allgemeinen Artifizialität des Werks ist „The Man Who Loved a Corpse“, so der Untertitel des Underground-Klassikers, alles andere als leicht verdauliche Kost. Stetige Tabubrüche und Überschreitungen von Ekelgrenzen lassen den Skandalschinken schwer im Magen liegen und einem nicht nur das Lachen im Hals stecken bleiben.

Dennoch ist „Singapore Sling“ weit mehr als ein Schocker um des Schocks willen. Mit der unverwechselbaren Ästhetik des Film Noir, vertont mit klassischen Symphonien, komponiert Nikolaidis ein wirkmächtiges Opus, das die jahrtausendealten Erzählstrategien seiner griechischen Heimat zu einem fesselnden Strang verdichtet. Wie die tragenden Säulen der hellenischen Sagenwelt ist dieser Bildrausch gleichermaßen provokant, pornografisch und poetisch, entführt in die morbide Wohngemeinschaft von Eros und Thanatos und beschert dem aufgeschlossenen Geist am Ende tatsächlich den berühmten Katharsis-Effekt.

Es war eine turbulente Reise durch die surrealen Bildwelten Europas; mal beschwerlich, mal bezaubernd, doch auf jeden Fall das Wagnis wert, das mit unvergesslichen Ansichten und unzerstörbaren Souvenirs belohnt wurde. Abenteuerlustigen CineastInnen sei hiermit eine unverbindliche Empfehlung ausgesprochen, beide Werke sind noch jeweils viermal im Schikaneder Kino zu erleben. In diesem Sinne: Bon voyage!

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