November mitten im August? Die Til Midnight Movies machen es möglich und zeigen die gleichnamige Filmüberraschung aus Estland, zusammen mit dem litauischen Genremix „Vanishing Waves“. Nun sind vermutlich selbst weltgewandte FilmliebhaberInnen nicht allzu vertraut mit der Kinolandschaft dieser Länder, umso willkommener schien daher die Chance, in den Genuss von zwei baltischen Bewegtbilderbüchern zu kommen.

von Daniel Krunz

„November“

„Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ – So könnte man die BewohnerInnen eines kleinen estnischen Dorfes getrost charakterisieren. Wenn sich die Toten aus ihren Gräbern erheben, werden sie kurzerhand zum Abendessen eingeladen und die findigen Bauersleute hauen selbst den Leibhaftigen übers Ohr. Man muss sich schon zu helfen wissen in diesen rauen Zeiten, namentlich dem Monat November irgendwann im 19ten Jahrhundert, ganz besonders in einem Lebensraum, wo das WWW der baltischen Folklore harte Realität ist: Werwölfe, Waldgeister und Wiedergänger kreuzen ganz selbstverständlich die Wege der Sterblichen, für die sich Glaube und Aberglaube nicht ausschließen. Mitten in diesem metaphysischen Mikrokosmos keimt eine junge Liebe auf, die das tragische Potential einer alten Ballade birgt. Und ganz im Sinne volkstümlicher Dichtungen bezaubern hier ausgeklügelt komponierte Einstellungen, die wie die reimenden Verse eines filmischen Gedichts nahtlos ineinander übergehen.

Was sich in dieser stilistischen Finesse artikuliert, ist gleichsam eines der Leitmotive von „November“. Der Wandel der Jahreszeiten, der Kreislauf des Wassers, die Brücke zwischen Leben und Tod. Regisseur Rainer Sarnet dreht am Inkarnationsrad des natürlichen und übernatürlichen Lebenszyklus und fängt die Rotation in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern von poetischer Heimlichkeit ein. Basierend auf Andrus Kivirähks Erfolgsroman erzählt „November“ ein beschauliches Schauermärchen voll malerischer Aufnahmen und organischem Humor, beseelt vom mächtigsten der Naturgeister, dem Geist der Romantik. Klingt dann noch die Mondscheinsonate an, ist dem Werk die Seele dieser Epoche vollends eingehaucht.

„Vanishing Waves“

„Vanishing Waves“

Was denken und fühlen Menschen, die im Koma liegen? Diese Frage stellt sich ein Forschungsteam aus Neurologen, das ein revolutionäres Experiment wagt. Proband Lukas wird mit einer Koma-Patientin vernetzt und die Hirnwellen der beiden miteinander synchronisiert. In einem isolierten Wassertank taucht Lukas buchstäblich in das Gedächtnis der jungen Frau ein und strandet auf einer Insel der Seligkeit. Eine heißblütige Liason entflammt zwischen den zweien, doch Lukas hält das unwirkliche Abenteuer vor allen geheim.

In durchaus behäbigem Tempo wird über zwei Stunden eine im Kern doch recht simple, aber nicht minder profunde Geschichte erzählt. Kristina Buozyte schreibt und inszeniert einen hypnotischen Trip mit allen seinen Höhen und Tiefen und vertraut dabei auf reduzierte Dialoganteile und ausgedehnte Einstellungen.

Den Ausflug ins Bewusstsein begleitet eine sphärische Geräuschkulisse; rauschende Soundwellen untermalen Bilder in leuchtenden Sandfarben, während sich schwere Klangwolken gewittrig entladen.

„Vanishing Waves“ ruft beim Publikum Erinnerungen an ferne Träume wach, in denen die verborgensten Leidenschaften zu Tage treten und sich ungehindert entfalten dürfen. Die merkwürdige Vertrautheit schenkt dem Werk eine unmittelbar sinnliche Aura und kommuniziert ganz unaffektiert emotionale Erfahrungswerte. Fernab von Kitsch und Pathos, die die Prämisse begünstigen könnte, wird das unverfälschte menschliche Empfinden zum zentrale Gegenstand der Beobachtung, die aber auch aussagekräftige Erkenntnisse über Verlust und Verantwortung sammelt.

(Über-)sinnliche Begegnungen sind dann auch das Thema der nächsten Ausgabe der Til Midnight Movies, bei der diesmal auch wir von Film plus Kritik mitwirken dürfen, weitere Infos folgen in Kürze!

Werbeanzeigen