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/Slash Filmfestival: „I see you“ – Kritik

Das mysteriöse Verschwinden eines zehnjährigen Jungen versetzt eine amerikanische Kleinstadt in Angst und Schrecken. Detective Greg Harper wird mit dem Fall betraut, der Ähnlichkeiten mit einer älteren Verbrechenserie aufweist. Damals wurde der vermeintlich Schuldige schnell gefunden und verbüßt seit fünfzehn Jahren eine Haftstrafe. Ein Justizirrtum? Auch privat hängt der Haussegen schief; nach einer Affäre von Gregs Ehefrau kämpft diese darum, das Vertrauen ihrer Familie zurückzugewinnen. Doch der Nebenbuhler scheint nicht der einzige Eindringling im Privatleben der Harpers zu sein, denn just während dieser Krise häufen sich merkwürdige Vorkommnisse im Familienanwesen.

von Daniel Krunz

Der Titel ist Programm: „I see you“ öffnet mit einem Aerial über Baumkronen, der nahtlos in einen Tracking Shot mit klar anvisiertem Ziel übergeht. Ansichten des Familienhauses aus der Vogelperspektive und eine Kamera, die sich im Dauerwechsel den Akteuren nähert und von ihnen entfernt, erzeugen ab der ersten Minute eine paranoide Atmosphäre, die auch nach regelmäßiger Informationszufuhr bis zuletzt nicht abebben will. Zusammengehalten werden die voyeuristischen Visionen von fließendem Editing, unterstützt von einem Pulsschlag erhöhenden Soundtrack. Ideale Voraussetzungen für einen suspenselastigen Psychothriller, für den aber in erster Linie natürlich ein solides Script von Nöten ist. Besonders in dieser Hinsicht erfüllt „I see you“ alle Erwartungen an das Genre und schießt sogar, im positivsten Sinne, weit über das Ziel hinaus.

„Je weniger man über den chamäleonhaften Psychothriller I See You weiß, desto besser …“.

So bewertet das /slash Filmfestival selbst Adam Randells dritten Spielfilm und der Einschätzung kann nur beigepflichtet werden. Die Synopsis gibt tatsächlich nur einen Bruchteil der Handlung, oder vielmehr den Stein des Anstosses wieder, der eine Dynamik von höchster Feinabstimmung in Gang setzt. Es soll nicht zuviel verraten werden, fairerweise müsste aber so viel gesagt sein: Schauspieler Devon Graye, der „I see you“ mit seinem Drehbuchdebüt beglückt, konstruiert eine für einen Erstling unheimlich geschickt verschachtelte Story voller Red Herrings und immer neuen Verdachtsmomenten. Die zwei Filmhälften liefern sich einen ununterbrochenen Ballwechsel, wenn sie sich gegenseitig Setups und Payoffs zuspielen. So baut das Script nach und nach ein kompliziert verzahntes Uhrwerk auf, das sobald alle Räder ineinandergreifen, eine Alarmuhr losschrillen lässt, die das Publikum am Ende der tranceartigen Spannungsphase noch einmal ordentlich aufschreckt.

Fazit

Nach den Kriterien der Gattung beurteilt, kann „I see you“ nur als rundum gelungene Unternehmung wahrgenommen werden. Unter Randells Regie spannt sich Grayes verworrenes Storynetz auf, das trotz seiner Komplexität zum Großteil über die Bildebene und nur mit dem nötigsten an Dialog kommuniziert wird. Die Darsteller holen aus den minimalen Bedingungen das Maximum heraus und bestechen allesamt mit überzeugend subtilen Performances. In diesem Sinne sollte auch kein filmisches Psychogramm, sondern ein Psychothriller im klassischen Wortsinn und neuen Gewand erwartet werden. Ansätze aus der Seelenkunde werden frei verdichtet, um eine hochspannende, einnehmende Story zu erzählen, die stets genug vorenthält, um das Publikum durchwegs in ungewisser Rätselhaltung zu halten. Eine unerwartete Überraschung des /slash voller unerwarteter Überraschungen. Verschachtelt eben.

Rating

88 von 100 Punkten