Dem US-amerikanischen Filmregisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach gelingt mit „Marriage Story“ ein ständiger Schlagabtausch jeglicher Emotionen, vollgepackt mit Herzschmerz und Hoffnung. Das schonungslos ehrlich inszenierte und gefühlsbetonte Scheidungsszenario ist zudem mit Scarlett Johansson, Adam Driver und weiteren altbekannten Namen hervorragend besetzt. Seine Weltpremiere feierte die Netflix-Produktion im Rahmen der venezianischen Filmfestspiele 2019, beim Filmfestival in Toronto erhielt er darauffolgend den zweiten Preis als bester Publikumsfilm und hierzulande konnte man ihn bereits im Rahmen der diesjährigen Viennale sichten. Regulär läuft der Film bereits ab dem 26. November auf der großen Kinoleinwand an und ab dem 6. Dezember ist das beeindruckende Scheidungsdrama auch auf der Streaming-Plattform Netflix zu sehen.

von Elli Leeb

Ein Liebesfilm im klassischen (Drehbuch-) Sinne ist „Marriage Story“ nur die ersten sechs Filmminuten lang, dem Topos widmet er jedoch die ganze Spielfilmlänge hindurch umso mehr und intensiver: Äußerst liebevoll und detailliert erzählen die beiden Hauptcharaktere Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) aus dem Off, was sie an ihrem Partner schätzen; auf der Bildebene wird das Ganze durch eine wohlig sentimentale Szenencollage mit der jeweils anderen Person, von der die Rede ist, verdeutlicht. Genau als man denkt, selten eine schönere Liebesgeschichte gesehen zu haben, erfährt man, dass es sich bei diesen Aufzählungen um eine Aufgabe des Scheidungsmediators der beiden handelt.

Das Noch-Ehepaar lebt gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn in New York, wo Charlie als Off-Broadway-Regisseur tätig ist und Nicole in seinen Stücken mitspielt. Und obwohl beide die Scheidung gütlich regeln wollen, kommt es wie so oft anders, und sie geraten in einen Strudel des Rechtssystems mitsamt Anwaltskalkülen, alles scheint auf eine immer unschönere Trennung hinauszulaufen, mitsamt Sorgerechts- und Unterhaltszahlungsstreitigkeiten. Ganze 136 Minuten lang ist man den Figuren so nah und erlebt ihr Gefühlschaos praktisch so intensiv mit, dass es sich fast so anfühlt, als wäre man selbst Teil des Szenarios.

Baumbach inszeniert die Geschichte äußerst authentisch und virtuos, voller schonungsloser Ehrlichkeit, die sowohl herzzerreißend als auch irrwitzig ist. Der Regisseur und Drehbuchautor versteht es, sein Publikum trotz Dramatik mit einem Gefühl der Hoffnung zurückzulassen. Dass der Film so gut funktioniert liegt nicht zuletzt daran, dass er keiner seiner Figuren die Schuld zuweist. Jeder hat sowohl gute als auch schlechte Seiten, es handelt sich lediglich um zwei Menschen, die sich verloren haben und versuchen, sich selbst wieder zu finden.

Fazit

Noah Baumbachs kalkulierte Dramaturgie verleiht dem Narrativ eine exzellente Authentizität, deren Inszenierung absolut zeitgemäß ist. „Marriage Story“ ist die perfekte Mischung aus Tragik und Komik, die zu keiner Zeit aufgesetzt wirkt. Ein herausragender Film über das schmerzhaft Auseinanderbrechen einer Ehe, der mit Sicherheit zu den interessantesten Filmen diese Thematik betreffend zählt.

Bewertung

9 von 10 Punkten

Bilder: (c) Viennale

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