Die Til Midnight Movies im Schikaneder-Kino in Wien werden ein halbes Jahr alt und nehmen dies zum Anlass, sich dem Künstler zuzuwenden, der der Welt den allerersten Midnight Movie bescherte: Alejandro Jodorowsky. Mit seinem psychedelischen Western „El Topo“ inspirierte der wohl größte lateinamerikanische Leinwand-Surrealist neben Luis Bunuel zu der Kultbewegung und sendete mit „The Holy Mountain“ ein nicht minder verehrtes, wie verstörendes Kunststück nach. Ein wenig zeitversetzt, seiner klassischen Schaffensphase aber durchaus ebenbürtig, folgte das dritte Zentralwerk „Santa Sangre“, welches dieses Jahr sein dreißigstes Jubiläum feiert und bei einem Special Screening der Til Midnight Movies gezeigt wurde.

von Daniel Krunz

Ein verstörter junger Mann mit dem klingenden Namen „Fenix“ fristet sein desolates Dasein in der Psychiatrie. Der Ursprung der Neurose liegt in einem frühen Trauma vergraben, das zurück in seine Kindertage beim Zirkus führt. Als Sohn eines grobschlächtigen Zirkusdirektors und einer glamourösen Artistin, nebenher Anführerin eines ketzerischen Märtyrerkults, wuchs er als kleiner Zauberer zwischen Clowns und Elefanten auf, bis ihn eine blutige Familientragödie in den Wahn trieb. Im Mannesalter entflieht Fenix der Anstalt, wird mit seiner Mutter wiedervereint und zum buchstäblich ausführenden Arm ihrer biblischen Blutgier.

Das „heilige Blut“ spendet Titel wie auch tonalen Anstrich dieses symbolträchtigen Gleichnisses. Der rote Lebenssaft markiert zugleich sündige Befleckung und Reinigung von der Todsünde Wollust. Er fließt als Opfergabe beim rituellen Verlust der Unschuld und als Signal für das sexuelle Erwachen. Konkurrierende Konzepte sexueller Identität kollidieren miteinander in einer infantilen Psyche, deren frühkindliche Prägung verhängnisvolle Auswirkungen auf ihre ungehemmte Entwicklung trägt. Ideologischer Fanatismus im Glaubenskrieg mit toxischer Triebhaftigkeit präsentiert sich in religiös aufgeladenen Metaphern von Sündenfall bis Märtyrertod.

Mit der Grammatik des Traumes kommuniziert der Film psychologische Wahrheiten in verschlüsselter Bildsprache, die Jodorowsky wie gewohnt mit sphärischem Mystizismus akzentuiert. Gemessen an seinen ersten beiden Kultwerken verläuft der rote Faden aber ungleich geradlinig und mit handelsüblichen Wendungen. Die charakteristisch surreale Parallelwelt weicht einer grotesk verzerrten Karikatur der Realität und wird in ein klassisches Genregewand gehüllt, das ihr erstaunlich gut steht.

Die Grundemotion des Horrorgenres, die Angst, erfährt allegorische Verdichtung in einem mythologischen Symbolcode. Für den ödipalen Protagonisten, der zwischen potentem Vater und jungfräulicher Mutter aufkeimt, mündet die Polarität in bipolarer Verhaltensstörung. Kindliche Sexualangst erwächst zur erwachsenen Neurose mit (selbst-) zerstörerischem Potential. Die Frauen in Fenix Leben sind entweder Heilige oder Hure und der Spielraum dazwischen ist ein hochgefährliches Areal.

Jodorowsky ist bekanntlich kein kompromissbereiter Filmemacher, schafft mit „Santa Sangre“ durch den Schulterschluss von kulturellen Konventionen mit individuellen Visionen ein durchwegs harmonisches und wenn auch nicht leicht verdauliches, doch leicht zugängliches Produkt, das mit seiner sehr dichten und genauen Parabelhaftigkeit psychologische Schlüsselreize anspricht und weitläufige interpretatorische Anknüpfungspunkte offeriert. Bei all dem Gesprächsstoff, der dazwischen aufgefächert wird, bleiben die Kernaussagen recht klar, womit „Santa Sangre“ vermutlich Jodorowskys massentauglichstes Werk darstellt, das geschickt mit der gleichmäßigen Verteilung von Stimmung, Spannung und Schock verfährt. Die Beteiligung von Claudio Argento, seines Zeichens Bruder von Regielegende Dario Argento, als Produzent und Co-Autor ist bei Wissen um diesen Umstand deutlich spürbar. Eine europäische Gothic-Aura umschwebt das atmosphärische Schauerstück, das in seinem Motivkatalog Stationen wie den seit „Freaks“ populären Horrorzirkus, die Mutter-Sohn Konstellation von „Psycho“ und die Killer mit schwarzen Handschuhen aus dem Giallo-Film abklappert, während das emotional ambivalente Leitmotiv verspielter Jahrmarktsmusik erklingt.

Trotz dieser Einflüsse muss nochmals betont werden, dass hier keineswegs „Jodorowsky Light“ serviert wird und die hypnotische Stimme des Auteurs nach wie vor den Grundtenor angibt. Der Flug des jungen Fenix führt durch die Phasen eines lodernden Fiebertraums, der unvorhersehbar düster-poetische Bilder abspult, die all die Schönheit und Schrecken des Unterbewusstseins bergen. „Santa Sangre“ reiht sich damit in die Galerie surrealistischer Kunstklassiker mit tiefgründiger Aussagekraft, die von zeitlosen, urmenschlichen Regungen erzählt, denen sich im Laufe der Geschichte viele große Geister gewidmet haben. Hätten Freud und Kafka im Koksrausch Grimms Märchen „Das Mädchen ohne Hände“ umgeschrieben, wäre wohl etwas ähnliches herausgekommen. Wer von dieser Beschreibung nun nicht vollkommen abgeschreckt ist, sollte „Santa Sangre“, der nicht nur als kultiger Geheimtipp gilt, sondern sich auch in zahlreichen Bestenlisten behauptet, unbedingt nachholen.