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„Wildlife“ – Kritik

von Cliff Brockerhoff

Am nördlichen Rand des Zentrums des US-Bundesstaates Montana liegt Great Falls, die drittgrößte Stadt Montanas und heutige Heimat von knapp 60.000 Menschen. Im Jahre 1960 zieht es auch die Familie Brinson, bestehend aus dem Ehepaar Jerry und Jeanette Brinson und dem gemeinsamen Sohn Joe, auf der Suche nach einem besseren Leben in die verschlafene Kleinstadt. Anfangs leben die Drei den american dream, doch als Jerry seinen neu gewonnenen Job verliert, steht die Familie am Scheideweg, und auf das Hoch folgt die nicht zu vermeidende depression, die insbesondere Jeanette gefangen nimmt, die plötzlich ihr gesamtes Leben in Frage stellt.

„Well, ain’t this a wild life, son?“ fragt Jerry seinen Sohn im Zuge eines Disputs gegen Ende des Films, wohlwissend, dass sich die Antwort erübrigt, da er sie bereits kennt. „Wildlife“ ist das Regiedebut von Paul Dano, der zusammen mit seiner Partnerin Zoe Kazan das Drehbuch für die Adaption von Robert Fords Roman verfasste und eine Geschichte mitten aus dem Leben erzählt. Thematisch ist das Ganze in etwa vergleichbar mit dem kürzlich erschienenen „Marriage Story“, denn auch Dano widmet sich dem Familien-/Beziehungsleben. Im Gegensatz zu Noah Baumbachs Oscarfavoriten erlebt der Zuschauer „Wildlife“ allerdings aus einer gänzlich anderen Perspektive, da die Geschichte durch die Augen eines Kindes erzählt wird und so, ohne großes Dazutun, eine noch verletzlichere und unbedarftere Komponente in sich trägt.

Liefert eine fantastische Leistung ab – Ed Oxenbould in der Rolle des „Joe“

Joe, gerade 14 Jahre alt, erlebt in kürzester Zeit die Wandlung des scheinbar heilen Familienlebens zu einer nicht mehr zu kontrollierenden Kaskade zerplatzter Träume. Neben seinen ganz eigenen, pubertären Problemen muss der Junge mit ansehen wie sein Vater durch den erneuten Verlust seines Jobs in ein tiefes Loch fällt. Verletzter Stolz und die Suche nach innerer Erfüllung treiben ihn zu einer harschen Entscheidung, die wiederrum dazu führt, dass auch Jeanette ihr Dasein als Hausfrau, Mutter und Ehefrau kritisch hinterfragt. Auch wenn nicht alle Motive oder Handlungen auf den ersten Blick uneingeschränkt nachvollziehbar erscheinen, hat Dano ein außerordentliches Händchen dafür seine Charaktere nicht ihrer Menschlichkeit zu berauben. Ihm ist viel mehr daran gelegen das menschliche Scheitern zu normalisieren und zu verdeutlichen, dass Fehler eben menschlich sind und zum Leben dazugehören. Eine schmerzliche Seherfahrung, hält sie uns doch ungeschönt vor Augen wie schnell ein einzelner Funkenstoß zu einem lodernden Feuer ausarten kann, das alles und jeden mit sich reißt.

Besonders hervorgehoben wird die Greifbarkeit durch das wahnsinnig eingängige Schauspiel von Ed Oxenbould, der neben gestandenen Hollywoodgrößen wie Carey Mulligan und Jake Gyllenhaal, eine berührend authentische Performance abliefert. Wenn seine mit Tränen gefüllten Augen auf der Suche nach Antworten über die Gesichter seiner Eltern wandern, lassen sich seine Gedanken fast hören, auch wenn er sie nur selten ausspricht. Szenen bleiben lange stehen und entwickeln immer wieder Unbehagen, verstärkt durch das inszenatorische Geschick Danos, der mittels einfacher Mittel immer wieder Nadelstiche in die Herzen der Betrachter setzt wenn er beispielsweise die fotografische Porträtierung glücklicher Paare immediat an die Momente reiht, in denen sich die Distanz zwischen Jerry und Jeanette etabliert.

Ummantelt wird die großartig gespielte Geschichte dabei von malerischen Aufnahmen, die auch immer wieder für metaphorische Kontraste sorgen. Unzerstörbare Bergketten lassen die Zerbrechlichkeit des humanen Glück so unbedeutend erscheinen, auch wenn es für uns der zentrale Punkt des Lebens ist. Blasse, ausgewaschene Farben erinnern an ein altes Kleidungsstück, das zu oft gewaschen wurde, letztlich aber aus Sentimentalität behalten wird. So ähnlich kann auch die Beziehung des Paares beschrieben werden, welches Opfer des wildlife wird und sich für eine Richtung am Scheideweg entscheiden muss; so schmerzhaft diese auch sein mag.

Existenzielle Frage vor idyllischer Kulisse – „Jeanette“ auf der Suche nach sich selbst

Fazit

Auch wenn Paul Dano sicherlich noch an seiner Balance arbeiten muss und „Wildlife“ in einigen Phasen leicht unausgeglichen wirkt, handelt es sich bei seinem Debüt um eine tieftraurige Geschichte, in der sich jeder von uns auf die ein oder andere Weise wiederfinden wird. Die bodenständige Herangehensweise sorgt mehrfach für Gänsehaut und lässt erahnen, welches Talent im jungen New Yorker steckt, der zwischen all der Fragilität und erschlagenden Aufrichtigkeit auch Platz für Hoffnung lässt. Hoffnung für seine Charaktere und Hoffnung für die Zuschauer, dass mehr Regisseure den Mut aufbringen solch ehrliches Kino zu kreieren.

Bewertung

8 von 10 Punkten

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