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Berlinale 2020: „Undine“ – Kritik

Der deutsche Regisseur Christian Petzold ist mit seinen Filmen auf der Berlinale bereits ein Stammgast. Nach „Transit“, „Gespenster“, „Yella“ und „Barbara“ – für den er 2012 sogar mit dem silbernen Bären ausgezeichnet wurde – startete am Sonntag sein Film „Undine“ im Wettbewerbsprogramm der 70. Filmfestspiele in Berlin. Diesmal bedient sich Petzold der gleichnamigen weiblichen Sagenfigur und vereint auf märchenhafte Weise Mythos mit Realität.

von Elli Leeb

Der Mythos der Undine wurde bereits vielfach aufgegriffen, unter anderem von Hans Christian Andersen in seinem Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ oder auch von Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung „Undine geht“. Kurz umrissen ist die Figur der Undine ein bildhübscher Wassergeist, die von Männern aus ihrem Waldsee gerufen wird, wenn diese keine Liebe erfahren. Einzige Voraussetzung für Undines Entgegenbringung ihrer Liebe: Wenn der Mann sie betrügt, muss sie ihn töten.

Petzolds Verfilmung handelt von der Museumsführerin Undine (Paula Beer), die im Berliner Märkischen Museum BesucherInnen die Stadtgeschichte der auf Sumpfland gebauten Stadt näherbringt. Als sich ihr Casanova-anmutender Freund Johannes (Jacob Matschenz) von ihr trennt, bleibt sie stark und erinnert ihn bloß daran, dass sie ihn ja töten müsse, wenn er sich tatsächlich von ihr trenne. Entgegen der Sage – und ähnlich wie bei Bachmann –, wehrt sich Petzolds moderne Undine gegen ihr Schicksal, durchbricht den Mythos und wird so als starke Frauenfigur etabliert. Undine lernt stattdessen den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski), der sie um ihrer selbst willen liebt, kennen.

Der Film ist von ausgedehnten Vorträgen beziehungsweise Monologen der Museumsführerin durchzogen, die auf starke und ausdrucksvolle Weise die Berliner Stadtgeschichte in den Film einfließen lassen. Die intensiven, an realen Orten in der Berliner Umgebung gedrehten Wasseraufnahmen in einem Stausee sind magisch schön anzusehen. Die Kamera – die seit Jahren in Petzolds Filmen von Hans Fromm übernommen wird – fängt Paula Beer und Franz Rogowski mit einer Leichtigkeit ein, die den Zauber des Films unterstützt. Bereits in „Transit“ haben die beiden wunderbar miteinander auf der Leinwand harmoniert und interagiert. In „Undine“ schaffen sie eine Weichheit in die Unterwasserszenen zu bringen, in denen ihre Bewegungen fast schon tanzartig erscheinen.

© Hans Fromm/Schramm Film

90 Minuten lang holt „Undine“ sein Publikum in eine faszinierende Filmwelt, konzentriert sich auf einen Mythos und schafft es dank Umdeutung trotzdem, die Realität harmonisch miteinfließen zu lassen. Petzold hat bisher noch nie derart magisch inszeniert und lässt auf diese Weise sein Publikum träumen.

Rating

90/100

Titelbild: © Christian Schulz/Schramm Film

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