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„The Assistant“: Kritik zum Film

Die australische Dokumentarfilmerin Kitty Green präsentiert mit „The Assistant“ ihr Spielfilmdebüt und feierte dieser Tage im Rahmen der 70. Berliner Filmfestspiele ihre Europapremiere. Der Film begleitet eine Praktikantin einer Film- und Fernsehproduktion während eines gewöhnlichen Arbeitstages. Trotz erzählerischer Ruhe behandelt der Film ein aufwühlendes Thema im Kontext der #metoo-Debatte, nämlich den alltäglichen Missbrauch weiblicher Arbeitnehmerinnen: Die Assoziationen zum ehemaligen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein sind naheliegend.

von Elli Leeb

Jane (Julia Garner) ist neu in der Firma, fünf Wochen zuvor konnte sie jenen heiß begehrten Praktikantinnen-Job in der erfolgreichen Produktionsfirma ergattern. Morgens ist sie vor Sonnenaufgang die erste im Büro – abends ist sie wiederum die Letzte, die das Gebäude im Dunkeln verlässt. Sie dreht alle Lichter in den Räumlichkeiten auf, räumt den Arbeitsplatz ihres Vorgesetzten auf und erfüllt über den Tag hinweg viele Tätigkeiten, die eigentlich nicht in ihrem Aufgabengebiet liegen. So besteht unter anderem einer ihrer Tätigkeiten darin, einen Ohrring einer Frau unauffällig zurückzubringen, der dieser am Abend zuvor im Büro von Janes Vorgesetztem verloren gegangen ist.

Viel Mimik zeigt sie dabei nicht, die persönliche Abneigung gegen solche Tätigkeiten und vor allem gegen das, was hier hinter verschlossenen Bürotüren vor sich geht, ist für das Publikum dennoch deutlich spürbar. Zu sehen bekommt man den Chef der Firma auf der Bildebene nie, Green wählt die Sichtweise der Praktikantin, um die Geschichte zu erzählen.

Die anderen beiden Assistenten – beide männlich – müssen solche Tätigkeiten wie Jane nicht erledigen. Auch die misslaunigen Anrufe der Ehefrau des Vorgesetzten wälzen sie auf Jane ab. Keine von Janes Handlungen werden in irgendeiner Weise kommentiert, man kann nur aufgrund ihres routinierten Verhaltens darauf schließen, dass sie jene Tätigkeiten schon öfters ausgeführt hat.

Hinzu kommt die Entmenschlichung am Arbeitsplatz – niemand wird hier jemals beim Namen genannt, auch der Chef ist nur ein „Er“, wodurch sich die bedrückende Grundstimmung des Films verdichtet. Interessant an „The Assistant“ ist auch, dass der Film die sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz nie offen ausspricht geschweige denn zeigt, sondern sich diese anhand von Andeutungen nach und nach manifestiert.

Als Vorbereitung auf den Film hat die Regisseurin mit einigen Freundinnen gesprochen, die in Weisteins Firma arbeiteten und später auch mit Arbeitnehmerinnen anderer Branchen. Dabei hat sie dieselbe Geschichte immer und wieder gehört: Die Menschen fühlen sich einem System des Schweigens gefangen, eine Kultur des Wegschauens wird etabliert.

„The Assistant“ schildert 87 Filmminuten lang sexuellen Missbrauch, der am Arbeitsplatz hinter geschlossenen Bürotüren geschieht. Mit erzählerischer Ruhe, aber dennoch visueller Strenge erläutert der Film präzise – ohne es jemals auszusprechen – was es heißt, Teil eines solch unter- beziehungsweise bedrückenden Systems zu sein, wo jeder weiß, was vor sich geht, aber sich dennoch keiner traut, etwas zu sagen. Ein leiser Film zu einem lauten Thema.

Rating

71/100

Bilder: © Forensic Films

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