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Filmanalyse: „Die Klapperschlange“ – Blaupause für den 80-er Actionfilm

Wortkarge Typen, harte Action und treffsichere Oneliner: Mit diesen wenigen Worten hat man die Quintessenz des Actionfilms eigentlich perfekt beschrieben. Doch stimmt das wirklich? Lässt sich ein so beliebtes Genre tatsächlich auf so wenige, simple Zutaten herunterbrechen? Und wenn dem so ist, wieso erfreuen sich die Filme der Hochblüte dieses Genres, also der 80er und 90er, nach wie vor so großer Beliebtheit? Was macht den Zauber von Actionfilmen aus? Eine Frage, die wir heute anhand des Beispiels „Die Klapperschlange“ aus dem Jahr 1981 versuchen wollen zu beantworten. Denn eines steht fest: Dieser Film vereint all die typischen Elemente in sich, die einen „echten“ Actionfilm ausmachen.

von Mara Hollenstein

Der Antiheld als Identifikationsfigur

Das fängt mit dem Hauptcharakter an: wortkarg – check, ehemaliger Angehöriger einer Eliteeinheit – check, gegen die ihm vorgesetzten Autoritäten aufbegehrend – check, markanter Körperbau – check. Und dazu noch dieser Name: Snake Plissken. Nichts schreit lauter Badass Motherfucker als ein großes Tattoo einer Kobra auf dem Bauch und dazu der Spitzname Snake. (Kleine Anmerkung dazu: Auch wir von der Redaktion können uns nicht erklären, wie die deutschen Verleiher damals auf die Idee kommen konnten, diesen Film „Die Klapperschlange“ zu nennen, wo er doch einerseits im Original „Escape from New York“ heißt und andererseits die Schlange, welche Kurt Russels Körper schmückt, eindeutig eine Kobra ist.) Aber zurück zu unserem Protagonisten. Dieser ist quasi der Gegenentwurf zu dem typischen Helden, dem netten Kerl von nebenan vom Typ Superman, denn immer mehr Menschen hatten damals die Nase voll von überzeichneten, unerreichbaren, moralisch überlegenen Vorbildern. Diesen Überdruss bewiesen zwar bereits viele Filme der so genannten „New Hollywood“ – Ära, man denke nur an Werke wie „Taxi Driver“, allerdings trug der Actionfilm einiges dazu bei, die Idee des rauen, mit Ecken und Kanten versehenen Protagonisten im Mainstream zu verankern. So wie die Filme immer dreckiger und realistischer wurden, mussten es eben auch die Helden werden.

Auch Snake Plissken ist kein freiwilliger Erlöser, der in letzter Sekunde herbeieilt, um die Welt zu retten, sondern ein ziemlich desillusionierter Kriegsveteran, der zufällig gerade in jenes Gefängnis kommen sollte, in dem der amerikanische Präsident als Geisel festgehalten wird. Und selbst als ihm die prekäre Lage erklärt wird, kann ihn der Gefängnisdirektor erst durch Erpressung zur Rettungsmission motivieren. Am Ende macht er zwar, was notwendig ist, um seine Mission zu erfüllen, aber zum unterwürfigen Fan von Obrigkeiten wird er deswegen noch lange nicht. Und genau hier kann sich der Zuschauer wiederfinden, genau damit schafft diese Form des Antihelden eine Identifikationsfläche, denn nach vielen Jahren, in denen die Gesellschaft sowohl einige kalte, als auch viel zu viele heiße Kriege miterleben musste, war das Misstrauen gegenüber den Regierungen und dem Militär besonders groß – damals wie heute.

Nachvollziehbare Motivationen, um moralisch fragwürdige Handlungen zu rechtfertigen

Doch trotz des Misstrauens und der vorherrschenden Ernüchterung auf Seiten des Publikums müssen die Verantwortlichen dafür Sorge tragen, dass ihre Antihelden auch mit nachvollziehbaren Motivationen für ihre Taten ausgestattet werden, denn der Zuschauer kann nur schwer mit jemandem mitfühlen und mitfiebern, wenn er dessen Beweggründe für seine Handlungen nicht versteht. Dies kommt noch mehr zum Tragen, wenn der Protagonist Handlungen setzt, die normalerweise als moralisch fragwürdig, wenn nicht gar verwerflich gelten. Deswegen bedient man sich bei Actionfilmen gerne zweier Elemente, um trotz der gezeigten Taten Sympathien für die Hauptfigur zu wecken. Einerseits präsentiert man oft einen Charakter, der leidet, der wirklich kämpfen muss, um allen Widrigkeiten zum Trotz am Ende doch heil aus der Sache herauszukommen. Deswegen hat Rambo im ersten Teil noch durchaus, vielleicht nicht gerade physisch aber doch psychisch, schwer an seinen Taten zu knabbern; deswegen kommt Schwarzenegger ordentlich ins Schwitzen, bevor er dem Predator am Ende den finalen Schlag verpasst; deswegen ist Willis Unterhemd am Ende vom ersten Stirb Langsam wohl das dreckigste der Filmgeschichte.

Um diese Realitätsnähe allerdings ausreichend abzuschwächen, damit der Zuschauer kein schlechtes Gewissen bekommt, weil er gerade einem Typen zujubelt, der einfach so ein paar Menschen ins Jenseits befördert, behilft man sich des zweiten Stilmittels, dass den Coolness-Faktor in die Höhe schnellen lässt und einem jeden sofort klar macht, dass das hier nur ein Film ist: des Oneliners. Die kurzen, im besten Fall äußerst pointierten und gut gesetzten Sprüche sorgen nämlich für regelmäßige Momente des Aufatmens, während derer der Zuschauer sich schmunzelnd vor Augen führen kann, dass es halb so schlimm ist, dass hier gerade ein Mann auf eine Miene getreten ist, von einem Dach gestürzt ist oder schlichtweg erschossen wurde, weil ja eh alles nur Fiktion, eben ein Film ist. Wenn es dann auch noch so wie in „Die Klapperschlange“ gemacht wird, wo prinzipiell wenig gesprochen wird, ziehen die gut platzierten Oneliner natürlich gleich noch viel besser.

Auf die Action nicht vergessen!

Doch ein wortkarger Antiheld und erfrischende Oneliner funktionieren nur, solange die Verantwortlichen das wichtigste Element nicht aus den Augen verlieren: die Action. Je nach Jahrzehnt gibt es hier ein paar feinere Unterschiede, aber eines hat sich über die Zeit hinweg nie verändert: Das Ganze muss hart, handgemacht und ein wenig dreckig ausschauen, um beim Zuschauer wirklich Eindruck zu hinterlassen. Kein Wunder also, dass viele der ikonischsten Actionszenen der Filmgeschichte bei Nacht oder in dunklen Gebäuden spielen, denn die erzeugte Atmosphäre ist es, was den Top vom Flop unterscheidet. So auch bei „Die Klapperschlange“, wo quasi der gesamte Film innerhalb einer Nacht spielt und so die finale Verfolgungsjagd über eine verminte Brücke alleine schon auf Grund der starken farblichen Kontraste zum Blickfang avanciert. Wenn dann auch noch der Schauspieler einige der Stunts übernimmt, sodass der Kameramann auch in den wirklich brenzligen Situationen nah am Geschehen bleiben kann, ist das für jeden Genrefan die Kirsche auf der Sahnetorte. Die Location ist schließlich zwar auch nicht außer Acht zu lassen, folgt allerdings keinen engen Regeln, denn der Kreativität scheinen kaum Grenzen gesetzt, sei es nun der Dschungel, ein Hochhaus, oder eben das zu einem Gefängnis umfunktionierte Manhattan. Solange halbwegs plausibel dargelegt wird, wieso unser Antiheld dort ist, ist der Actionfan zufrieden.

All die genannten Faktoren zusammengenommen ergeben dann auch eine gute Antwort auf die oben gestellte Frage: “Was macht den Zauber von Actionfilmen aus?“. Es ist dieser Mix aus einer Figur mit Ecken und Kanten, mit einem oft dramatischen Schicksal, mit der man sich, trotz ihrer eigentlich moralisch verwerflichen Taten, identifizieren kann, auch dank der steten Erinnerung an das fiktionale Element des gerade Gesehenen, und gut inszenierter Action, die den in uns schlummernden Schaulustigen befriedigt – also Eskapismus in seiner actionlastigsten Form.

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