Website-Icon Film plus Kritik – Online-Magazin für Film, Kino & TV

MUBI-Kolumne #3 – Realismus und Nostalgie

von Marius Ochs

Ein Streaming-Service für Liebhaber der Filmkunst, das ist MUBI. Der aktuelle Markt wird überschwemmt – wirklich besondere Angebote gibt es dabei aber selten. MUBI ist jedoch ein Highlight, denn das Angebot ist handverlesen und überrascht immer wieder aufs Neue. Nicht umsonst hat der Dienst Partnerschaften mit vielen Filmschulen, um zukünftigen Filmschaffenden Zugang zu den Filmperlen zu verschaffen. An dieser Stelle wollen wir euch immer die neuen Filme der letzten Woche vorstellen. Zur Erklärung: das Angebot der Seite wechselt täglich, sodass pro Jahr 365 Filme zu sehen sind, die jeweils nach 30 Tagen aus der Produktpalette verschwinden. Bis die Programmkinos wieder aufmachen, ist das hier die beste Alternative zum generischen Angebot von Netflix & Konsorten!

Noch 30 Tage verfügbar:

Detachment – Tony Kaye

Tony Kaye („American History X“) als Regisseur und Adrien Brody („Der Pianist“) als Hauptdarsteller – das hier ein hartes, realistisches Meisterwerk entstanden ist, verwundert wenig. Das Drehbuch wurde von einem ehemaligen Lehrer verfasst, was „Detachment“ eine eigene, schmerzhafte Authentizität verleiht. Die Geschichte dreht sich um einen Aushilfslehrer, der sich für Schüler einsetzt, die andere schon aufgegeben haben. Da er jedoch nur als Aushilfe zugegen ist, scheint es für ihn unmöglich zu sein, nachhaltige Hilfe anzubieten. Am Ende dieses Films ist man sensibilisiert für die Probleme des US-amerikanischen Schulsystems und den Alltag als Lehrer in Brennpunkt-Schulen.  

Detachment (2011)

Noch 29 Tage verfügbar:

Thomas Arslan – Helle Nächte

Dieser deutsche Film von 2017 behandelt ein schwieriges Thema: Reue. Mit dem Blick auf eine Vater-Sohn-Beziehung schafft Aslan einen langsamen, hypnotischen Film, der nicht nur wegen der atemberaubenden Landschaften wunderschön anzuschauen ist. Georg Friedrich spielt hier den schuldgeplagten Vater überragend, wofür er auf der Berlinale auch ausgezeichnet wurde. Ein hoch-metaphorischer Kunstfilm, der emotional lange nachwirkt.

Noch 28 Tage verfügbar:

Stranger than paradise – Jim Jarmusch (Reihe: Gesetzlose Sonderlinge: Das Aussenseiter-Kino des Jim Jarmusch)

Der dritte Jarmusch-Film der Reihe zählt zu seinen beliebtesten Filmen. „Stranger than paradise“ hat zum Beispiel in Cannes und auf dem Sundance-Festival Preise gewonnen. Wie auch „Permanent Vacation“ spielt der Film in New York, entwickelt sich aber schnell zu einem Road-Movie der besonderen Art, das Einblicke in die kleinen Momente des Lebens auf der Straße in den USA gibt. Die Geschichte um eine junge Ungarin, die ihren Cousin in New York besucht, hat Kultstatus erlangt. Der großartige Soundtrack und die überragende Situationskomik machen den Film auch künstlerisch zu einem wahren Vergnügen. Aber auch als Zeitporträt der 80er in den USA ist der Film hochinteressant.

Noch 27 Tage verfügbar:

On the starting line – Aldemar Matias

Dieser Indie-Arthouse-Film von 2019 ist das Debüt des brasilianischen Regisseurs Aldemar Matias und ist mit nur einer Stunde Laufzeit eine eher kurze Angelegenheit. In dieser Stunde taucht der Zuschauer in das Leben von Jennifer ein, einer jungen kubanischen Frau, die ihre Leichtathletik-Karriere in Frage stellt. Der Film dreht sich um die Ziele eines jungen Menschen mit ungewisser Zukunft und ihre Familienprobleme. Ein intimes, emotionales Debüt eines vielversprechenden Regisseurs. 

Noch 26 Tage verfügbar:

Die Schachspieler – Satyajit Ray (Reihe: Eine Reise ins indische Kino)

„Die Schachspieler“ entstand während der Zeit der Pressezensur in Indien und ist dementsprechend politisch motiviert. Dieser satirische, postkolonialistische Film gibt einen Ausblick in die Zukunft des Landes anhand seiner Vergangenheit. Die Geschichte handelt von einem Machtwechsel während der britischen Kolonialzeit und spinnt sich um das Schachspiel zweier Adeliger.  Diese Analogie bestimmt den ganzen Film und mit Hilfe seines schwarzen Humors und der starken Regie avanciert dieser indische Film zu einer witzigen und wichtigen Perle des Weltkinos.

Die Schachspieler (1977)

Noch 25 Tage verfügbar:

Nostalghia – Andrei Tarkovsky

Nachdem mit „Das Opfer“ schon ein Tarkovsky-Film auf MUBI zu finden ist, ist jetzt mit „Nostalghia“ der zweite seiner insgesamt nur sieben Filme verfügbar. „Nostalghia“ dreht sich um einen russischen Schriftsteller, der auf eine Forschungsreise nach Italien geht und dort in eine schwere Melancholie verfällt. Tarkovsky befand sich selbst im Exil, während er den Film gedreht hat – die persönliche Note ist also nicht zu übersehen. Für dieses spirituelle und humanistische Meisterwerk hat Tarkovsky in Cannes den Preis für den besten Regisseur gewonnen. Da seine Filme auf allen anderen Streaming-Plattformen nicht verfügbar sind, ist das eine gute Möglichkeit, die Filme eines der größten Regisseure aller Zeiten nachzuholen.

Noch 24 Tage verfügbar:

Die Müßiggänger – Federico Fellini (Reihe: Fellini 100 – Ein Jubiläum)

Federico Fellini war einer der Großmeister des italienischen Kinos und hat mehrere Meisterwerke („8 1/2“,  „Die Nächte der Cabiria“) geschaffen. MUBI zelebriert den Regisseur in diesem Jahr, da er 100 Jahre alt geworden wäre. „Die Müßiggänger“ war dabei sein erster kommerzieller Erfolg. Der Film hat stark autobiographische Züge, wie die meisten von Fellinis Werken und dreht sich um die Erfahrungen als Heranwachsender nach dem zweiten Weltkrieg. Ein junger Mann schwängert seine Freundin und muss das erste Mal Verantwortung übernehmen – das Ende des Sommers symbolisiert dabei das Ende der Jugend. Martin Scorsese hat hier viel Inspiration für „Mean Streets“ gefunden.

Die Müßiggänger (1953)
Die mobile Version verlassen