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„The Nightingale“ – Kritik zum Heimkino-Start

von Cliff Brockerhoff

They went arm in arm along the road, ‘til they came to a stream. And they both sat down together, love to hear the nightingale sing. Mit diesen bezaubernd gesungenen Worten aus der Kehle der jungen Irin Clare Caroll startet „The Nightingale“ in seine Handlung. Soweit so unschuldig, wäre Clare nicht eine Strafgefangene und bei ihrer Darbietung den lüsternen Blicken zig britischer Soldaten ausgesetzt, die sich nicht nur nach der Stimme des Fräuleins verzehren – und befänden wir uns nicht im Jahre 1825, in dem eine Armlänge Abstand noch nicht erfunden war und der Wille einer Frau keinerlei Wert besaß.

So nimmt das Unheil schnell seinen Lauf, viel schneller als es für den ein oder anderen erträglich sein wird. Berichte über flüchtende Kinozuschauer beim Sydney Film Festival werden plötzlich nachvollziehbar, denen zufolge ungefähr 30 Zuschauer das Screening vorzeitig verließen. Vergewaltigung, Gewalt, Mord – all dem wird der Betrachter innerhalb der ersten Minuten schutzlos ausgesetzt, mindestens genau so schutzlos wie die Protagonistin, die danach auf Rache sinnt und dank der Unterstützung eines farbigen Führers die Fährte der Soldaten aufnehmen kann.

Die reine Beschreibung lässt erahnen welche Kontroversen solch ein Film nach sich zieht. Jennifer Kent, ihres Zeichens Drehbuchautorin und Regisseurin des Werkes, begibt sich nach „Der Babadook“ also auf gänzlich anderes Terrain und sah sich nach den ersten Vorführungen Kritik und wüsten Beschimpfungen ausgesetzt, da sie sich als Frau getraut hatte eine solch explizite und frauenverachtende Handlung auf die Leinwand zu bringen. „Verständlich“ wie sie selber konstatiert, gleichzeitig aber die geschichtliche Akkuratesse betont, die nun, fast 200 Jahre später, vereinzelten Individuen mit voller Wucht vor den Kopf stößt. Und doch, trotz all der seelischen Brutalität, entwickelt sich innerhalb der mehr als zweistündigen Handlung eine fast schon irritierende Leichtfüßigkeit, getragen von der sich aufbauenden Chemie zwischen Clare und dem schon erwähnten Fährtenleser „Billy“, der als Farbiger ein mindestens ebenso hartes Schicksal teilt wie die Frau, die er durch den dichten Wald des heutigen Tasmaniens geleitet.

Nicht, dass der Film mit Hilfe von comic relief in gänzlich andere Richtungen ausschlagen würde, nein. Aber das anfangs sehr schroffe Miteinander wandelt sich, begünstigt durch das geteilte Leid und dem Umstand, dass beide „Außenseiter“ aufeinander angewiesen sind. Das Motiv der Rache schwelt zwar permanent unter der Oberfläche, lässt der Handlung aber genügend Raum zum Atmen, eingefangen in kraftvollen Bilder und immer wieder unterlegt vom Gesang der Vögel, dessen Symbolträchtigkeit sich nicht nur im Titel, sondern auch inmitten der Handlung wiederfindet, ist der Vogel doch das Sinnbild für die Freiheit. Einer Freiheit, dessen Ehre einem Schwarzen und einer Strafgefangenen nicht zuteilwird, und doch immer wieder metaphorisch über den Baumgipfeln erklingt.

Angesichts des knallharten Einstiegs mag das nicht so recht ins Gesamtkonzept passen, verdeutlicht aber Kents Intention, die nicht danach strebt einen weiteren, stumpfen rape-and-revenge Thriller zu inszenieren, sondern deutlich mehr zu sagen hat und den Wandel der Ausrichtung als probates Mittel dazu nutzt ihre eigene Stimme einfließen zu lassen. Die mehrfach angeprangerte Gewalt blitzt zwar noch an einigen Stellen auf, verkommt aber zum Beiwerk. Der Film entledigt sich seiner Fesseln, ebenjenen Fesseln, die auch die gespielten Charaktere tragen, denen ein für unsereins normales Leben verwehrt bleibt. Apropos Charaktere: die wahnsinnig gute schauspielerische Leistung darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Egal ob Aisling Franciosi in der Rolle der gepeinigten Rächerin, Baykali Ganambarr als intrinsisch motivierter Gefährte oder auch Sam Claflin in seiner Darbietung als sadistischer Lieutenant – sie alle brillieren.

Fazit

„The Nightingale“ beginnt mit mehreren Tiefschlägen, entwickelt sich aber im Fortlauf seiner Prämisse zu einem authentischen Einblick in vergangene Zeiten, die leider in einigen Teilen der Welt immer noch bittere Realität sind. Trotz vereinzelter Längen bietet der Film wenig Platz für Langeweile und vermittelt unentwegt eine klare Botschaft, die mal in die Gehirnwindungen der Zuschauer geprügelt wird, nur um dann subtil in den Tönen der besungenen Nachtigall anzuklingen. Ein wichtiges, aber ebenso mutiges Werk, das ohne Zweifel einen mutigen Betrachter voraussetzt.

Bewertung

7 von 10 Punkten

Wer sich als einen solchen bezeichnen würde, kann „The Nightingale“ aktuell auf BluRay, DVD oder im edlen Mediabook vorbestellen, die euch Koch Films ab dem 25. Juni in den Handel bringt. Ganz ungeduldige Zeitgenossen haben die Möglichkeit den Film vorab bei Amazon Prime Video zu leihen.

Bilder: ©Koch Films

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