Website-Icon Film plus Kritik – Online-Magazin für Film, Kino & TV

„Schwarze Milch“: Interview mit Regisseurin Uisenma Borchu

Regisseurin Uisenma Borchu („Schau mich nicht so an“) spielt auch in ihrem zweiten Film „Schwarze Milch“ selber die Hauptrolle und holte sich als Filmpartner Franz Rogowski dazu. Der Film feierte bei der Berlinale seine Premiere und ist seit 10.7. in Österreichs Kinos zu sehen. Wir trafen Borchu zum ausführlichen Interview.

Interview von Paul Kunz

Film plus Kritik: Hallo, Uisenma! Wie geht es dir?

Uisenma Borchu (Titelbild): Mir geht es gut, danke.

Film plus Kritik: Wie waren die letzten Monate während des Corona-Lockdowns für dich?

Uisenma Borchu: Es ging eigentlich. Die Situation hat ja durchaus auch Vorteile gehabt: Man ist ein bisschen runtergekommen und konnte relaxen. Klar ist es gruselig, wenn man sich vorstellt, dass einfach so eine Pandemie starten kann und ich weiß natürlich auch was für Nachteile das für viele Menschen gehabt hat. Aber ganz egoistisch gesagt war es für mich auch gut.

Film plus Kritik: Wir wollen ja eigentlich über deinen Film „Schwarze Milch“ sprechen. Was bedeutet denn der Ausdruck „schwarze Milch“ für dich?

Uisenma Borchu: Als ich das Buch zu „Schwarze Milch“ geschrieben habe, habe ich den Ausdruck als Rebellion wahrgenommen. Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass es eine Kraft ist, die in uns allen wohnt, aber schon lange vergessen wurde – gerade in Bezug auf die Frau. Die Muttermilch ist für mich die stärkste Flüssigkeit, die es gibt. Sie macht uns stark und ist unersetzbar. Und das ist etwas Verborgenes, weil man die Kraft der Frau überhaupt nicht anerkennt. Wir sagen von allem, was für uns sichtbar ist, es ist „weiß“, aber diese Kraft ist verborgen, sie ist „schwarz“.

Film plus Kritik: Der Film ist zwar nicht autobiographisch, fühlt sich aber dennoch sehr intim an. Was sind die Parallelen zwischen dir und Wessi, der Figur, die du spielst?

Uisenma Borchu: Es ist die Sehnsucht zurückgehen zu wollen, ohne genau zu wissen, was man sucht. Und wenn man dann tatsächlich auf diesem Wüstenboden liegt und die Erde einen anzieht… das ist der gemeinsame Punkt, den ich mit Wessi hab. Die Suche nach einer vermeintlichen Identität, von der man sinnloserweise glaubt, sie könnte mit Nationalität zusammenhängen – aber das tut sie nicht. Wessi trifft sich selbst auf dem Wüstenboden. Sie akzeptiert sich, wie sie ist, verzeiht sich auch. Das ist das, was mich mit Wessi verbindet.

Film plus Kritik: Wie präsent ist die Mongolei denn heute in deinem Leben?

Uisenma Borchu: Sehr präsent. Klar, ich kam nach Deutschland als ich vier, fünf Jahre alt war. Wir sind aber auch sehr oft wieder in die Mongolei zurückgefahren – daher kann ich auch ein bisschen Mongolisch. Man versteht mich gut, aber es ist eher Umgangssprache. Und wenn ich versuchen will, mich darüber hinaus auszudrücken, dann gibt es Gelächter. Mir war es wichtig, das auch in den Film einzubauen.

Film plus Kritik: Es gibt ja diesen Moment, als Wessi die deutsche Phrase „Das Essen ist so gut, da könnte ich mich reinlegen“ wortwörtlich ins Mongolische übersetzt.

Uisenma Borchu: Genau! Solche Momente kenne ich sehr gut. Und bei den Mongolen ist gerade Essen etwas sehr Wichtiges. Man muss damit umgehen als wäre es heilig, darf es nicht verdrecken und keinesfalls dekadent sein. Wobei… in der Zeit von Dschingis Khan hat man schon auf großem Fuß gelebt, das war ja ein krasser Imperator. Also die Mongolen können auch luxuriös sein, wenn sie wollen.

Film plus Kritik: Ist „Schwarze Milch“ ein Film, den du schon lange machen wolltest?

Uisenma Borchu: Dadurch, dass ich als Kind gezwungen war, den Unterschied zwischen mir und Deutschen zu sehen, hat sich dieses Thema über die Jahre hinweg aufgebaut. Vor zwei Jahren habe ich dann einfach angefangen aufzuschreiben, was mich interessierte und das war dieser Unterschied und das Leben zwischen den Kulturen. Aber auch der Umgang mit der Tatsache, dass man in die Wüste kommt und als jemand Fremdes angesehen wird, obwohl man nur gemocht werden will.

Film plus Kritik: Du hast das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, den Film geschnitten und spielst noch dazu selbst die Hauptrolle. War das von Anfang an klar, dass du die Figur, von der du erzählen willst auch selber spielst?

Uisenma Borchu: Ja. Dadurch war es auch ganz anders als bei „Schau mich nicht so an“, wo das überhaupt nicht klar war. Für „Schau mich nicht so an“ habe ich mit einigen Schauspielerinnen geredet, aber die Nacktszenen waren für viele ein Problem. Und dann dachte ich mir: „Naja, dann mach ich es selbst.“ Aber damals habe ich mich nicht so richtig getraut – weil wenn man in der deutschen Fernsehlandschaft als Ausländerin spielt, muss es einen Grund dafür geben, man muss das erklären. Bei „Schwarze Milch“ war das kein Problem, weil es ohnehin darum geht, zu Wurzeln zurückzukehren. Und da ich das ja selbst erlebt, selbst diese Erfahrungen gesammelt habe, wollte ich auch diesen ehrlichen Weg gehen.

Film plus Kritik: Wessis Schwester wird im Film von deiner Cousine gespielt. Das war ihre erste Arbeit als Schauspielerin, richtig?

Uisenma Borchu: Ja, genau. Als ich sie gefragt habe, hat sie mir gesagt, dass sie gerne eine Nomadenfrau spielt – sie ist in der Wüste Gobi geboren und hat dort jahrelang gelebt. Sie hat aber auch gemeint, dass sie keine Stadtfrau spielen kann. Ihre Antwort war simpel und ehrlich und so hat sie dann auch gespielt. Das fand ich toll.

Film plus Kritik: Wie verbreitet ist das Nomadentum in der Mongolei denn heute eigentlich?

Uisenma Borchu: Naja, es gibt die Hauptstadt und noch einige andere mittelgroße Städte. Aber außerhalb der Städte gibt es auch heute noch sehr viele Nomaden.

Film plus Kritik: Der Film wirkt beizeiten dokumentarisch und entwickelt auch dadurch eine ganz eigene Authentizität. Wie viel kam denn durch Improvisation zustande, beziehungsweise durch die Situationen, denen man vor Ort begegnet?

Uisenma Borchu: Ich wusste, dass wir mit Nomaden in der Wüste drehen werden und da wollte ich nicht ins Schleudern geraten. Insofern war es wichtig ein Drehbuch zu haben, in dem klar festgesetzt ist, was passieren soll. Aber ich weiß beim Schreiben auch, dass sich beim Drehen viel verändert und improvisiert wird. Die Feier in der Jurte zum Beispiel, das wollte ich so herzeigen, wie ich es selbst kenne: wenn man im Kreis sitzt, eng zusammen, auf den Füßen der anderen. Es ist gut ,einen Rahmen vorzugeben, aber wenn du ein Stück Echtheit willst, dann lässt du die Nomaden einfach machen.

Film plus Kritik: Es geht in „Schwarze Milch“ um das Aufeinanderstoßen von zwei Kulturen einerseits, aber es treffen auch zwei Frauen als Individuen aufeinander. Wie greifen diese Aspekte ineinander?

Uisenma Borchu: Es ist eine Wechselwirkung. Frauen interessieren mich sowieso – sie sind spannend und das filmisch auszudrücken ist schon ziemlich geil. Die Schwestern beeinflussen sich, obwohl sie das überhaupt nicht wollen, weil jede insgeheim von sich glaubt die Bessere zu sein: mit der besseren Kultur, besseren Sprache, besseren Ausbildung. Es ist nicht nur Wessi, die mit ihrer Arroganz in die Mongolei kommt, weil Ossi auch ihre Züge hat und sich ignorant verhält. Und diese Konkurrenz auf kultureller Ebene hat mich sehr interessiert, weil es in meinem Leben immer Thema gewesen ist. Es gibt überall diesen Drang sich gegenseitig fertig zu machen – von Männern will ich jetzt gar nicht sprechen, aber bei Frauen ist das sehr markant.

Film plus Kritik: Was würdest du denn sagen, ist Feminismus für dich?

Uisenma Borchu: Feminismus ist sich um sich selbst zu kümmern, sich das Privileg zu geben nachzudenken: Warum bin ich ein Mensch? Warum habe ich Wünsche und Bedürfnisse? Und zu merken, dass niemand über mir steht. Aber das ist schwierig. Es gibt so viele Frauen, die von Feminismus labern und dann nach Hause gehen und selbst zum Opfer werden. Und ich glaube, Feminismus ist dann gelebt, wenn man ehrlich zu sich selbst ist – egal ob Mann oder Frau.

Film plus Kritik: Jetzt haben wir schon über die Beziehung der beiden Protagonistinnen zueinander gesprochen. Was hat dich bei „Schwarze Milch“ an den Beziehungen von Frauen zu Männern interessiert?

Uisenma Borchu: Terbish spielt da eine ganz wesentliche Rolle. Er gibt Wessi eine gewisse Sicherheit, weil er sie akzeptiert, wie sie ist. Aber sie will ihn sofort vereinnahmen, was er wiederum nicht zulässt, weil er seine Freiheit lebt. Und bei der Schlachtungsszene zum Beispiel ist er dann auch von ihr abgeturnt, weil er erkennt, dass sie versucht eine Maske aufzusetzen. Ich denke, dass das die Tragödie einer schönen leidenschaftlichen Liebesbeziehung ist. Wenn einer sagt: „Ich will dich nicht, weil mir etwas an dir nicht passt.“

Film plus Kritik: In der Mitte des Films gibt es eine aufwühlende Szene mit dem Eindringling, der sich Zugang zur Jurte verschafft – dann kommt es zum Gewaltakt. Was war die Idee dahinter?

Uisenma Borchu: Im Grunde ist es eine Vergewaltigung. Und die Frage ist da immer: Wie stellt man die Frau dar? Wie sehr ist sie Opfer? Das Problem ist, wie sehr es immer um die Penetration geht und um einen Mann, der eine Frau fertigmacht. Aber eigentlich ist die Kraft der Frau, die schwarze Milch, völlig unantastbar. Der Mann, der glaubt eine Frau fertigzumachen, der hat sie nicht mal im Geringsten berührt. Die Würde der Frau ist gar nicht berührbar. Und von dieser Idee ausgehend wollte ich Wessi eher hexenmäßig darstellen – eine Art Abwehr. Ich fand das wichtig, weil es für mich viel stärker ist als eine Frau zu zeigen, die leidet und weint.

Film plus Kritik: Gibt es schon ein neues Projekt, an dem du arbeitest?

Uisenma Borchu: Ich bin am Schreiben und am Suchen. Ich habe einige Ideen, die mich interessieren. Aber im Moment gibt es noch nichts Konkretes.

Film plus Kritik: Vielen Dank für das Gespräch!

Bilder: (c) Alpenrepublik GmbH Filmverleih

Die mobile Version verlassen