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„The Hater“ – Kritik zum Netflix-Start

von Mara Hollenstein-Tirk

Netflix scheint in den letzten Jahren nicht nur ein Händchen bei seinen Eigenproduktionen zu beweisen, sondern ist auch gut darin sich die internationalen Rechte an vielversprechenden Filmen anderer Studios zu sichern – man denke nur an den Film „Auslöschung“. „The Hater“, dem neuen Werk des polnischen Filmemachers Jan Komasa, wurde allerdings nicht irgendein CEO zum Verhängnis, sondern Corona. Am 6. März diesen Jahres feierte er seine Premiere in den polnischen Kinos, einem internationalen Publikum sollte er Mitte April auf dem Tribeca Film Festival präsentiert werden; doch wie wir alle wissen, sollte es dazu nie kommen.

So fand diese Perle schließlich ihren Weg zum Streaminganbieter, der ihn seit dem 29.7. in seinem Programm führt. Und wenn man sich die Charts der letzten Zeit so anschaut, muss man sagen, dass Netflix ruhig ein bisschen mehr Werbung für den Film hätte machen können, denn scheinbar ging er, wie so viele vor ihm, in der Flut an wöchentlichen Neuerscheinung unter – ein Umstand, der, ob der Qualität und Aktualität des Films, nur als bedauerlich angesehen werden kann. Denn die Geschichte rund um die Wandlung eines etwas eigenartigen, aber dennoch irgendwie sympathischen jungen Mann, der durch private Rückschläge, Zurückweisungen und seinen neuen Job bei einer dubiosen PR-Agentur zu einem berechnenden Puppenspieler mutiert, der über Leichen geht um sein Ziel zu erreichen, ist ebenso verstörend wie faszinierend.

Komasa wählt einen sehr realistischen, nachvollziehbaren Zugang, fokussiert sich auf seinen nuanciert ausgearbeiteten Protagonisten, vermeidet dabei das Abdriften in Schwarz-Weiß-Denken und hält der Gesellschaft so gekonnt den Spiegel vor, ohne den Zeigefinger allzu belehrend zu erheben. Damit das alles funktionieren kann, bedarf es natürlich eines Schauspielers, der fähig ist die inneren Konflikte und Entwicklungen glaubhaft darzustellen. Hier kommt Maciej Musialowski ins Spiel – ein polnischer Newcomer, dessen Name notiert werden sollte, denn was dieser junge Mann hier abliefert, lässt manchen Veteranen der Schauspielkunst alt aussehen. Jede kleinste Veränderung in seiner Mimik und Gestik scheint genau durchdacht, dabei trotzdem vollkommen natürlich und sagt so oft mehr aus, als Wörter es könnten.

Auch wenn Musialowskis Charakter hier eindeutig der Fixstern ist, um den sich die Handlung dreht, verdienen auch die Nebendarsteller lobende Worte. Von Vanessa Aleksander, welche das erstaunlich vielschichtige Objekt der Begierde mimen darf, über Danuta Stenka und Jacek Koman, die Eltern der Angebeteten, bis hin zu Agata Kulesza als knallharte Agenturchefin und Maciej Stuhr als aufstrebender Bürgermeisterkandidat – sie alle legen hier ein Können an den Tag, das einem mal wieder eindrucksvoll vor Augen führt, dass man nicht immer über den großen Teich schauen muss um großartige Werke bestaunen zu können. Abgerundet wird das Ganze schließlich durch ein Setting, welches, dem geerdeten Ton der Geschichte entsprechend, schnörkellos daherkommt und einem Soundtrack, der sich die meiste Zeit bewusst dezent im Hintergrund hält.

Fazit

Wer einen Netflix-Account besitzt und immer auf der Suche nach verschütteten Juwelen ist, der sollte dieser fesselnden, vorzüglich gespielten Charakterstudie auf jeden Fall eine Chance geben, denn auch die Europäer können Gesellschaftskritik auf Film bannen, die unter die Haut geht.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Bilder: (c) Netflix

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