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„David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ – Kritik

von Cliff Brockerhoff

Beim Namen „David Copperfield“ wird der Großteil wahrscheinlich an den Mann denken, der in den 90er-Jahren die Freiheitsstatue verschwinden ließ, gefesselt die Niagarafälle bezwang und live am TV dazu einlud gemeinsam Kartentricks mit ihm zu vollführen. Beileibe kein Einzelschicksal, denn so erging es sogar Dev Patel, der sich beim Angebot der Rolle schon als Besitzer eines großen Zylinders wähnte, aus dem alsbald ein weißes Kaninchen emporsteigen würde. Doch weit gefehlt.

In „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ geht es nicht etwa um den Magier, der die Menschheit mit seinen Illusionen zum Staunen brachte, sondern um den Herren, dessen Name sich der Zauberkünstler zu eigen machte und in seiner ursprünglichen Form einem autobiographisch geprägten Roman von Charles Dickens entsprang. Wer an dieser Stelle einen faden Geschmack im Mund verspürt und eine knochentrockene Adaption befürchtet darf beruhigt aufatmen; denn was der britische Regisseur Armando Iannucci dem Werk in seiner filmischen Umsetzung entlockt hat, ist alles andere als langweilig.

Ganz im Stile von Dickens selber setzt auch Iannucci auf einen sehr humorvollen Stil und entwirft in den zwei Stunden Laufzeit eine fast schon kunterbunte Welt voller verschrobener Charaktere, hitzigen Wortgefechten und interessanten Wendungen, immer wieder unterfüttert vom typisch britischen Humor, der selbst die dramatischte Situation aufzulockern weiß. Die Handlung präsentiert sich dabei als coming-of-age Story, die den jungen David von seiner Geburt an durch die verschiedensten Stadien seines Lebens begleitet. Als Sohn einer Lady geboren lernt er schnell die Vorzüge eines solchen Umstandes kennen, kann sich aber ebenso für die „kleinen Dinge“ begeistern und pflegt derweil eine besondere Beziehung zur unkonventionellen Haushälterin Mrs. Pegotty. Das alles ändert sich als der herrische Stiefvater die Bühne betritt und David zum Arbeiten in eine Flaschenfabrik schickt, in der sich auch Dickens seiner Zeit wiederfand.

Erzählt wird die Geschichte von Copperfield höchstselbst, der seine Memoiren verliest und den Zuschauer so an den unterschiedlichsten Etappen seines Daseins teilhaben lässt. Konträr zu vergleichbaren Werken dieser Epoche ist das Erzähltempo dabei beinahe irrsinnig hoch und wirft den Betrachter in immer wieder neue Szenarien. Die Schauplätze reichen dabei vom Elternhaus über ein als Wohnung okkupiertes Boot bis hin zu noblen Etablissements, in denen Copperfield sein späteres, erfolgreicheres Leben verbringt. Zeit für Langeweile bleibt selten, denn kaum angekommen muss der junge Literat auch schon wieder weiter und trifft am Ort des Geschehens immer wieder auf bereits eingeführte und liebgewonnene Charaktere, die ohne Zweifel eine der ganz großen Stärken darstellen.

Neben bereits erwähntem Dev Patel, der die Rolle des talentierten Schriftstellers mehr als eindrucksvoll interpretieren kann, überzeugt auch der restliche Cast in voller Bandbreite. Egal ob Tilda Swinton als verrückte Tante Betsey mit Hang zur Eselphobie, Ben Whishaw als listiger Haushälter oder Hugh Laurie in der Rolle des Mr. Dick – sie alle verkörpern ihre Charaktere mit solch einer Variabilität und Überzeugung, dass es dem Zuschauer stets große Freude bereitet ihrer Leistungen Zeuge zu werden. Insbesondere Laurie spielt sich immer wieder in den Vordergrund und fügt sich trotzdem nahtlos in das zauberhafte Konstrukt ein, das einmal mehr beweist, dass es gar nicht immer großer Action oder Spannung bedarf um den Betrachter über die volle Laufzeit hinweg zu unterhalten.

Fazit

Iannuccis Verfilmung des autobiographisch angehauchten Klassikers atmet beinahe Lanthimos’sche Verrücktheit, befreit die 1850 von Charles Dickens veröffentlichte Geschichte vom Staub und präsentiert sich als dynamische Dramedy in viktorianischem Gewand, die erstaunlich oft zum Schmunzeln einlädt und mit einer brillant aufspielenden Besetzung durchweg zu überzeugen weiß. Auch wenn es hier letztlich keine Zaubertricks zu bestaunen gibt, ist dieser Film am Ende doch irgendwie magisch.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Bilder: ©2020 eOne Germany

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