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Mindfuck nonstop: Erste Kritik zu „Tenet“

Die ganze Filmwelt wartet auf den einen Film: „Tenet“ von Christopher Nolan, über den bisher so gut wie nichts bekannt war. Um Zeitreisen soll es gehen, um die Umkehr von Bewegung und um die Verhinderung eines „3. Weltkrieges“ – und das war’s dann auch schon mit den kargen Infos vom Verleih. Gut, dass wir „Tenet“ bereits vorab in einem Pressescreening sehen konnten: Folgend soll in Kürze ein erster Eindruck von Nolans neuem Machwerk präsentiert werden, bevor nächste Woche zum Kinostart am 26.8. eine ausführliche Analyse von unserem Nolan-Experten Cliff Brockerhoff folgt.

von Christian Klosz

Worum es in „Tenet“ nun wirklich geht, das ist auch nach einmaliger Sichtung nicht völlig erfassbar: Nicht umsonst klagten die Hauptdarsteller John David Washington (spielt wie schon in „Blackkklansman“ überzeugend gut) und Robert Pattinson nach dem Dreh halb amüsiert, halb fasziniert, sie hätten immer noch keinen Tau, was sie da eben eigentlich gemacht haben. Man kann versuchen, es zu erklären: „Protagonist“ Washington, seinerseits ein CIA-Agent (genaueres über seine Vorgeschichte und Vergangenheit erfahren wir nicht) gerät in einen Strudel aus Ereignissen, bei dem er sich schließlich einer großen Bedrohung und einer noch größeren Aufgabe gegenüber sieht: Der schwerreiche Russe „Sator“ (böse: Kenneth Branagh) ist im Besitz einer technischen Wundermaschine aus der Zukunft, die Zeit bzw. Bewegungsabläufe umkehren kann, indem sie die Entropie von Materie zersetzt und zerfallen lässt. In der Praxis sieht das dann so aus, dass Autos rückwärts fahren, Kugeln in eine Waffe gesogen werden und sich Menschen rückwärts bewegen. Die Gefahr: Sollte diese „Inversion“ von Zeit, Materie und Raum alles erfassen, ist die Welt zu Ende, und zwar tutto completto; Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, alles, das je existiert hat und existieren wird, weil es in gewisser Weise in sich zerfallen würde. Das Problem: Der an Krebs leidende Sator hat genau das vor, die Welt bei seinem Tod mit sich in den Abgrund zu reißen. Washingtons Figur und „Neil“ Pattinson versuchen nun mit allen Mitteln, das zu verhindern.

Die Probleme von „Tenet“ sind vielfältig: Zum einen ist die Basis, die physikalische Grundlage, auf der der Plot aufbaut, wie oft bei Nolan wieder einmal haarsträubend kompliziert, zu kompliziert könnte man sagen, und man kann sich auch nicht sicher sein, ob das Ganze nach eingehender Studie der Materie wirklich Sinn ergeben würde und anhand der Gesetze der Logik nachvollziehbar wäre. Nolan ist ein Poser, will beeindrucken mit Detailwissen, das der Durchschnittskinobesucher nicht hat, nicht haben kann, wodurch dieser sich von Beginn an im Nachteil fühlt und in gewisser Weise erdrückt von der geschwätzigen Schwere, mit der sich „Tenet“ immer wieder selbst erklären muss. Zum anderen ist der Film zu laut, zu überdreht, „loudness war“ nannte man das vor einigen Jahren in der Musik, jegliche Emotion, jeder Moment der Stille wird geradezu erstickt, übertönt von Lärm, extremen Effekten, inszenatorischem Bombast.

Nun ist es nicht so, dass das alles gar nicht funktionieren würde: „Tenet“ hat durchaus seine guten Momente, diese typischen Nolan-Sequenzen, bei denen man zurecht ins Staunen gerät, wie damals in „Inception“, als Nolan Hochhäuser zusammenklappte, oder in „The Dark Knight“, als er den Truck rücklings auf die Straße knallen ließ. Hier verlässt sich der Regisseur aber zu sehr auf sein „Inversions“-Gimmick, das im Grunde einziger Dreh- und Angelpunkt, Anfang und Ende der Agenten-Geschichte ist und schlussendlich vor allem Mittel zum Zweck, ein Vorwand, irrwitzige Action-Szenen zu basteln, in denen die Zeit zugleich vorwärts und rückwärts läuft, in denen Autos nebeneinander vor und zurück fahren, in denen Materie voran schreitet und zerfällt. Dem gebührt Lob, und dennoch fehlt dem Film das „Fleisch“ auf den Knochen: Denn die Figuren bleiben, trotz solider (Pattinson, Elisabeth Debicki als Sators Gattin) bis sehr guter (Washington, Branagh) Leistungen der Darsteller, stets unnahbar, seltsam leblos, die Gespräche distanziert, und das Storytelling beschränkt. Und der Film in letzter Konsequenz unzugänglich.

Fazit:

Eine mittlere Enttäuschung: Die Probleme des Nolan-Kinos nehmen in „Tenet“ überhand und bewirken, dass der Film nicht die Qualität seiner großen Werke „The Dark Knight“ oder „Interstellar“ erreicht. Für Nolan-Fans gibt es immer noch genügend Gimmicks und Schauwerte, für alle anderen einige beeindruckend konzipierte (Action-)Szenen und einen herausragenden Soundtrack, aber objektiv betrachtet ist der Film, auf den alle warten und hoffen, doch nicht mehr als aufsehenerregendes und atemberaubendes Mittelmaß.

Bewertung:

Bewertung: 6 von 10.

(64/100)

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@Bild: (c) Warner Bros.

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