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„Tenet“ – Kritik zum Kinostart

von Cliff Brockerhoff

Angesichts von Corona und den damit einhergehenden Verschiebungen des Kinostarts verkam schon der Vorlauf von „Tenet“ zur absoluten Geduldsprobe. Sommer, Herbst oder doch erst 2021? Ohne der Allgemeinheit auch nur eine Minute seines fertigen Films zu präsentieren, hatte Christopher Nolan Fans und Kritiker bereits verwirren können – und der Grad der Konfusion soll nicht kleiner werden.

Denn nun ist er endlich da. Der neue Film des Mannes, der in den letzten Jahren den Schmutz aus Gotham City kehrte, in „Inception“ Traumwelten traumwandlerisch sicher zum Leben erweckte und mit „Interstellar“ einen der besten Filme der Neuzeit erschuf. In „Tenet“ wechselt Nolan nun abermals das Genre, vermengt einen Spionagethriller à la „James Bond“ mit dem Mindfuck von „Memento“ und gibt seinen Zuschauern direkt zu Beginn einen immens wichtigen Grundsatz mit auf den Weg. „Versuchen Sie nicht es zu verstehen. Fühlen Sie es!“ Im Verlauf erweist sich dieser Tipp als goldene Regel, denn zum kompletten Verständnis fehlt schlicht der Raum zur Reflektion, und der Versuch kausale Zusammenhänge zu knüpfen erstickt im aberwitzigen Tempo. Wer keinen Abschluss in Physik hat oder sich hobbymäßig den Paradoxa des Raum-Zeit-Kontinuums verschrieben hat, dem wird das Fachchinesisch süß sauer aufstoßen; „Tenet“ lässt sich nicht fassen, und das ist Absicht.

Macht aber nichts, denn abseits seiner Komplexität bietet das Werk genug Argumente, die sich insbesondere aus dem unbestreitbaren Unterhaltungswert speisen. Auch wenn Nolan etwas zu offensichtlich versucht etwaige Logiklücken mittels dröhnenden Detonationen zu übertünchen, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass hier zwei Großmeister am Werk sind. Nolans Visionen, eingefangen in den Bildern des Hoyte von Hoytema, dem niederländischen Kameramann, der schon „Dunkirk“ veredelte. Das ist großes Kino, im wahrsten Sinne. Egal ob an Land, zu Wasser oder in der Luft; alles ist perfekt aufeinander abgestimmt und verströmt die typische Faszination, die der Zuschauer von einem solchen Film erwarten kann. Im Zusammenspiel mit der Kernthematik, die sich in der sogenannten Inversion äußert, entstehen Bilder, für die die große Leinwand einst erfunden wurde.

Was sich dort handlungstechnisch genau zuträgt, soll an dieser Stelle natürlich nicht zu explizit verraten werden. Grob zusammengefasst steht der dritte Weltkrieg bevor, und die Einzigen, die das verhindern können, sind zwei Geheimdienstmitarbeiter, die nach und nach mit der Loslösung physikalischer Gesetzmäßigkeiten konfrontiert werden. Den Rest darf und soll jeder für sich entdecken, denn die volle Wucht eines solchen Werkes entfaltet sich immer dann am besten, wenn vorher so wenig wie möglich darüber bekannt ist. Nicht ohne Grund haben selbst die Schauspieler am Set immer nur Teile des Drehbuchs zu sehen bekommen, womit wir gleichzeitig bei der namhaften Besetzung angekommen wären. Hier sind vor allem John David Washington, Robert Pattinson und die grazile Elizabeth Debicki zu nennen, die den Löwenanteil der screentime für sich beanspruchen. Das Problem dabei: Trotz durchweg sehr guter Performances leistet sich Nolan den Luxus auf persönliche Hinter- oder Beweggründe zu verzichten. Einzig Debicki in ihrer Rolle als gepeinigte Ehefrau wird mit charakterlicher Varianz bedacht – die männliche Schar um sie herum bleibt weitestgehend blass.

Das schlägt sich letztlich auch in der Wahrnehmung wieder, der es nicht verborgen bleibt, dass die Protagonisten austauschbar werden und es im Fortlauf der Handlung immer schwerer fällt eine emotionale Bindung aufzubauen. Nolan wandelt also eher auf Dunkirk’schen Pfaden und lässt die wunderschöne Melancholie eines „Interstellar“ links liegen. Die spannende Story kann dies zu Teilen kompensieren, fällt in den entscheidenden Passagen aber eher durch ihre Lautstärke auf und erreicht nicht die immersive Wirkung, die große Gefühlsregungen zu Tage fördert. Der Sound hingegen findet sehr wohl seinen Weg in den Körper seiner Betrachter, ist er doch zumeist beinahe ohrenbetäubend laut und lässt sich nicht nur in den Gehörgängen, sondern auch in der Magengegend vernehmen. Das Nolan diesmal aus terminlichen Gründen auf seinen Kompagnon Hans Zimmer verzichten musste, erweist sich als zusätzlicher Wehrmutstropfen, denn auch wenn Ludwig Göransson einen guten Job verrichtet – die Ikonizität eines Hans Zimmer erreicht er nicht.

Fazit

Unisono zum Palindrom des Titels macht auch der dazugehörige Film vieles richtig, punktet durch monumentale Bildgewalt und eine einzigartig inszenierte Story, schießt sich in Ermangelung eines emotionalen Ankerpunktes aber auch selbst ins Bein. Oder besser gesagt: er wird sich selber ins Bein geschossen haben. „Tenet“ agiert technisch stets auf allerhöchstem Niveau und ist trotz seiner fast zweieinhalb Stunden Laufzeit ungeheuer kurzweilig, aber selbst in Anbetracht aller Stärken lässt einen das Gefühl nicht los, dass der Regisseur sich mit seiner Herangehensweise nicht den größten Gefallen getan hat.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(78/100)

Bilder: ©Warner Bros.

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