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„Corpus Christi“ – Kritik

Das Christentum beeinflusst uns alle, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Jahrhunderte christlicher Prägung in Europa haben nicht nur etliche Sehenswürdigkeiten hervorgebracht, sondern auch das Weltbild, die Werte und Traditionen mitbestimmt, die das öffentliche Leben auch heute noch zu gewissen Teilen ordnen. Diese Bindung nimmt nämlich stetig ab: Werte wie Nächstenliebe verkommen oftmals zu bloßen Floskeln, der Kirchgang ist entkoppelt von jeglicher Spiritualität. „Corpus Christi“ stellt dementsprechend wichtige Fragen nach der heutigen Relevanz und Berechtigung von religiösen Institutionen. Der Film liefert hier sehr weltliche, moralische Antworten, ohne jemals den Zeigefinger drohend zu erheben; hier braucht man keine große Sympathie für Religionen und ihre Institutionen, um zu erkennen, dass dem Film dadurch Großartiges gelingt, das zum Nachdenken anregt.

von Marius Ochs

Die Handlung von „Corpus Christi“ folgt dem 20-Jährigen Daniel, der aus der Jugendstrafanstalt entkommt und durch Zufall illegal den Posten als Priester in einer kleinen Gemeinde annimmt. Ohne Ausbildung, ohne Erfahrung kommen seine Predigten von Herzen, die Resonanz ist groß, Daniel wird von seinen Schäfchen geliebt. Die Gottesdienste unter seiner Leitung werden immer populärer, sein Einfluss wird größer und bald sitzt er mit dem Bürgermeister der Gemeinde am Tisch. Fragen nach Richtig und Falsch beantwortet er nach dem christlichen Dogma: Liebe deinen Nächsten. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los.

Ein gesellschaftlich Geächteter, der als Prediger seine Bestimmung zu finden scheint: „Corpus Christi“ behandelt unter dieser Prämisse schwierige Fragen sehr ehrlich, aber gleichzeitig einfühlsam. Vergebung, Besserung und Liebe sind universal relevante Werte, der Film zeigt an diesen Themen aber, dass kirchlich vermittelte Religiosität auch heute noch ein wichtiger Ort der Zusammenkunft sein könnte. „Gott ist auch da draußen“ sagt Daniel und schließt so in seine humanistischen Predigten alle ein. Daran wird aber auch deutlich, was der Institution Kirche heutzutage oftmals fehlt.

So spinnt der Film eine unaufgeregt präsentierte Geschichte, die auf den ersten Blick erst einmal sehr konventionell erscheint. Doch hinter der zugänglichen Oberfläche verbirgt sich ein tiefgründiger emotionaler Kern, der begeistert. Denn „Corpus Christi“ trifft genau den richtigen Ton, den man auch von einem guten Priester erwarten kann: Ernst, aber hoffnungsvoll. Ehrlich, aber nie zynisch. Verletzlich, ohne schwach zu sein.

Möglich macht das die kraftvolle Performance von Bartosz Bielenia, der den jungen Sträfling / Priester Daniel verkörpert. Vom Drogenrausch über den brutalen Faustkampf ohne Kompromisse bis zur Ekstase der Gemeinschaft vermittelt er eine Bandbreite an Emotionen, die man so mitreißend nicht häufig auf der Leinwand zu sehen bekommt: Regisseur Jan Komasa holt hier alles aus seinem Hauptdarsteller heraus. Und wenn der Film dann in seinem letzten, alles überragenden, schockierenden, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindendem Bild zusammenfasst, was Daniel zu einer so spannenden Figur macht, dann weiß man: Hier handelt es sich um ein kleines Meisterwerk.

Fazit:

Eine Geschichte, die ernste Themen anspricht, ohne dabei mit dem Zeigefinger zu wedeln. Ein Hauptdarsteller, der eine absolut unaufhaltsame Performance liefert. Eine ästhetische Gestaltung, die zugänglich und unaufgeregt ist, ohne langweilig zu sein. Und eine emotionale Tiefe, die sich dem Zuschauenden durch diverse Szenen im Gedächtnis festsetzt: Dies sind die Zutaten, die „Corpus Christi“ zu einem großartigen Film und einem absoluten Geheimtipp machen. Nicht umsonst war Regisseur Jan Komasa heuer für Polen ins Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gegangen. Wäre da nicht Parasite“ gewesen: „Corpus Christi“ hätte den Sieg verdient gehabt.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Der Film ist seit 21.8. im Kino zu sehen, u.a. im Stadtkino Wien.

Bilder: © Stadtkino Filmverleih

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