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Fantasy Filmfest 2020: „Possessor“ – Kritik

Wenn man heutige Horror-Regisseure nach ihren Einflüssen befragt, fällt ein Name regelmäßig: David Cronenberg. Der vielfach preisgekrönte Kanadier erschuf alleine in den 1980er Jahren mit „Scanners“, „Die Fliege“ oder „Videodrome“ drei absolute Klassiker und gilt bis heute als Mitbegründer des sogenannten „Body Horror“. In den letzten Jahren hat sich seine Ausrichtung geändert, doch es gibt Hoffnung für Anhänger seiner älteren Stoffe. Diese hört auf den Namen Brandon und ist zufälligerweise der Sohn der kanadischen Koryphäe.

von Cliff Brockerhoff

Mit gerade einmal 40 Jahren hat der Sprössling bis dato drei Kurzfilme und zwei Langfilme kreiert, wobei sein letztes Erzeugnis dazu führen könnte, dass Brandon aus dem Schatten seines Vaters hervortreten kann. „Possessor“, so der Name seines aktuellen Werkes, verbindet gekonnt die Stärken älterer Klassiker mit frischen, neuen Ideen, lässt sich aber aufgrund seiner außergewöhnlichen Inszenierung anfangs nur schwer packen. Grundsätzlich erzählt der Film die Story von Tasya, die mittels neuartiger Technologie als Auftragsmörderin agiert. Durch Einsatz von Hirnimplantaten ist sie in der Lage in fremde Körper zu schlüpfen und Taten zu verüben, zu denen die eigentlichen Besitzer der Leiber nicht imstande sind.

Allein der Gedanke an dieses Szenario löst ein gewisses Unbehagen aus, wahrscheinlich auch deshalb, weil die heutige Technologie gar nicht so weit von einer solchen Errungenschaft entfernt ist. Hält man sich vor Augen, dass künstliche Körperteile als Prothesen durch reine Gedankenkraft bewegt und bewusst gesteuert werden können, ist die komplette Übernahme fremder Individuen womöglich nicht so futuristisch, wie sie anfangs erscheint. Und auch wenn Tasya ein großes Talent für ihre Arbeit besitzt, geht das durchaus blutige Treiben nicht spurlos an ihr vorüber. Just als sie eigentlich eine Pause einlegen und sich um ihr eigenes Leben kümmern möchte, erhält sie einen lukrativen Auftrag, der sie an den Rande der Belastungsgrenze bringt und letztlich dazu führt, dass nicht mehr klar ist, wer überhaupt von wem Besitz ergriffen hat.

Storytechnisch schlägt „Possessor“ damit eher in Richtung psychologischer Horror und weniger in Richtung Body Horror aus, spart aber nicht an Brutalität. Blutfontänen, Gewaltexzesse und mentale Zusammenbrüche geben sich die Klinke in die Hand und geleiten durch die tendenziell schleichende Handlung. Am intensivsten wird das Erlebnis immer dann, wenn Cronenberg seinen Gedanken freien Lauf lässt und den Zuschauer mit wilden, beinahe hypnotischen Sequenzen konfrontiert. Schnell geschnittene Bilder porträtieren den Zusammenfluss der zwei Protagonisten. Erinnerungen an „Der Elephantenmensch“ werden wach, und Hautfetzen zerschmelzen bei übersteuerter Musik zu einer undefinierbaren Masse, die dem humanen Erscheinungsbild immer unähnlicher wird. Das ist eindrucksvoll und verstörend zugleich.

Visuell und akustisch gerät der Film im Fortlauf immer mehr zu einem wahnwitzigen Trip, der neben seiner optischen Strahlkraft auch mit guten schauspielerischen Leistungen punkten kann. Andrea Riseborough überzeugt als eiskalte Killerin mit zerrüttetem Privatleben, Christopher Abbott steht ihr in nichts nach und mimt den ferngesteuerten Roboter, der sich wie ein Parasit in den Gedanken seiner vorübergehenden Besitzerin verankert und für Chaos sorgt. Gerade Abbott glänzt dabei mit stoischer Gelassenheit und gerät zum Blickfang des Werkes, das mit Sean Bean gar einen namhaften Hollywood-Star im Cast aufweisen kann. Ob der Brite diesmal seinem Schicksal entgehen kann oder wieder frühzeitig das Zeitliche segnet, soll an dieser Stelle aber natürlich noch nicht verraten werden.

Fazit

Der Name hält, was er verspricht. Auch Davids Sohn Brandon hat mit „Possessor“ einen wahnsinnig intensiven Film erschaffen und geleitet mit Hilfe von viszeraler Vehemenz durch eine Geschichte, die trotz aller technischer Finesse immer im Vordergrund steht. Seine persönlichen Einflüsse sind dabei deutlich erkennbar, doch Cronenberg jr. hat es mit seinem zweiten Spielfilm geschafft eine eigene Handschrift erkennen zu lassen. Für das Mainstream Publikum ist das wahrscheinlich Folter, für Fans angesprochener Stoffe aber sicherlich ein Fest für die Netzhäute.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

Gesehen beim Fantasy Filmfest.

Bilder: ©Arclight Films

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