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„Hillbilly Elegy“: Kritik zum Netflix-Start

Jeder Cineast kennt sie zur Genüge, diese Filme, die geradezu um eine Oscarnominierung betteln zu scheinen. „Oscar bait“ nennt man das im Fachjargon. Und während man in manchen Jahren schon beinahe genervt von solchen Bestrebungen ist, schreiben wir diesmal das Jahr 2020 – und nichts ist, wie es einst war. Abermals sind die Kinos geschlossen, der Zugang zu neuem, spannenden Content ist schwierig und dennoch gibt es eine große Anzahl begeisterter Filmfans, die sich nach spannenden aktuellen Produktionen sehnt.

von Mara Hollenstein-Tirk

Umso aufmerksamer richten sich die Blicke da natürlich auf die Streaminganbieter und ihre Eigenproduktionen. Und wenn dann plötzlich Namen wie Ron Howard, Amy Adams und Glenn Close auftauchen, sind die Hoffnungen natürlich gewaltig, dass das betreffende Werk im Stande ist, das Filmjahr noch einmal ein wenig durchzurütteln: Oscar baity ist „Hillbilly Elegy“ vor allem aufgrund der Geschichte, die hier erzählt wird. Diese beruht nämlich nicht nur auf wahren Ereignissen, genauer gesagt sogar auf der Biographie des Hauptcharakters, sondern birgt auch noch eine waschechtes Familiendrama, durchzogen von Trauer und Gewalt, sowie den berührenden Lebensweg eines Jungen aus ärmlichen Verhältnissen samt schwerer Kindheit, der den American Dream wahr werden lässt, indem er schließlich seinen Abschluss an der Yale Law School macht. Viel gesellschaftlicher Zündstoff also, der für ein emotional packendes Drama sorgen könnte.

Wie oben bereits erwähnt nahm auf dem Regiestuhl Ron Howard Platz. Ein Mann, der mit Filmen wie „Apollo 13“, „Rush“ und „Im Herzen der See“ bereits bewiesen hat, dass er sich auf die Verfilmung von wahren Begebenheiten versteht. Doch vielleicht liegt gerade auch in der Filmographie Howards ein wenig der Hund begraben, dass sein aktueller Film im Vergleich zu seinen vergangenen Großtaten etwas abfällt, denn während die erwähnten Beispiele allesamt ziemlich actiongeladen daherkommen, findet man in „Hillbilly Elegy“ von Action keine Spur. Tatsächlich handelt es sich hierbei sogar weniger um ein klassisches Narrativ, als viel mehr um eine Aneinanderreihung von Szenen, Rückblenden, ruhigen Momenten, die in ihrer Gesamtheit eine Geschichte vermitteln sollen – das „Elegy“ im Titel, im Sinne eines Gedichts im Ton wehmütiger Klage, bringt es somit ziemlich gut auf den Punkt.

All dies ist auch durchaus fachmännisch inszeniert, mit starken Bildern transportiert und mit passender Musik unterlegt, bleibt allerdings dennoch viel zu oft an der Oberfläche und traut sich nie wirklich in die Tiefe zu gehen. Vielleicht ist das im Drehbuch begründet, welches einem zwar sehr glaubhafte Figuren liefert (kein Wunder, immerhin gibt es reale Vorbilder), die Sympathien und das Verständnis für die Handlungen dieser Figuren rühren aber eher aus dem Wissen und den Erfahrungen des Zuschauers denn aus dem Gezeigten.

Woran es auch liegen mag, dass einen diese dramatische Familiensaga am Ende merkwürdig kalt lässt, eines kann man zumindest sagen: die Schauspieler und ihre Leistungen sind sicher nicht der Grund. Auch wenn Gabriel Basso als eigentlicher Hauptcharakter bereits einen ganz ordentlichen Job macht, sind es doch Amy Adams als drogenkranke, gewalttätige Mutter und Glenn Close als etwas ruppige Großmutter, die sich hier die Seele aus dem Leib spielen. Dabei hat Close sogar noch die etwas stärkeren Momente abbekommen, überflügelt dadurch den übrigen Cast, und sollte eine Nominierung für den Oscar als beste Nebendarstellerin wohl fix in der Tasche haben.

Fazit:

Viel Potenzial also, dass hier links liegen gelassen wurde, und trotzdem ist „Hillbilly Elegy“ ein Film, den man jedem empfehlen kann, der sich in diesen kinolosen Zeiten nach ein wenig klassischer, Hollywood’scher Filmkunst sehnt – und sei es nur, um den beeindruckenden Schlagabtausch zwischen Adams und Close würdigen zu können. „Hillbilly Elegy“ ist seit heute auf Netflix zu sehen.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(74 von 100)

Bilder: (c) Netflix

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