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Serien-Kritik: „Last Man Standing“ – Staffel 1

Menschen jenseits der 30 erinnern sich mit ziemlicher Sicherheit an eine Kindheit, in der nachmittags und abends diverse Sitcoms über den Fernsehbildschirm flimmerten: „Friends“, „Die Nanny“, „Full House“, „Malcom Mittendrin“ – oder „Hör mal, wer da hämmert“, eine der populärsten Serien der 1990er in unseren Breiten. Und wer erinnert sich nicht mit Freude an Tim „Toolman“ Taylor, verkörpert von Tim Allen, der in ebenjener Serie seine Heimwerkershow und sein eigenes Heim zur steten Gefahrenzone machte?

von Christian Klosz

„Hör mal, wer da hämmert“ ist seit 1999 Geschichte, von Hauptdarsteller Tim Allen war bis auf ein paar mäßig erfolgreiche Filmauftritte danach wenig zu hören. Bis 2011, als die erste Folge „Last Man Standing“ Premiere feierte, eine dieser einfachen, handgemachten, geradezu altmodischen Serien, die im Produktionsland USA ein echter Publikumshit wurde. Bei uns kam der wirkliche Durchbruch nie zustande, trotz einiger Durchläufe im deutschen Privatfernsehen erfreute sie sich nie derselben Beliebtheit wie in ihrer anachronistischen Machart ähnlich Sitcoms wie „Big Bang Theorie“. Es mag vielleicht an dem spätestens seit Mitte der 00-er-Jahre herrschenden Serienboom liegen, bei dem überproduzierte Werke den mit einfachen Mitteln hergestellten Sitcoms den Rang abliefen, oder doch an den US-spezifischen Thematiken, die „Last Man Standing“ bearbeitet. Denn altmodisch ist nicht nur die Machart, sondern auch der Hauptcharakter Mike Baxter (Allen): Ein stolzer Republikaner, seines Zeichens Marketingchef des „Outdoor Man„, eines Ladens, der alles verkauft, das der Mann von gestern (heute) braucht: Ausrüstung für die Wildnis, Angelruten, Gewehre und vieles mehr, das einen echten Mann zum Mann macht – die Parallelen zu „Hör mal, wer da hämmert“ sind unübersehbar.

Dass dieser last man standing nicht zur Karikatur und rein nostalgischen Reminiszenz an vergangene, vermeintlich bessere Zeiten verkommt, dafür sorgt das dramaturgische Setting: Mike Baxter ist nämlich umgeben von 4 starken Frauen, seiner Gattin Vanessa (Nancy Travis) und seinen 3 Töchtern Eve (Kaytlin Dever – „Booksmart“), Mandy (Molly Ephraim) und Kristin (Alexandra Krosney) . Und die ticken teils doch recht anders ist ihr alter Herr (vor allem seine Töchter sind eindeutig liberaler – im US-amerikanischen Sinne gemeint – eingestellt als er, wenngleich das offen erst in Staffel 2 thematisiert wird, wo Mike für den Republikaner Mitt Romney wirbt, während sich seine Töchter für die Wiederwahl Barack Obamas stark machen). Aus dieser Reibung, aus Mike Baxters Versuch, in einem rein weiblichen Haushalt seinen Platz zu finden, ergibt sich das Grundkonzept von „Last Man Standing“, das durchaus von Interesse ist.

Wenngleich eingeschränkt werden muss: In manchen Momenten wirkt die Serie doch etwas zu bieder und allzu brav, propagiert wohlige Heimeligkeit und will nirgends anecken, was die Beliebtheit von „Last Man Standing“ unter konservativen US-Wählern erklären mag, wie bei einer Studie 2016 erhoben wurde. Dass sich die Sitcom aber auch unter den liebsten 10 Serien von demokratischen Wählern befand (selbe Studie), liegt wohl daran, dass die beiden politischen Pole, die zu Serienstart 2011 noch keine unüberwindbaren Gegensätze darstellten und deren Existenz in den meisten US-Familien Alltag ist, gleichwertig repräsentiert und Konflikte ausgewogen dargestellt werden, ohne Partei zu ergreifen. Das führte gar dazu, dass Staffel 8 2019 – nach davor durchwegs eher schlechten Bewertungen – von liberalen Medien bedeutend besser aufgenommen wurde und gar als relevanter Beitrag tituliert wurde, wie eine Überwindung der durch die unsäglichen Trump-Jahren gespaltenen Gesellschaft möglich wäre, wie Kommunikation und Zusammenleben mit „Andersdenkenden“ funktionieren kann.

Schließlich zum Inhalt und Unterhaltungswert an sich, abseits möglicher politischer und gesellschaftlicher Implikationen: „Last Man Standing“ baut auf solide Drehbücher, ist in seiner Umsetzung und Themenauswahl eher altmodisch und beizeiten mutlos, kann sich aber auch einen Cast verlassen, bei dem die Chemie eindeutig stimmt. Das Highlight ist uneingeschränkt Tim Allen in seiner neuen Rolle als wütender, aber gutherziger Mann, der beweist, dass er von deinem komödiantischen Talent nichts eingebüßt hat und immer noch ein ausgezeichneter „leading man“ ist. Er rettet so manche mehr als mittelmäßige Episode mit seinem Witz und Esprit.

Fazit:

„Last Man Standing“ lässt Erinnerungen an die 90-er wach werden, als Sitcoms die heimischen TV-Bildschirme bevölkerten, die durch Witz und interessante Charaktere glänzten und weniger durch große Budgets und überbordende Ausstattung. Das evoziert wohlige Nostalgie, wenngleich man sich doch etwas mehr Innovation – vor allem in der Umsetzung – gewünscht hätte. Tim Allen als letzter, echter Mann ist das Zentrum dieser Serie, die kleine und größere Alltagskonflikte einer durchschnittlichen US-Familie thematisiert, die wohl für die durchschnittliche US-Familie um einiges repräsentativer ist, als die meisten Filmprodukte, die in den letzten Jahren über den großen Teich schwappen, aber auch die Notwendigkeit offenlegt, sich auf eine verändernde und veränderte Gesellschaft einzustellen. Meist geschieht das vorsichtig und mit sanftem Humor, nie mit dem Zeigefinger, und der Vorstellung folgend, dass sich „Fremdheit“ und „Unverständnis“ immer gegenseitig bedingt, es immer 2 Seiten eines Konflikts gibt: Keine großartige Serie, aber eine solide Sitcom, die gerade in aufgeregten und stressigen Zeiten wie jetzt durch ihre Behutsamkeit den Blutdruck senken kann.

Bewertung:

Bewertung: 6 von 10.

(56/100)

„Last Man Standing“ läuft derzeit immer Vormittags auf Pro7, ist staffelweise bei Joyn gratis verfügbar und bei diversen anderen Anbietern (Amazon, iTunes) käuflich zu erwerben.

Bildrechte: (c) ABC

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