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Berlinale 2021: „The Scary of sixty-first“ – Kritik

Jeffrey Epstein war zeit seines Lebens Milliardär, Menschenhändler, Monster, wie zahllose Berichte von Opfern nahelegen, härteren Strafen entging er immer wieder durch dubiose Deals mit Anwälten und Richtern. Als seine kriminellen Machenschaften 2019 endlich im vollen Ausmaß verfolgt wurden, landete er im Gefängnis. Sein Selbstmord dort wurde schnell zum Internet-Phänomen, weil keiner so wirklich an den Suizid glauben wollte, den er knapp vor den ersten Gerichtsverhandlungen verübt hatte (an ihm verübt wurde?). Reddit und andere Foren liefen heiß, Beweise wurden gesucht, Theorien gebastelt, wer denn jetzt hinter Epsteins Tod stecken könnte, schließlich ging es nicht nur um die Aufdeckung seiner jahrzehntelangen Machenschaften: Der Mann war bekannt wie ein bunter Hund, zu seinen Freunden zählen neben anderen Stars und Sternchen unter anderem die beiden Es-Präsidenten Bill Clinton und Donald Trump.

von Marius Ochs

Netflix veröffentlichte schließlich die Dokumentation „Epstein: Filthy Rich“. Damit war das Leben und Sterben des offenbar pädophilen Milliardärs endgültig im Mainstream und der Popkultur angekommen. Da war klar: Alles nur eine Frage der Zeit, bis der Fall auch Filme inspirieren würde. Doch die Art und Weise, auf die „The Scary of Sixty-First“ mit dem Thema umgeht – damit konnte nun wirklich niemand rechnen. Der Film ist in der letztes Jahr neu geschaffenen Encounters-Schiene der Berlinale 2021 zu sehen.

Das Regiedebüt von Dasha Nekrasova ist im Stile eines 70s-Psychedelic-Horrorfilms gedreht. Durch diese farbintensive, körnige und stellenweise einfach schöne Ästhetik könnte man fast vergessen, dass der Film eine völlig wahnsinnige Geschichte erzählt. Zwei Freundinnen ziehen in ein schickes neues Apartment in New York. Problem dabei: Das Apartment gehörte Jeffrey Epstein. Das bringt dann eine paranoide und drogenaffine Internet-Forscherin in das Apartment, die dem Epstein-Fall auf den Grund gehen will. Aber warum ist eigentlich dieser Spiegel an der Decke und was machen die Tarot-Karten im Badezimmerschrank?

„The Scary of Sixty-First“ hat das Potenzial zum Kultfilm. Die 80 Minuten sind gefüllt mit Sex, Wahnsinn, den Geistern ehemaliger Opfer von Jeffrey Epstein, Blut, Farben, Dialogen voller schwarzem Humor, Drogen, fragwürdiger Moral, Voodoo, fehlenden Erklärungen und, man muss es zweimal sagen, Wahnsinn. Nekrasova beweist trotz allem ein Gespür für das richtige Pacing und die richtigen Bilder. Mit offensichtlichem Wissen über das Genre ausgestattet, behält sie den Überblick und liefert ein beeindruckendes Filmdebüt ab.

Klar, der Film hat auch seine Schwächen: Das fängt bei der (wahrscheinlich absichtlich) schlechten Abmischung des Sounds an, setzt sich bei den teilweise grottenschlechten Darstellerinnen fort und hört bei der absolut fragwürdigen Moral des Ganzen auf: Sätze wie „Fuck me like I’m 13 years old“ und diverse sexuelle Handlungen mit Zeitungsausschnitten von Prinz Andrew sind plumpe Provokationen bis hin zur Geschmacklosigkeit. Dass „The Scary of Sixty-First“ darüber hinaus keinen Sinn ergibt, was aber auch nicht der Anspruch des Films ist, sollte an dieser Stelle klar sein.

Fazit:

Dasha Nekrasova hat mit ihrem Regiedebüt vor allem Mut bewiesen. Der B-Movie-70s-Psychedelic-Horror mit Jeffrey Epstein-Geschichte schafft es sogar zu halten, was diese Beschreibung verspricht. Das wird definitiv nicht jedermanns Sache sein, „The Scary of Sixty-First“ wird aber mit ziemlicher Sicherheit eine kleine Kult-Anhängerschaft hinter sich versammeln: Ein außergewöhnlicher, provokativer – wenn auch stellenweise etwas plumper – und stylischer Genrefilm, der in Erinnerung bleibt.

Bewertung:

Bewertung: 6 von 9.

(73/100)

Bilder: © Stag Pictures

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