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„The Soul“: Kritik zum Netflix-Start

Der in Taiwan geborene Regisseur und Drehbauchautor Cheng Wei-Hao bleibt auch mit seinem vierten Langfilm dem Mystery-Crime Genre treu und inszeniert mit „The Soul“ eine abgründige, nahezu dystopische Zukunftsvision einer Teilgesellschaft, die im Kampf mit dem Tod auf perfide Ablenkungsmanöver zurückgreift, über Leichen geht und sich dabei über ethische Fragen hinwegsetzt. Basierend auf dem Roman von Jiang Bo wird „The Soul“ zu einem verwobenen Katz und Maus – Spiel der Polizei mit den Tätern und ein Wettrennen gegen die Zeit. Der Film ist seit 14.4. auf Netflix zu sehen.

von Madeleine Eger

Liang Wen-Chao (Chen-Chang) ist es anzusehen, dass sich der Krebs bereits im fortgeschrittenen Stadium befindet und dem Körper all seine Kraft abverlangt. Ausgemergelt und müde lässt er dennoch nicht von seiner Arbeit ab und versucht auch für seine schwangere Frau und Arbeitskollegin Ah-Bao (Janine Chun-Ning Chang) den arbeitsreichen Polizei-Alltag aufrechtzuerhalten. Als die beiden dann den Mordfall um Konzernchef Wang Chi-Cong (Samuel Ku) übernehmen, stoßen sie auf Verstrickungen, die ein bedenkliches wie beklemmendes Machtgefüge innerhalb der Wang- Familie offenbaren, entdecken aber auch, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, wenn der Tod unausweichlich erscheint.

In nicht allzu ferner Zukunft angesiedelt, konstruiert der Regisseur in seinem Mystery-Krimi eine Stadt, die die Handlung in einem verhängnisvollen und nebelartigen Schreckensszenario einschließt und in ihrer schweren, grauen Tristesse gefangen hält. Die wenigen Bilder, die der Regisseur immer wieder, wenngleich auch nur sehr kurz, einstreut, erinnern zuweilen an Villeneuves Cyberdystopie „Blade Runner 2049“. Hier sind es jedoch nicht die grellen Neonlichter, die die uniforme, fast apathisch wirkende futuristische Umgebung ausmachen, sondern eine bleierne Schwärze, die alles Schöne zu ersticken droht. Gleichsam ist auch der nahende Tod von Wen-Chao konstant präsent und verstärkt das erbarmungslose Bild von Hoffnungslosigkeit und Leid. Zu dieser nahezu greifbar bedrohlich und bedrückenden Atmosphäre trug sicherlich auch das aufopfernde Schauspiel von Chen-Chang bei, der während der Dreharbeiten tatsächlich über 20 Kilo abnahm und damit seinen Körper für das Publikum deutlich sichtbar an seine Grenzen brachte.

Die Geschichte um die Erkrankung und die sich daraus ergebenden emotionalen Schwierigkeiten für das Paar bilden damit das Grundgerüst von „The Soul“. Darum herum entfalten sich über die Laufzeit mehrere Subplots, die am Ende natürlich nicht nur einen einen Twist parat halten, von denen allerdings der ein oder andere unglücklicherweise nicht ganz so raffiniert umgesetzt worden ist. Bis es dann aber soweit ist, fordert der Regisseur gehörig die Geduld seiner Zuschauer/innen heraus und strapaziert gewaltig deren Aufmerksamkeit. Über eine Stunde bringt er damit zu, den Mord aus allen erdenklichen Perspektiven und in wiederkehrenden Verhören sowie Ermittlungsarbeiten zu sezieren, um sich daraufhin in einem filmischen Höhepunkt zu verfangen, der unter anderen erzählerischen Umständen sogar schon das Ende der Geschichte hätte einleiten können – wenn dann eben nicht noch gut 50 Minuten folgen würden.

Bis zu dem Punkt ist „The Soul“ auch erst einmal leider nicht viel mehr als ein parapsychologischer Tatort, der zugegeben viel (manchmal vielleicht sogar zu viel) Wert auf die Charakterausarbeitung legt und damit die Motivation der beteiligten Personen am Ende erklärt, aber zusehends unter einer grundsätzlichen Ereignislosigkeit leidet, was sich letztendlich vernichtend auf die Spannung auswirkt.

Die zweite Hälfte von „The Soul“ gewinnt zwar nochmal etwas an Fahrt, allerdings wirken die bevorstehenden Twists derart konstruiert, dass das Finale wenig schockierend oder gar überraschend daher kommt, was angesichts der moralisch äußerst bedenklichen RNA-Heilungs- (oder besser gesagt Replikations-) methode eine herbe Enttäuschung ist, spielt sie doch in allen Handlungssträngen eine tragende Rolle.

Wenngleich also der Regisseur versucht, ein schwer durchschaubares Geschäft um Liebe und Intrige auf die Bildschirme zu bannen und den Mystery-Krimi sogar mit Nuancen eines schweren Dramas, eines gerissenen Thrillers und zu kleinen Teilen auch eines übernatürlichen Horrorfilms durchsetzt, gelingt ihm schlussendlich lediglich eine sehr unstimmige Melange, die sich in absurd wirkenden Auflösungen verstrickt und der Kernthematik, gerade gegen Ende, der philosophisch tiefgreifenden Kraft beraubt.

Fazit

Ein Mystery-Krimi, der anfänglich atmosphärisch und mit guter Charakterzeichnung besticht, sich im Verlauf in dunkler Monotonie ertränkt, um dann am Ende eine unharmonische Sammlung aus absurd wirkenden Auflösungen darzubieten. „The Soul“ erfordert wahrlich viel Geduld, belohnt diese jedoch nicht ausreichend, sondern enttäuscht vielmehr über das eigentlich brisante und ethisch diskutable Sujet der Replikation inklusive begleitender Skrupel- und Morallosigkeit der Menschen, die versuchen, den Lauf des Lebens mit allen technisch verfügbaren Mitteln zu ändern.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

Bild: (c) Netflix

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