Verweichlichte Europäer – Harte Amerikaner

In Monsters in the Closet: Homosexuality and the Horror Film legt Hary Benshoff nahe, dass diese Konvention der Verknüpfung von Queerness und Schurkentum häufig an die Nationalität insbesondere männlicher Filmfiguren gebunden war – und dadurch an die Schauspieler, die diese Filmbösewichte und -monster verkörperten: Wie bereits häufig behauptet wurde, waren beinah alle Monster und Schurken des Classical Hollywod Cinema Produkte des Auslands oder ausländischer Akteure und viele von ihnen spielen mit rassistischen Ängsten genauso wie mit homophoben und verschmelzen und verwischen deren stereotypischen Signifikanten.

Benshoff erklärt weiters, dass es zu dieser Zeit nicht unüblich für das US-amerikanische Filmpublikum war, das Ausland, und insbesondere Europa, mit sexuellem Verfall zu assoziieren. Es sei deswegen wenig überraschend, dass diese Rollen häufig mit Nicht-US-Amerikanern besetzt wurden. Es handelt sich um eine Stereotypisierung, die im Genre des Anti-Nazi-Films eine sehr explizite propagandistische Instrumentalisierung erfuhr: Als Gegenentwurf zu dem Konzept der christlich geprägten, liebenden Kleinfamilie des US-amerikanischen (Klein)Bürgertums wurden die meist von Exilschauspielern verkörperten Nazi-Schurken mit Promiskuität und sexueller Perversion, häufig Homosexualität, in Verbindung gebracht.

Die Nahelegung einer Verbindung von Queerness, US-Ausland und moralischer Abartigkeit beschränkte sich aber keineswegs nur das Genre des Anti-Nazi-Films. Die am häufigsten als Beispiel für Queer Coding angeführte und inzwischen berüchtigte Figur des Joel Cairo tritt etwa im Kriminalfilm „The Maltese Falcon“ (1941) auf. Verkörpert wird Cairo von Peter Lorre, der in den 30ern aus Berlin in die USA flüchtete. Die Figur ist in der Romanvorlage des Films explizit homosexuell; ein Umstand, der aufgrund des Production Code nur durch eine stereotypisierte Darstellung möglich war: Cairo verfügt über eine gepflegte Erscheinung, er wirkt kultiviert, elegant und feminin, er gibt sich höflich und ist gewählt in seiner Ausdrucksweise.

Doch diese Eigenschaften sollten das US-Publikum der 40er nicht nur auf Cairos Homosexualität hinweisen: In Detecting Men: Masculinity and the Hollywood Detective Film erklärt Philippa Gates, dass es sich um Eigenschaften handelt, die häufig mit Europäern (oder Engländern) assoziiert wurden. Cairo repräsentiere damit ein Extrem und eine Konsequenz des europäischen Lebensstils: eine Verweiblichung der Männer. Damit ist Cairo eine geeignete Negativfolie für den von Humphrey Boghart verkörperten Filmprotagonisten Sam Spade. Gates beschreibt Spade als Musterbeispiel für den filmischen Stereotyp des hartgesottenen Privatdetektivs, der ein positives Modell US-amerikanischer Männlichkeit während des zweiten Weltkriegs liefert: Ein Männlichkeitsideal, das für Gerechtigkeit, Effizienz und Härte steht.

Fazit

Es zeigt sich, dass es zur Zeit des zweiten Weltkriegs einen Trend der Stereotypisierung im US-Kino gab, der Queerness und das Ausland ins gleiche negative Eck gestellt hat: fremd im Pass und fremd im Begehren. Queer Coding erfüllte also den Zweck, das europäische Ausland abzuwerten und das amerikanische Männlichkeitsideal dadurch stärker hervortreten zu lassen. Zugespitzt könnte man sagen: „Der heterosexuelle Amerikaner siegt über den perversen Ausländer.“ Ich darf in Erinnerung rufen: das war nicht unbedingt Intention, sondern einfach filmische Konvention.

Gut, das klingt jetzt alles sehr schlimm, aber was könnte das bedeuten, auch für die Gegenwart? Wenn zu einer Zeit, in der der US-Nationalstolz angekurbelt werden sollte und Männer dazu angeregt werden mussten, in den Krieg gegen die Nazis zu ziehen, der queere, feminine, perverse oder schwule Ausländer ein attraktives Feindbild war, dann erlaubt das umgekehrt Rückschlüsse über die Gesellschaft: das US-amerikanische Publikum dieser Zeit war eines, dass verstand, dass diese Eigenschaften nicht wünschenswert waren. Auch, weil sie im Kontext der eigenen Gesellschaft als nicht erstrebenswert galten oder tabuisiert wurden. Dieses Prinzip kann mit Behutsamkeit aus dem gegebenen historischen Kontext gehoben und auf andere Kontexte – zum Beispiel auf heute – angewandt werden. Und dann lässt sich fragen: wie werden filmische Bösewichte heute codiert? Welche Eigenschaften haben sie? Und warum?

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Titelbild aus: „Die Spur des Falken“, Peter Lorre

Quellenverzeichnis

Lanser, Susan S./Joan N. Radner, „The Feminist Voice. Strategies of Coding in Folklore and Literature“, In: The Journal of American Folklore 100, 398/1987, S.412-425.

LaPointe, Mark. E./Meredith Li-Vollheimer, „Gender Transgression and Villainy in Animated Film“, In: Popular Communication 2, 1/2003, S.89-109.

Benshoff, Harry M., Monsters in the Closet. Homosexuality and the Horror Film, Manchester: Manchester Univ. Press 1997.

Gates, Philippa, Detecting Men. Masculinity and the Hollywood Detective Film, Albany: State University of New York Press 1973.