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Filmothek #58: „Interstellar“ (neu auf Amazon Prime)

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Regisseur, der sich mit Werken wie „Memento“ und „Inception“ bereits einen Namen als Meister des gepflegten Mindfucks gemacht hatte, einmal dem Science-Fiction-Genre widmen würde. Immerhin sind die Möglichkeiten hier schier grenzenlos. Umso erstaunlicher ist, dass „Interstellar“ bei genauerem Hinsehen durchaus als einer der intimeren Filme in Christopher Nolans Œuvre gesehen werden kann. Das Meisterwerk ist seit 12.5. auf Amazon Prime zu sehen und wartet auf seine Wiederentdeckung.

von Mara Hollenstein-Tirk

Doch beginnen wir mit einem Rückblick: Gebannt schauten Filmfans weltweit auf die Kinoleinwände und Bildschirme, als 2013 der erste Trailer zu dem neuen Nolan – Film veröffentlicht wurde. Kryptisches Voiceover, ein paar Bilder, mehr war nicht zu sehen und doch reichte es, um das Interesse zu wecken. Mit jedem neuen Material, das man zu sehen bekam, wurde dann schließlich immer deutlicher, dass es sich um ein visuelles und akustisches Kinoerlebnis handeln würde, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Und so kam es dann auch, dass ein Film mit einem Budget von knapp unter 200 Millionen Dollar weltweit knapp über 700 Millionen an den Kinokassen einspielen konnte.

Selbst die Autorin dieser Zeilen kann sich noch gut an die schiere Kraft erinnern, mit welcher der orgellastige Soundtrack aus der Feder der lebenden Legende Hans Zimmer sie damals in den Kinositz gedrückt hat. Ein Erlebnis, das war es wirklich. Doch es ist nicht nur diese erste, fast erschlagende Wirkung, die „Interstellar“ zu so etwas Besonderem macht, sondern auch das, was folgt, das einen immer wieder Neues entdecken, erleben und fühlen lässt. Denn zunächst, da besteht gar kein Zweifel, ist es der visuelle Augenschmaus, der einen in seinen Bann zieht. Ganz wie man es von Nolan kennt sind die Bilder wundervoll komponiert, episch in ihren Ausmaßen und brennen sich so ins Gedächtnis. Doch bildgewaltige Science-Fiction alleine würde noch nicht ausreichen, um ein Werk zu schaffen, dass sich von anderen Genrevertretern abhebt. Zum Glück war das auch Nolan bewusst und so legte er, wenn möglich, auch einiges Augenmerk auf wissenschaftliche Akkuratesse. Das Schwarze Loch, welches im Film vorkommt, schaut auch deswegen so beeindruckend aus, weil es auf realen mathematischen Berechnungen beruht.

Aber auch das würde noch nicht reichen, um aus einem netten Weltraumabenteuer ein Meisterwerk zu machen. Und hier kommen die weiteren Sichtungen ins Spiel. Denn während man beim ersten Mal noch abgelenkt ist von den zahlreichen Eindrücken, welche die Sinne überfluten, bemerkt man beim zweiten Mal plötzlich, welch emotionale Geschichte sich hinter dem ganzen Spektakel verbirgt. Denn lässt man das ganze Drumherum außen vor, geht es in „Interstellar“ eigentlich nur um einen Mann, der alles riskiert, um seinen Kindern eine glückliche Zukunft zu ermöglichen, in einer Welt, in der dies unmöglich erscheint. Matthew McConaughey durfte hier einmal mehr beweisen, wieso er nach seinem Ausflug ins Comedygenre nun wieder zum heißen Eisen in Hollywood gehört. Sein Joseph Cooper ist ein Mann der Facetten: Seine Motivation ist zwar vollkommen klar, doch zeigt er so viele unterschiedliche Gesichter, dass man ihn doch nie ganz zu durchschauen scheint, was ihn nur umso lebendiger und realistischer macht. Gerade bei einem Regisseur wie Nolan, dem gerne einmal emotionale Distanz zu seinen Hauptfiguren vorgeworfen wird (in seinem aktuellsten Film „Tenet“ bekommt der Hauptdarsteller gleich gar keinen Namen mehr), ist es beachtlich zu sehen, dass er in einem Genre, in welchem den Figuren eigentlich zumeist eher dürftige Charakterzeichnungen zuteil werden, den Fokus so vollkommen auf die emotionale Reise seines Protagonisten legt. So rührt einen das von manchen als kitschig kritisierte Ende dann auch bei abermaliger Sichtung zu Tränen, wenn der Vorhang aus Schauwerten fällt und man als Zuschauer nichts weiter zu sehen vermag, als die Liebe zwischen einem Vater und seiner Tochter. Genau das ist es, was großartiges Kino ausmacht, was aus einem Genrestreifen ein Meisterwerk macht: die scheinbar mühelose Verwebung großartiger Bilder mit mitreißender Musik und einer emotional packenden Geschichte.

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