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„The Green Knight“ – Kritik zum Kinostart

Filme können mitunter ganz schön an den Nerven zehren. Entweder strapazieren sie durch immense Spannung die menschliche Herzmuskulatur, sind so gruselig, dass man sich am liebsten die Augen zuhalten möchte oder gar so lustig, dass einem die im Kino erstandene Flüssignahrung durch die Nase wieder in den Becher fließt. Oder man nimmt sich Filmen von David „Slowery“ Lowery an, der die Geduld mittels entschleunigter Erzählweise bis zur Belastungsgrenze ausreizt und mit Freuden darüber hinausgeht.

von Cliff Brockerhoff

Das ist in keinster Weise despektierlich gemeint, denn in der Wahl seiner Stilmittel ist der US-Amerikaner keinesfalls unbedacht. Alles ist bewusst so gewählt um die aufgezeigte Stimmung zu untermalen, und nach dem fast stillstehenden „A ghost story“ widmet sich Lowery in „The Green Knight“ nun einer Sage aus dem Dunstkreis des König Artus und erzählt von Sir Gawain, der im Wissen seines sicheren Todes eine Heldenreise antritt um sich dem namensgebenden grünen Ritter zu stellen. Doch der Reihe nach.

Gawain ist der Neffe von Artus und vielmehr ein in den Tag hinein lebender Taugenichts als ein ruhmreicher Streiter. Als er am Weihnachtsabend an die Seite des Königs zitiert wird um eine Geschichte von sich zum Besten zu geben, wird ihm schmerzlich bewusst, dass sein Leben keine Höhepunkte zu bieten hat. Da kommt der Besuch des grünen Ritters gelegen, denn dieser fordert einen Freiwilligen zu einem Duell auf. Die Krux daran: Scheitert der Herausforderer, unterliegt er der Pflicht sich in genau einem Jahr einem erneuten Zweikampf zu stellen, bei dem es nur einen Ausgang geben kann. Das ist im Grunde das handlungstechnische Grundkonstrukt der abendfüllenden 130 Minuten, in denen Lowery sich nur schwer auf ein Genre festnageln lässt.

Hauptsächlich ist „The Green Knight“ natürlich eine fantastisch angehauchte Verbildlichung einer Sage, die Lowery zum Glück frei interpretiert. Damit stößt er Puristen zwar vor den Kopf, nimmt sich aber die künstlerische Freiheit eigene Ideen einfließen zu lassen – was dem Film in Anbetracht der originalen, mittelenglischen Ritterromanze gut zu Gesicht steht. In äußerst gemächlichem Erzähltempo schreitet Sir Gawain auf der Suche nach seinem Widersacher – und sich selbst – durch die Wälder, Täler und Landschaften und begegnet dabei den verschiedensten Weggefährten, die sich allesamt als Prüfung seiner Tugendhaftigkeit erweisen. Lowery serviert die Thematiken nicht auf dem goldenen Teller, sondern wirft seinen Betrachtern immer nur kurze Dialoge, Gedankenspiele und Stichworte entgegen, aus denen im Kopf eines jeden der Zusammenhang geknüpft werden muss. Aber keine Sorge: so kryptisch wie befürchtet ist die Entmystifizierung des klassischen Helden gar nicht.

Auch wenn es immer wieder surreale Szenen gibt, in denen nie genau klar wird, ob diese Erlebnisse nun wirklich real stattfinden oder sich nur im Kopf des Protagonisten zutragen, findet der Film immer wieder auf den Pfad der Erzählung zurück und ergießt sich nie zu lange in bedeutungsschwangeren Szenen. Dieser rote Faden führt sicher durch die Erzählung, ist jedoch auch in schöner Regelmäßigkeit von wundervollen Bildkonstrukten umgeben, die Zeit und Raum für jenen epischen Pathos lassen, der bei einer Sage freilich mitschwingt. Dass wird viele überfordern, und das ist auch vollkommen in Ordnung. Wer allerdings Freude an märchenhafter Literatur hat, sich gerne in die Atmosphäre eines Films einsaugen lässt und eigenständiges, mutiges Kino schätzt, dem wird vor Freude die ein oder andere Träne in den Weinkelch entgleiten. Insbesondere wenn sich der Film selber zurücknimmt und lediglich Bilder, Mimik und musikalische Untermalung wirken lässt, zeigt sich das Werk als wundervolle Filmkunst, die diesem Namen auch gerecht wird – und es gegen Ende sogar schafft sich auf der eigens auferlegten Lethargie zu erheben und seine Gegenüber mit einem Lächeln in die Credits zu entlassen.

Fazit

Regisseur David Lowery entführt seine Zuschauerschaft in „The Green Knight“ in längst vergangene Zeiten, in denen Tugenden wie Mut und Ehre die Welt bedeuteten, gibt sich inszenatorisch gewohnt sperrig und zeigt spezielles Fantasy-Kino für geduldige Erwachsene. Über jeden visuellen Zweifel erhaben sind die dezent bildgewaltigen zwei Stunden majestätisch prunkvoll, intensiv gespielt und ein gelungener Ausflug in die Artuseptik. Sir Gawain hat bei seiner Odyssee nur leider ein bis zwei Portionen Unterhaltung im heimischen Dorf liegen lassen und büßt dies mit Abzug in der Gesamtnote.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(76/100)

Bilder: ©Telepool/A24

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