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„New Order“: Kritik zum Skandalfilm aus Venedig

Wenn die Wirren in der Welt zunehmen, sprießen Dystopien aller Art aus dem Boden, um aktuelle Problemlagen realistisch, kreativ oder fiktiv abzubilden, weiterzudenken oder zu be- und verarbeiten. Beispiele aus der letzten Zeit sind Filme wie „Parasite“ oder „Joker“, beide auch mit gesellschaftspolitischer Schlagseite. Dazu gesellt sich nun „New Order“ des mexikanischen Filmemachers Michel Franco, der bereits letztes Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig für Furore sorgte, wo er mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde. Nicht allen gefiel diese Prämierung, dem Film wurde vorgeworfen, zynisch, menschenverachtend oder gar rassistisch zu sein. „New Order“ startet am 12.8. in unseren Kinos.

von Christian Klosz

Alles beginnt mit einer großen Hochzeitsfeier in einem Reichenviertel in Mexiko City. Das Paar und deren Familien und Freunde warten nur noch auf die Standesbeamtin, um ihren freudigen Tag begehen zu können. Doch irgendwas stimmt nicht: Ein erster Vorbote ist grünes Wasser, das aus dem Hahn tropft. Dann grüne Farbbeutel, die auf Autos und Menschen geworfen werden. Polizeisirenen. Und schließlich steht ein bewaffneter Mob direkt am von Zäunen umgebenen Anwesen, kommt immer näher, fordert Wertsachen der Hochzeitsgäste und beginnt schließlich, um sich zu schießen und Menschen zu töten. Eine Revolution ist im Gange, die Unterprivilegierten fordern ihren Anteil. Die Armee nutzt dieses Chaos, um eine faschistoide Diktatur zu errichten, die wahllos Menschen einsperrt, foltert, ermordet: Die neue Ordnung ist nun etabliert.

Franco geht es in „New Order“ zuallererst darum, aktuelle Tendenzen in der mexikanischen Gesellschaft (und in vielen Gesellschaften weltweit) aufzugreifen und weiterzudenken. Was passiert, wenn sich Eliten weiter von der „normalen Bevölkerung“ abkapseln, materielles Gut, Geld und gesellschaftliche Teilhabe ungleich distribuiert sind und bleiben, kein gesellschaftlicher Ausgleich mehr stattfindet? Die Armen werden ihr Recht einfordern, legt der Film nahe, umso mehr in einer Nation wie der mexikanischen, die keinen Sozialstaat europäischer Prägung kennt. Franco porträtiert die sich entladende Gewalt kompromisslos und provokativ, aber ohne Rechtfertigung: Gewalt ist Gewalt, Mord ist Mord, Hass ist Hass, egal von wem egal gegen wen. Der Kontext ist nicht relevant, es geht um die Tat an sich. Das ist am Ende gar nicht so politisch, wie man denken möchte, sondern in erster Linie nihilistisch.

Hoffnungslos bis zynisch mutet es an, dass auf die Revolution nicht Freiheit und Gerechtigkeit folgen, sondern eine noch schlimmere Form der Herrschaft als zuvor, nämlich eine absolut unmenschliche Militärdiktatur. Das offenbart ein zutiefst düsteres Bild, das in Menschen Wölfe, also Tiere sieht, die sich nehmen, was sie können, wenn sie nur die Möglichkeit dazu haben. Trotzdem hat diese Erzählung auch historisch gesehen ihre Entsprechungen und Vorbilder, weshalb sie in dieser Form – als fiktive Handlung – trotzdem nicht als völlig unrealistisch zu klassifizieren ist. Bleibt die Frage: Was will uns der Regisseur damit sagen? Dass jede Revolution zum Scheitern verurteilt ist? Dass alles so bleiben sollte, wie es ist? Eine eindeutige politische Absicht und Botschaft lässt sich aus „New Order“ nicht herauslesen, auch wenn manche Kritiker das gerne tun würden, um sich die Sache leicht zu machen. Am ehesten ist es eine Warnung, dass Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltung schnell zu absolutem Chaos führen können, in dem es schließlich kein „Gut“ und „Böse“ mehr gibt, sondern pure Barbarei auf allen Seiten, also den absoluten Verlust jeder Menschlichkeit. Wer den Blick in die „sozialen“ Medien richtet, wird erkennen, dass es sich hierbei in keiner Weise um eine weit hergeholte Dystopie handelt, sondern in einigen Fällen bereits um die sehr reale Gegenwart.

Fazit:

Hart, provokativ, schmerzhaft, kompromisslos: Michel Franco zeichnet in „New Order“ die Dystopie einer Welt, in der niedere Instinkte und Hass regieren und die sich selbst zugrunde richtet. Es ist eine (noch) fiktive Warnung, was Gesellschaften blüht, die Spaltung statt Ausgleich und Zusammenhalt üben. Insofern ist der Film univeral gültig und zählt zu den bisher interessantesten und aktuellsten Werken des Filmjahres 2021.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(87/100)

Bilder: © Filmladen Filmverleih

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