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Filmfest Hamburg: „Für immer und ewig“ – Kritik

Mathieu Almaric kann auf eine lange und umfangreiche Karriere als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor zurückblicken. In internationalen Produktionen wie „Ein Quantum Trost“ oder auch „Grand Budapest Hotel“ als Schauspieler vertreten, zieht es ihn als Regisseur mit den eigenen Filmen auch nach Cannes. 2017 feierte sein Drama „Barbara“ auf dem Festival Premiere, dieses Jahr wurde „Für immer und ewig“ während der Filmfestspiele vorgestellt. Basierend auf dem Stück „Je reviens de loin“ von Claudine Galea, inszeniert Almaric gemeinsam mit seiner Hauptdarstellerin Vicky Krieps ein starkes, aber nicht ganz einfaches Melodrama, das Tragik und Trauer wuchtig auf die Leinwand bannt.

von Madeleine Eger

Clarisse (Vicky Krieps) scheint frustriert, wütend, traurig. Ohne ihren Mann Marc (Arieh Worthalter) und ihre beiden Kinder Lucie (Anne-Sophie Bowen-Chatet) und Paul (Sacha Ardilly) zu wecken, stiehlt sie sich aus dem Haus und verlässt mit dem Auto ohne Vorwarnung ihre Familie. Scheinbar grundlos allein gelassen, versuchen sich die verbliebenen drei mit dem neuen Alltag zu arrangieren, während nach und nach Überbleibsel von Clarisse aus dem Haus entfernt werden. Clarisse selbst scheint allerdings mit der Entscheidung nicht glücklicher. Als sie später zu ihrem alten zu Hause zurückkehrt, wartet dort jedoch niemand mehr auf sie…

Zunächst kann man aus der schnell abgehandelten Exposition heraus nur vermuten, warum Clarisse den Schritt gegangen ist und ihre Familie Hals über Kopf verlassen hat. Vor allem wenn dann die zwei Kinder und ihr Mann der ganz normalen Morgenroutine folgen, ohne sich groß Gedanken zu machen. Die funktionierende Familie scheint also nicht der Auslöser zu sein, noch gibt es Anzeichen für eine Ehekrise oder Streit zwischen ihr und Marc. Dass Clarisse aber vor irgendetwas davon läuft, regelrecht auf der Flucht ist, ist der einzige Hinweis, den ein kurzer Dialog offenlegt.

Aber nicht nur, dass das Wort Flucht fällt, auch dass zwischen Sekunden scheinbar schon ganze Monate vergangen sein sollen, lässt einen stutzig werden. Der Film legt tatsächlich innerhalb von Augenblicken und ohne Vorwarnung längere Zeitspannen zurück und springt während des ersten Drittels sogar noch mehrfach zwischen scheinbar parallel stattfindenden Handlungssträngen hin und her. Da sind es manchmal Geräusche, Sätze oder an anderer Stelle dann sogar kurze Sequenzen, die sich überlappen oder gar identisch ablaufen. Durch einen fantastischen Schnitt und eine großartige Tonarbeit scheint das tragische Drama zwischen verschiedenen Ebenen zu fließen, entzieht sich zunächst einer greifbaren Handlung und lässt die Motivation seiner weiblichen Hauptfigur weitestgehend im Dunkeln. Man merkt, irgendetwas stimmt nicht, nur macht es der Film einem dabei nicht leicht, die verworrene Struktur am Anfang des Films zu entschlüsseln. Damit erinnert die Erzählstruktur sogar ein wenig an das Demenzdrama „The Father“. Denn nichts ist wie es scheint und offenbar sehen wir auch erst einmal nur das, was wir sehen sollen.

Erst ab etwa der Hälfte des Films beginnt sich die Situation ganz langsam aufzulösen und fördert eine Mischung aus Vergangenheit, Fantasie und Zukunftsvisionen zutage. Als die Kinder nämlich langsam älter werden, Clarisse ihrer Familie ganze Sätze in den Mund legt, wird endlich deutlicher, wovor Clarisse wegläuft und welche Dämonen noch auf eine Auseinandersetzung warten. Die dann folgende kurze Schlüsselszene in einem idyllisch gelegenen spanischen Hotel lässt das fragile Kartenhaus, das für Clarisse und das Publikum aufgebaut worden ist, endgültig in sich zusammenzustürzen und legt eine unglaublich erdrückende Trauer frei, die einem komplett den Boden unter den Füßen wegzureißen scheint. Regisseur Amlaric bedient sich dabei wiederholt ganz kurzen, aber wunderschön komponierten Bildern und versetzt seiner Hauptfigur wie auch seinem Publikum damit immer wieder einen schmerzhaften Schlag in die Magengrube.

Wie ein dichter, erdrückender Nebel drängt das Unvermögen zur Trauerbewältigung dabei in den Kinosaal und lässt einen bis zum Schluss kaum mehr los. Vicky Krieps spielt dabei die allein gelassene Mutter und Frau mit solch einer Intensität und Überzeugungskraft, dass jeglicher Schmerz regelrecht spürbar wird und ihre Versuche, diesen zu betäuben, eine nachvollziehbare Konsequenz des tief sitzenden Traumas wird. Durch die starke, ausgewogene und strukturierte Inszenierung im letzten Drittel kann sich eine ungeahnt herzzerreißende Geschichte entfalten, die vor allem in den letzten paar Minuten noch einmal in die Vollen geht und emotional die komplette Bandbreite abbildet. Auf den ersten Blick zeigt sich „Für immer und ewig“ als eher undurchsichtiges Drama, das wohl aufgrund seiner verworrenen Erzählstruktur nicht jeden Geschmack treffen könnte. Hier zahlt sich wirklich ein wenig Geduld aus, um am Ende mit einem fantastischen und tief berührenden Drama belohnt werden.

Fazit:

Erzählung, Fantasie und Realität fließen ineinander und es entfaltet sich eine Geschichte um eine Figur, die versucht ein Trauma hinter sich zu lassen: „Für immer und ewig“ ist wahrlich ein meisterhaftes Beispiel eines starken und intensiven tragischen Dramas. Vicky Krieps stemmt dabei einen Film auf ihren Schultern, der einen auch Minuten danach nicht mehr loszulassen vermag.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

„Für immer und ewig“ wurde im Rahmen des Filmfest Hamburg gesichtet, das derzeit und noch bis Ende der Woche stattfindet. Weitere Kritiken folgen.

Bilder: (c) Les Films du poisson

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