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Filmfest Hamburg: „Red Rocket“ – Kritik

Dass Sean Baker ein Herz für ungewöhnliche Figuren am Rande der Gesellschaft hat, die am Existenzminimum leben, aber immer noch Träume und einen Funken Optimismus mitbringen, hat der Regisseur und Drehbuchautor in seinen bisherigen Filmen mehr als einmal bewiesen. „Starlet“, „Tangerine“ und zuletzt auch der in Cannes uraufgeführte „The Florida Project“ – Baker bringt aus oft eher unkonventionellen Charakteren zutiefst menschliche und einfühlsame Geschichten hervor, die durch ihren natürlichen, fast schon dokumentarischen Stil oft ungeahnt emotionale Bindungen zum Publikum knüpfen und ein beachtenswert lebensnahes Bild quer durch die amerikanische Gesellschaft zeichnen. Auch in seinem neuen Werk „Red Rocket“, das im Wettbewerb von Cannes lief und nun auf dem Filmfest Hamburg zu sehen war, nimmt sich Baker einer Figur an, die einst auf der Suche nach Ruhm und Erfolg der zukunftslosen Stadt Texas City den Rücken kehrte und nun obdachlos und ohne Job, aber in der Hoffnung auf neue Möglichkeiten nach 20 Jahren in die alte Heimat zurückkehrt.

von Madeleine Eger

In LA baute sich Mikey Saber (Simon Rex) eine Karriere als Pornodarsteller auf. Zwei Jahrzehnte später ist von dem Ruhm nicht mehr viel übrig. Ohne Bleibe und Geld verschlägt es ihn zurück zu seiner (noch) Ehefrau Lexi (Bree Elrod) nach Texas City. Seine Hoffnung: irgendwie zurück ins Geschäft. Ohne Plan, aber mit einem äußerst manipulativen Sprachtalent, schafft es Mikey, sich zunächst aber immerhin ein Dach über dem Kopf und einen (wenn auch wenig ehrenhaften) Job zu organisieren. Wie schon in alten Zeiten vertickt er wieder in der Gegend für Leondria (Judy Hill) Gras, hängt mit dem jetzt erwachsenen Nachbarssohn Lonnie (Ethan Darbone) ab und sieht ganz plötzlich in der 17 Jahre alten „Strawberry“ (Suzanna Son) seinen Weg zurück zum Erfolg. Doch in einer Stadt, wo der Verfall allgegenwärtig ist, scheint der amerikanische Traum unerreichbarer als je zuvor.

N’Sync’s 90er-Jahre Hit „Bye Bye Bye“ schrillt uns ohrenbetäubend aus den Lautsprechern entgegen, als Mikey mit dem Bus in Texas City ankommt. Ein gealterter, aber immer noch gut trainierter Boybandverschnitt mit blauem Auge und einigen Blessuren stolziert da entschlossen auf den verlassenen Straßen und vor dem Hintergrund dampfender Ölraffinerien zum Haus seiner Ex. Freude über die Rückkehr des einstigen Pornosterns sieht allerdings anders aus. Das seine (immer-) noch Ehefrau Lexi ihn sogleich mit der Frage „Was willst du?“ konfrontiert, scheint auch ein wenig richtungsweisend für den dann folgenden Film zu werden. Denn wie sich herausstellen soll, weiß Mikey das selbst nicht so richtig und verlässt sich erst einmal auf das, was er am besten kann: Mit seinem narzisstischen und egozentrischen Enthusiasmus Menschen um den Finger wickeln, um seinem Ziel wieder ein Stückchen näher zu kommen.

So lässt Lexi ihn wieder in das Haus, das sie mit ihrer drogenabhängigen und Talkshow-liebenden Mutter Lil (Brenda Deiss) bewohnt, Lonnie wird zum kostenlosen Fahrservice und bei Strawberry holt er sich dann nicht nur Schmeicheleien ab, auch Donuts und Sex sind drin. Das Spiel, das Mikey mit seinen Mitmenschen spielt, ist für uns schnell zu durchschauen, wobei sich auch Lexi, ihre Mutter sowie Leondria der trügerisch charmanten Fassade von Mikey bewusst sind. Und trotzdem: dem strahlenden Lächeln, den blauen Augen, dem jugendlichen Übermut und der hypnotisierenden Ausstrahlung von Schauspieler Simon Rex kann man sich einfach nicht verwehren. So geben dann nicht nur seine Mitmenschen nach, auch wir sehen uns in einer Zwickmühle aus brodelnder Antipathie, die immer wieder von charmant naiven und humoristischen Momenten ausgehebelt wird.

Denn wenn es beispielsweise um die sich anbahnende Beziehung zur 17-Jährigen dreht und die Hintergedanken, die Mikey dabei hegt, zum Vorschein kommen, sorgt das für mehrfach skeptisches Stirnrunzeln und lässt die Frage aufkeimen, ob das denn nicht sogar die Grenze zur Illegalität überschreitet. Die Anstrengungen, die er allerdings unternimmt, um vor dem Mädchen nicht als Loser dazustehen, führen beispielsweise dazu, dass er sich jeden Abend von ihr zu einem Luxushaus fahren lässt (das natürlich nicht ihm gehört) und er dann im Dunkeln auf seinem limonengelben Mädchenfahrrad den nächtlichen Heimweg antritt. Mikey ist eben Meister der leeren Versprechungen und Täuschungen, billigt dann aber das gleiche Verhalten bei seinen Mitmenschen nicht und sieht sich, obwohl er in einer sehr ähnlichen Lage ist, immer noch als Gewinner. Und das lässt er seine vermeintlichen Helfer auch immer wieder spüren.

Mit diesen Sticheleien und dem sich anbahnenden Drama gegen Ende des Films könnten die Figuren deshalb allesamt selbst aus einer der reißerischen amerikanischen Talkshows entsprungen sein. Dennoch ist „Red Rocket“ ein wertfreies, wenn auch politisch kommentiertes, liebevolles komödiantisches Drama, das in körniger 16mm Optik die harte Realität bebildert, den geplatzten amerikanischen Traum mit Bonbonfarben und bunten Donutstreuseln aber dennoch ein kleines Stück weiter träumt.

Fazit:

Politisch konnotiert, dabei aber vor allem witzig, charmant und ungemein menschlich. „Red Rocket“ zeigt sich als gekonnt pointierte Charakterstudie eines gefallenen Pornostars, dessen manipulativer Natur man sich einfach nicht entziehen kann. Ein Film über eine vergessene Gesellschaft und Menschen, die sich mit aller Kraft noch an ihren geplatzten amerikanischen Traum von Erfolg und Ruhm klammern.

Rating:

Bewertung: 9 von 10.

Bild: (c) Drew Daniels

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