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Filmfest Hamburg: „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ – Kritik

Nach dem 2018 erschienenen Western-Krimi „Sisters Brothers“ mit Joaquin Pheonix und Jake Gyllenhaal, richtet sich der französische Regisseur Jacques Audiard mit seinem neuen Werk „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ tonal und stilistisch wieder neu aus, und kreiert einen Film, der gegensätzlicher kaum sein könnte. Die ländliche Weite von Oregon weicht der städtischen Enge von Paris, und statt einer historisch verankerten Goldgräbergeschichte widmet sich Audiard einer modernen Erzählung über junge Menschen, die zwischen Verpflichtung und Freiheit, Stabilität, sich selbst und die Liebe suchen. Basierend auf kurzen Comicgeschichten vom New Yorker Cartoonisten Adrian Tomine, entwickelte Audiard gemeinsam mit Céline Sciamma („Porträt einer jungen Frau in Flammen“) und Léa Mysius („Ava“) eine einfühlsame und stimmungsvolle Liebesgeschichte, die im Wettbewerb von Cannes lief, auf dem Filmfest Hamburg seine Deutschlandpremiere feierte und dort mit dem Arthouse Cinema Award ausgezeichnet wurde.

von Madeleine Eger

Émilie (Lucie Zhang) sucht für ihre Wohnung im Pariser Stadtviertel Les Olympiades eine Mitbewohnerin. Dass Camille (Makita Samba) allerdings ein junger Mann ist, stört sie dann aber doch recht wenig. Er zieht ein und die beiden fangen eine kurze, aber leidenschaftliche Affäre an. Émilie will schnell mehr als nur unverbindlichen Sex, setzt ihn damit jedoch so sehr unter Druck, dass er daraufhin die Wohnung verlässt. Unterdessen verschlägt es die Immobilienmaklerin Nora (Noémie Merlant) für ihr erträumtes Jurastudium zurück in die Stadt. Als sie allerdings mit dem Cam-Girl und Pornosternchen Amber Sweet (Jehnny Beth) verwechselt wird, zerplatzt auch dieser Traum. Zurück im alten Beruf, lernt sie Camille kennen und ganz plötzlich finden sich alle vier in einem Labyrinth aus Enttäuschungen, Verlangen und Idealen wieder.

Das Industriegebiet und einige Hochhäuser prägen das wenig romantische Antlitz des Pariser Stadtviertels im 13. Arrondissement. Ungeschönt, rau und trist sind die ersten Bilder mit denen der Regisseur den Stadtteil erkundet, das als Kulisse für sein Beziehungsdrama dienen wird. Dabei nimmt Audiard der sonst so vibrierenden, eleganten und oft verspielten Metropole die Farbe und taucht „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ in sattes Schwarzweiß. Unter hämmernden Dubstep Beats wird die augenscheinlich trübe Betonformation allerdings zunehmend lebendig und gewährt erste Einblicke in Wohnungen der Menschen. Erst nach ein paar Minuten betritt der Regisseur die Privatsphäre von seinen Hauptfiguren: Émilie, die nackt auf ihrem Sofa ein Lied in ihr Mikrofon haucht und sich dabei hingebungsvoll an Camille schmiegt.

Die knisternde Atmosphäre unterbricht das Beziehungsdrama allerdings abrupt und springt zurück in den Moment, an dem alles begann und der dazu führen sollte, dass sich die Wege von vier Menschen schicksalhaft kreuzen werden. Auch wenn alles zufällig erscheint, die Kamera subtil mit kleinen, fast schemenhaften Momenten im Hintergrund spielt und uns die unbewusste Nähe der Figuren offenbart, so haben Émilie, Camille, Nora und Amber sehr viel mehr gemeinsam als sich zunächst vermuten lässt. Unter einer Fassade aus sexueller Freizügigkeit, dem Wunsch nach Veränderung und selbstbestimmter Freiheit, verbirgt sich bei allen die Sehnsucht nach Stabilität, Angst vor Verlust und das Bedürfnis, eine tiefe innere Leere zu füllen.

Sorglos, unbeschwert und zuversichtlich zeigen sie die Figuren noch, bevor sie einen Moment der Desillusion erleben müssen. Für Émelie ist es die Ablehnung, die sie erfährt, als sie versucht, sich Camille als Partnerin zu nähern. Camille hingegen muss mit der Zurechtweisung seines Vaters einsehen, dass sich die Welt nicht nur um ihn dreht und nicht jeder seiner Gedanken auf Zuspruch stößt. Und Nora wird schmerzlich bewusst, dass viele Jahre ihres Lebens ungenutzt verstrichen sind, sie ihre Jugend, das Studentenleben verpasst hat. In den Augenblicken, die für die Charaktere zu Wendepunkten in ihrer Geschichte werden, lässt Audiard die zuvor ausgeprägten Kontraste zunehmend verschwimmen. Eine gewisse Grauzone entwickelt sich, die die Selbstreflexion, das langsame Bewusstwerden der Figuren symbolisiert und dabei eine gewisse Melancholie einfließen lässt, ohne melodramatisch zu werden. Neben den sehr persönlichen und einschneidenden Erlebnissen wird das Cam-Girl Amber zur Schlüsselfigur für den Film und die Viererkonstellation.

Noras Faszination für die Frau, die sich mit einem von ihr selbst nie erreichten Selbstbewusstsein präsentiert und finanziert, löst eine Kettenreaktion aus, die dazu führt, dass die Protagonisten lernen zu erkennen, wer sie sind, was ihnen wirklich wichtig ist und mit wem sie ihre Zukunft verbringen möchten.

„Wo in Paris die Sonne aufgeht“ porträtiert auf sehr charmante Weise den steinigen Weg der Selbstfindung, auf dem kleine Momente des Glücks und der Ekstase genauso feinfühlig beobachtet werden wie bittere Enttäuschungen und scheiternde Zukunftsvisionen.

Fazit

Sensibel und wunderschön inszeniert. Irgendwo zwischen Rom-Com und Beziehungsdrama findet Audiard eine eindrucksvolle Balance aus Intimität, Sex-Appeal und cleveren Humor, die nicht nur die Vielfältigkeit der Liebe, sondern auch das moderne, bunte und facettenreiche Leben zelebriert.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

Bild: (c) Neue Visionen Filmverleih

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