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„Pig“ – Kritik zum Heimkino-Start

Es ist schon beachtlich mit welcher Konsequenz Nicolas Cage in den letzten Jahren seine Vita aufmöbelt. Wo andere ihr Antlitz nur alle Jubeljahre auf Zelluloid bannen, taucht Mister Cage in gefühlt jedem dritten Film auf und ist auch bei der Handlung schon lange nicht mehr allzu wählerisch. Beinahe wirkt es so, als würde der US-Amerikaner sich sogar auf eine Geschichte einlassen, in der er als bärtiger Waldschrat seinem gestohlenen Trüffelschwein hinterherjagt. Moment mal, das hat er ja bereits getan.

von Cliff Brockerhoff

In „Pig“ geht es nämlich genau darum. Als wortkarger Einsiedler lebt Robin Feld, ehemals als viel beachteter Koch in hohen Kreisen unterwegs, seit einem nicht benannten Zeitraum zurückgezogen in einem abgelegenen Waldstück, fernab jeglicher Zivilisation. Eines Nachts wird jedoch sein treuer Begleiter entführt, und Cage wird der Liebe wegen gezwungen seine Komfortzone zu verlassen und sich aus der eigens geschaffenen Isolation zumindest kurzzeitig wieder in die Gesellschaft zu kämpfen. Der liebgewonnene Nihilismus muss weichen, und ein vom Leben gezeichneter Mann kehrt dorthin zurück wo er einst gebrochen wurde.

Rein von der Prämisse her erinnert Michael Sarnoskis Spielfilmdebüt dabei an die mittlerweile erfolgreich ausgeschlachtete „John Wick“-Reihe. Im Angesicht des drohenden Verlustes seines vierbeinigen Gefährten sieht ein Mann Rot. Doch Sarnoski wählt einen völlig anderen Blickwinkel, inszeniert nicht seine Version von „John Pig“, sondern zieht es vor eine viel tiefgreifendere Story zu erzählen, wie man sie, gemessen an den Grundelementen, niemals erwartet hätte. Auch wenn sein Protagonist quasi vom Start weg blutverschmiert durch die farblose Szenerie taumelt, schwingt schnell eine gewisse Herzlichkeit mit, die erst einmal irritiert, im Laufe der Spielzeit jedoch immer mehr zur Hauptzutat heranreift. Die verschiedenen Nuancen schmecken bitter, dann plötzlich süß, offenbaren in der Kopfnote aber wiederum eine gewisse Schärfe. Das ist durchaus gewöhnungsbedürftig, mundet aber vor allem im Abgang hervorragend.

So ist „Pig“ nicht etwa ein stumpfer Rachethriller geworden, der sich an bereits bekannten Elementen abarbeitet, sondern viel eher eine Ode an die Menschen, die von uns gegangen sind. An die, die wir im Herzen tragen, auch wenn wir sie nicht mehr sehen. Ein Werk voller Schwermut, ein Abbild des noch nicht verarbeiteten Schmerzes. Gleichzeitig ist es aber auch ein ständig mahnendes Konstrukt aus gelebter Wertschätzung, der gleichzeitigen Dekonstruktion des viel zu liebgewonnenen Materialismus und schlicht die Erinnerung daran, dass das Leben nicht endlos ist. Sarnoski führt uns die Vergänglichkeit vor Augen, füllt letztere nicht selten mit einer leicht aufbrandenden Flut an Salzwasser und kocht jegliche Erwartungen an sein Erstlingswerk süffisant ab. Wo Cage sonst gerne in die Überreaktion abgleitet, verhältnismäßiges Handeln dem so typisch gewordenen Zorn opfert und nur selten noch als emotionaler Anker funktioniert, lässt der Amerikaner zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit wieder aufblitzen, warum er einst einer der Großen seiner Zunft war. Ganz ohne Wutausbrüche geht es selbstverständlich nicht, aber sein minimalistisches Schauspiel ist zweifelsohne die größte Überraschung der knapp 90 Minuten.

Und das Trüffelschwein, der eigentliche Aufhänger der Erzählung? Dem jagt Robin bis zum Schluss hinterher, auch wenn er eigentlich etwas ganz anderes sucht. Unterstützt wird er dabei von eher blassen Nebendarstellern, von denen Alex Wolff (Hereditary, Old) noch am ehesten zu benennen ist. Seine Rolle ist die, der im Nachhinein eine immer größere Bedeutung zugemessen wird. Agiert er anfangs noch als größtmöglicher Gegenpol von Cage, verschmelzen die als so unterschiedlich empfundenen Lebensstile stellenweise ineinander, weisen schwer vorstellbare Gemeinsamkeiten auf und entpuppen sich als schön ausgearbeiteter Nebenschauplatz, der sich nie in den Vordergrund drängt, der oftmals von Tristesse durchzogenen Narrative aber immer wieder Leben einhaucht. Das Kuriose daran ist, dass all dies während der Sichtung gar nicht so zum Tragen kommt. Die wahre und zwischen Schmerz und Wonne pendelnde Durchschlagskraft offenbart sich erst dann in Gänze, wenn die Credits beendet sind, die Musik im Menü das zehnte Mal durchgelaufen ist und man mit den Gedanken irgendwo in den Wolken hängt um im Wald der Erinnerungen nach den Schätzen seiner eigenen Vergangenheit zu graben.

Fazit

Michael Sarnoskis „Pig“ serviert Rache nicht eiskalt, sondern herzlich warm, ist weniger „specktakulär“ als vermutet, dafür aber der wohl melancholischte Genrebeitrag, den man sich ausmalen kann. Ein Film, der sich förmlich in seiner Andersartigkeit suhlt, menschliche Empfindungen auf so kreative Weise visualisiert und wahrlich der erste Cage-Film seit langem ist, der nicht schon über Meilen nach Mittelmaß riecht, sondern sich tatsächlich als cineastische Trüffel im sonst so eintönigen Morast erweist. Saustark! Ab sofort als video-on-demand erhältlich und ab dem 19.11.2021 auf BluRay und DVD erhältlich!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(78/100)

Bilder: ©2021 LEONINE Studios

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