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„Große Freiheit“: Kritik zum Kinostart

Bis in die 60er Jahre stellte §175 des deutschen Strafgesetzbuches sexuelle Handlungen zwischen zwei erwachsenen Männern unter Strafe. Bis dahin war gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern illegal. Das Gefängnis- und Liebesdrama „Große Freiheit“ von Regisseur Sebastian Meise setzt sich vor diesem historischen Hintergrund mit der Bedeutung der Freiheit der Liebe auseinander.

von Paul Kunz

Hans Hoffmann (Franz Rogoswki) ist während des Nationalsozialismus im Konzentrationslager gelandet. Grund dafür war seine Homosexualität. Doch als er 1945 gerettet wird, erwartet ihn nicht Freiheit, sondern das Gefängnis: denn Liebe unter Männern steht nach wie vor unter Strafe. Insgesamt drei Mal landet Hans in den nächsten Jahren wegen seiner sexuellen Orientierung im Gefängnis. Immer wieder begegnet er dort dem Sträfling Viktor (Georg Friedrich), der zunächst ein großes Problem damit hat mit einem „Perversen“ eingesperrt zu sein. Doch allmählich entwickelt sich zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Männern eine tiefe Freundschaft, die die Jahre überdauert.

Es ist die Biografie eines Mannes, erzählt ausschließlich anhand seiner Gefängnisaufenthalte. Das Drehbuch, das von Regisseur Sebastian Meise gemeinsam mit Thomas Reider verfasst wurde, geht dabei allerdings nicht chronologisch vor, sondern springt immer wieder zwischen den Zeitlinien umher. Wir sehen etwa gebrochene Versprechen noch bevor sie gegeben wurden oder hören Andeutungen zu Tragödien in der Vergangenheit noch bevor sie sich entfalten, wodurch der Film eine zusätzliche Ebene an Spannung erhält. Dank subtiler visueller Mittel überfordert der Film dabei allerdings nie und lässt stets erkennen, in welchem Zeitraum die Handlung im Moment verortet ist.

Hervorragend sind Franz Rogowski als Hans und Georg Friedrich als Viktor. Es sind sehr gut geschriebene Figuren, die von den beiden Schauspielern grandios verkörpert werden. Franz Rogowskis Hans tritt dem ungerechten System mit einer inneren Ruhe entgegen, die sich manchmal im verhaltenen Witz oder auch nur im kleinsten aller Lächeln äußert. Der Gegenpol ist Georg Friedrich als Viktor, perfekt gecastet als Prolo-Straftäter, der den „175er“ Hans zunächst anfeindet, sich aber nach und nach öffnet und die Einsamkeit und das Bedürfnis nach menschlicher Nähe greifbar werden lässt, die die zwei Männer verbindet.

Die sich über Jahrzehnte entfaltende Beziehung der beiden zueinander ist lebhaft und intensiv, sie entwickelt sich natürlich und glaubhaft und ist zutiefst berührend. Der Film hält sich allerdings zurück die Beziehung der beiden jemals zu definieren und festzuschreiben. Denn die „Große Freiheit“ ist ein Film, der seine Wahrheiten selten direkt ausspricht: Im Nicht-Ort des Gefängnisses von Freiheit erzählend fokussiert er auf die in der Gesellschaft Abwesenden, auf stillschweigende Übereinkünfte und auf Sehnsüchte, die womöglich unerfüllt bleiben. Hans zeichnet sich vor diesem Hintergrund als Mann aus, der Widerstand leistet, nicht etwa durch das Umstürzen eines Systems, sondern durch das Festhalten an seinem Bedürfnis nach Liebe und den Unwillen dieses trotz der Verfolgung durch den Staat aufzugeben. Immerzu sucht er sich die kleinen Momente an Freiheit, die er haben kann und kostet sie zur Gänze aus. Egal ob es die Erinnerung an einen Tag am See mit einem Liebhaber ist oder eine gemeinsame Nacht im Gefängnishof.

So lässt „Große Freiheit“ immer wieder Licht in die dunklen Gefängniszellen treten: Augenblicke des Humors, insbesondere zwischen Hans und Viktor, durchziehen den ganzen Film. Ihre Beziehung erlaubt ein Aufatmen im erstickenden Unrecht. In einer Szene sehen sich die beiden im Gefängnis die Mondlandung an – und es ist ein pointierter Kontrast, wenn der wissenschaftliche Fortschritt den Flug zum Mond erlaubt, während Menschen dafür eingesperrt werden, wen sie lieben. Viktor hätte es sich spannender vorgestellt. Mit Außerirdischen? „Wieso ned, hätt‘ ja sein können. War ja noch keiner oben.“ Hans blickt zum Mond und alles scheint gesagt.

Fazit

Mit großer emotionaler Wirkkraft gelingt es „Große Freiheit“ ein historisches Unrecht auf der Leinwand greifbar zu machen. Neben einem berührenden Leinwandpaar, hervorragend gespielt von Franz Rogowski und Georg Friedrich, wirft der Film ganz grundsätzliche Fragen danach auf, welche Formen Freiheit annehmen kann und wo sie zu finden ist. Packend geschrieben, virtuos umgesetzt! Ab 19.11. im Kino.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(94/100)

Bilder: (c) Filmladen Filmverleih

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