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„Tick, Tick…Boom“ – Kritik zum Netflix-Start

Im Sommer 2020 setzte die Filmversion von „Hamilton“ (Disney Plus) den Startschuss für eine Serie von Musicals, die aufgrund etlicher pandemiebedingten Verschiebungen 2021 scheinbar mit einer ganzen Flut Filmen dieses Genres enden lässt. Im Spätsommer lief „In the Heights“ in den Kinos, Leos Carax „Annette“ wurde zum Gesprächsthema Nr. 1 in Cannes, „Dear Even Hansen“ sowie „Everybody’s talking about Jamie“ wurde auf Amazon Prime veröffentlicht und Steven Spielbergs „West Side Story“ kommt nun mit einem Jahr Verspätung zur Weihnachtszeit in die Lichtspielhäuser. Dazwischen findet sich die Netflixproduktion „Tick, Tick…Boom“ wieder, die mit zwei der genannten Inszenierungen mehr gemeinsam hat, als sich zunächst vermuten lässt.

von Madeleine Eger

Hinter „Hamilton“, „In the Heights“ und „Tick, Tick…Boom“ steckt nämlich derselbe Schöpfer. Nämlich der New Yorker Songwriter, Komponist und Schauspieler Lin-Manuel Miranda. Der kreative Kopf hat bisher aber nicht nur erfolgreiche Musicals geschrieben und am Broadway aufgeführt, auch Songs aus Disneys „Vaiana“ und der kommenden Live-Action Verfilmung zu „Arielle“ stammen aus seiner Feder. Im Portfolio des Amerikaners nimmt der neue melodische Streich mit Andrew Garfield in der Hauptrolle allerdings eine ganz besondere und persönliche Rolle ein. Das Stück, das auf dem semiautobiografischem Rock-Monolog von Jonathan Larson basiert und bei dem der Regiedebütant selbst schon einmal die Hauptrolle übernahm, porträtiert die Ängste, Anstrengungen, Frustrationen und Hoffnungen eines Künstlers, der seine Leidenschaft und Liebe für Musicals unbedingt selbst verwirklichen und auf den großen Bühnen von New York sehen will.

Jonathans (Andrew Garfield) erstes Musical Superbia soll in einer Woche zum ersten Mal vor Publikum aufgeführt werden, dabei fehlt es nach wie vor an Geld, Musikern, Sängern und vor allem an einem entscheidenden Song. Als wäre der Druck nicht aber schon groß genug, naht der dreißigste Geburtstag und Jonathan wird das Gefühl nicht los, ihm würde die Zeit davon laufen, ohne jemals einen Erfolg verbucht oder seine Leidenschaft gar zur Berufung gemacht zu haben. Dann muss er sich zudem entscheiden, ob er seiner Freundin Susan (Alexandra Shipp) in eine andere Stadt folgen soll und zu allem Überfluss liegt einer seiner Freunde plötzlich im Krankenhaus. Leise, aber unaufhaltsam tickt für Jonathan die Zeit.

„Alles, was Sie sehen werden, ist wahr. Außer das, was sich Jonathan ausgedacht hat.“ warnt uns eine Frauenstimme vor und eröffnet die Bühne für den Mann, um den sich alles drehen wird. Hierzulande dürfte der Namen Jonathan Larson wohl kaum jemandem geläufig sein. Der Musical- und Theaterautor starb mit 35 Jahren kurz vor der Uraufführung seines ersten Werkes „Rental“ und hinterließ nur wenige Arbeiten. Unter anderen „Tick, Tick…Boom“, das als One-Man-Show konzipiert war, vom Regisseur Miranda aber jetzt mit deutlich mehr Darstellern zu einer gewissen Danksagung an den Autoren und eine Liebeserklärung an all die Künstler vom Broadway wird. Zuvor stellt uns der erste Song „30/90“ allerdings den jungen Mann, der so sehr mit seinem nahenden Geburtstag hadert und die Uhr unaufhörlich ticken hört, in Kürze vor. Mit dem dynamischen Lied besingt Jonathan sein bisheriges erfolgloses Dasein als Musicalautor und verknüpft Erinnerungen mit seiner aktuellen Darbietung. Die Bilder fließen unter der treibenden Melodie regelrecht ineinander, lassen erkennen, dass der Regisseur für seine Szenerie ebenso von Theater und Film inspiriert wurde.

Innerhalb weniger Augenblicke zeigt sich hier Andrew Garfields Talent, ein detailliertes Bild eines rastlosen, energiegeladenen, ungemein kreativen, aber zuweilen frustrierten und ängstlichen Träumers und Liebhabers der darstellenden Kunst zu erschaffen. Der ehemalige Spiderman Darsteller bereitete sich gesanglich ein Jahr darauf vor, die Songs von „Tick, Tick…Boom“ zu performen und trifft jetzt tatsächlich genau die richtigen Töne, beweist, wie sehr er in die Darstellung eines verlorenen Talents eingetaucht ist. So fühlt sich das filmische Musical ungeahnt intim an und bietet einen spürbar persönlicheren sowie greifbaren Zugang zu dem Erlebten und der Kernthematik.

Denn das Gefühl der Zeit hilflos ausgeliefert zu sein, Träume und Wünsche an einem vorbeiziehen zu sehen und sein Leben in gewisser Weise zu verschwenden, dürfte dem ein oder anderen dann doch sehr vertraut sein. Hier findet der Regisseur eine schöne Balance aus schwermütigem Drama, das zudem auch die AIDS-Krise und deren Auswirkungen auf den Bekanntenkreis von Jonathan miteinfließen lässt und treibendem Musical, dass die Erfahrungen und Erinnerungen in unterschiedlich nuancierten Liedern verarbeitet. Gespickt mit etlichen Cameos aus der Musicalbranche, braucht es allerdings kein umfangreiches Wissen, um den Film, die dargestellten Emotionen und die darin enthaltene Nachricht in sich aufsaugen zu können. „Tick, Tick…Boom“ steht durchaus für sich und trägt einen mit bewegenden Songs durch zwei berührende Stunden.

Fazit

Nicht ganz so mitreißend und eingängig wie „Hamilton“, dafür aber intimer und zugänglicher als „In the Heights“. Das Regiedebüt von Lin-Manuel Miranda besticht mit einem fantastischem Andrew Garfield und einer gut ausbalancierten Geschichte, die bewegt und erneut den ein oder anderen Ohrwurm parat hält. Seit 19.11. auf Netflix.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

Bild: (c) Netflix

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