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„Silent Night – Und morgen sind wir tot“ – Kritik zum Heimkino-Start

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Flutkatastrophe, Waldbrände, Vulkanausbrüche, Pandemie – bei einem Blick in die globalen Nachrichten könnte man glatt meinen, dass der schon oft zitierte und angedrohte Weltuntergang nun tatsächlich kurz bevorstünde. Dass Filme dieses (Endzeit-)Szenario aufgreifen, ist alles andere als neu. Dass sie es terminlich auf das wohl für viele schönste Fest des Jahres legen aber schon, so zu sehen in „Silent Night“.

von Cliff Brockerhoff

Die Ausgangslage ist denkbar einfach: für eine britische Familie ist es der vermeintlich letzte Tag auf Erden. Angesichts einer sich nähernden Gaswolke, die bereits weite Teile der Erdbevölkerung ausgelöscht hat, finden sich die Protagonisten samt Freunden und Kindern ein letztes Mal zusammen um den letzten Tag bei gutem Essen gebührend zu feiern und gleichzeitig voneinander Abschied zu nehmen. Wie der Zufall es so will, zeigt der Kalender dabei auch noch den Heiligen Abend an, sodass festlicher Frohsinn und melancholische Endzeitstimmung gemeinsam um den Weihnachtsbaum tanzen.

Dass uns Regisseurin Camille Griffin in „Silent Night“ keine gewöhnliche Weihnachtsgeschichte erzählen möchte, lässt sich allerdings nicht nur an der groben Rahmenhandlung ablesen. Wer den Titelzusatz („Und morgen sind wir tot“) vielleicht noch übersehen hat, wird sich spätestens nach zehn Minuten Spielzeit fragen, wo er gerade gelandet ist. Alle Akteure, insbesondere die Kinder, fluchen so oft und explizit, dass der liebe Jesus damals wahrscheinlich freiwillig vom Kreuz gestiegen wäre um allen Handelnden den Mund zuzuhalten. Im anfänglichen Chaos geht dann auch schnell einiges unter. Wer jetzt mit wem verwandt, bekannt oder befreundet ist, lässt sich zu Beginn nur schwer beantworten – ebenso wie die Frage, warum ein Mädchen Weihnachten für eine Kostümparty hält und die nahe Nachbarschaft offenbar schon im Kollektiv das Zeitliche gesegnet hat. Kleinere Unzulänglichkeiten, die aber zeitnah zur Makulatur werden.

Dafür ist das bunte Treiben rund um die dysfunktionale Gruppe zu unterhaltsam, die Charaktere zu abwechslungsreich und die Dialoge zu bissig. Es ist ein durchaus spannendes Gedankenspiel, das der Film hier aufwirft. Wie würde man selber reagieren? Würde man die letzte Gelegenheit nutzen um unbequeme Wahrheiten anzusprechen oder würde man es vorziehen die Stunden in trauter Harmonie zu verbringen? Fragen, die sich auch jeder der Akteure stellen musste und offenbar sehr unterschiedliche Antworten gefunden hat. Die Unübersichtlichkeit des Anfangs löst sich in der schön bebilderten Hektik zwar nie gänzlich auf, doch es gibt vereinzelt ruhigere Momente, in denen ernste Thematiken auf den Tisch gepackt werden und uns die Charaktere näherbringen, immer wieder jäh unterbrochen von der typischen Weihnachtsstimmung mitsamt schwungvoller Musik und unbeschwerter Heiterkeit. Die stärksten Phasen hat „Silent Night“ immer dann, wenn diese Gegensätze so unverblümt aufeinanderprallen, dass man als Zuschauer nicht weiß um man nun mitsummen oder –weinen soll.

Je weiter der Film voranschreitet, umso stärker wird aber schließlich das Ungleichgewicht. Im Angesicht des Todes verstummt der schwarze Humor zusehends und eröffnet Raum für reine Dramatik, die das letzte Drittel fest im Würgegriff hält. Hier trifft das Drehbuch dann jedoch auch sehr eigenwillige Entscheidungen, lässt Charaktere komplett entgegen ihrer eigentlich dargebotenen Einstellung handeln und kann sich letztlich leider nicht dazu durchringen komplett auf den Humor zu verzichten – der zu diesem Zeitpunkt als eher störend empfunden wird. Und ja, dann wäre da noch ein Kernelement, das zu Zeiten, in denen Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben, nicht unangenehmer aufstoßen könnte. Wirklich angelastet werden kann es dem Werk nicht, da es offenbar vor der Corona-Pandemie gedreht wurde, führte aber immerhin dazu, dass sich die Regisseurin genötigt sah diverse Statements zu veröffentlichen, in denen sie betonte, dass sich ihr Subtext nicht an Impfgegner und Konsorten richtet. Das muss man ihr so glauben, den Gesamteindruck schmälert all das aber merklich, wenn auch unbeabsichtigt

Fazit

„Silent Night“ ist wohl der unweihnachtliche Weihnachtsfilm, den man sich vorstellen kann. Anstelle von Besinnlichkeit wird ein zutiefst bedrückendes Endzeit-Szenario präsentiert, das angesichts der aktuellen Pandemie natürlich nicht frei von bitterem Nachgeschmack ist, andererseits aber auch eine so durchdringende Emotionalität darbietet, dass die Klöße nicht auf dem Teller liegen, sondern eher in den Hälsen der Betrachter stecken. Ein todtrauriges Werk, dem eine weitere halbe Stunde Laufzeit durchaus gut zu Gesicht gestanden hätte. Seit dem 03.12. digital verfügbar und ab dem 10.12.2021 im Handel.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(73/100)

Bilder: ©Capelight Pictures

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