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„Don’t look up“ – Kritik zum Kinostart

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss, und so dreht Klassenprimus Netflix zum Ende des Jahres nochmal ordentlich an der Star-Schraube und präsentiert uns pünktlich zu Weihnachten mit „Don’t look up“ eine namhaft besetzte Endzeit-Satire unter der Regie von Adam McKay. Wie mittlerweile fast üblich bekommt das Werk vorab auch eine vereinzelte Kino-Auswertung spendiert um bloß im Rennen um die goldenen Oscarjungs beachtet werden zu können. Aber wie groß sind die Chancen auf eine Auszeichnung?

von Cliff Brockerhoff

Die ganz große Masse kann der amerikanische Regisseur mit seinen Filmen meist nicht abholen. Dafür ist sein Stil zu eigen, sein Humor zu bissig und seine Ausflüge in durchaus anspruchsvolle Themengebiete oft zu aufreizend; Anti-Popcorn-Kino sozusagen. Die Hollywoodgrößen liegen dem Mann aber zu Füßen, wer erinnert sich nicht an die ikonische Badewannen-Szene von Margot Robbie in „The Big Short“ oder Christian Bales oscarnominierten Auftritt in „Vice“? Und auch bei seinem neuen Werk liest sich die Reihe der Darsteller wie die Blaupause einer Liste, die man sofort als Vorschlag zur Academy schicken könnte.

Im Zentrum stehen dieses Mal Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence in den Rollen von Dr. Randall Mindy und Kate Dibiasky. Letztere hat bei ihrer Untersuchung explodierender Sterne eine Anomalie entdeckt, die sich als gigantischer Komet erweist, der in schätzungsweise sechs Monaten die Erde erreichen und sämtliche Population ausradieren wird. Das im Film aufgegriffene Problem ist allerdings nicht der Komet per se, sondern vielmehr der Umstand, dass niemand die Sorge der Wissenschaftler so recht ernst nehmen möchte. Von den Medien solange beschönigt, bis die fast hundertprozentige Wahrscheinlichkeit einer nahenden Apokalypse in den Hintergrund gerät, von der Technik zum eigenen Vorteil ausgenutzt und in der Politik lediglich ein Spielball, der Wählerstimmen generieren soll. Es ist ein seltsames Gefühl dem beizuwohnen, kommt es einem so absurd, und doch so vertraut vor. Donald Trump, anyone? Sich in die Protagonisten hineinzuversetzen fällt dementsprechend leicht, begünstigt durch eine abermals herausragende Performance von DiCaprio, der die komplette Bandbreite an Emotionen mühelos auf die Leinwand bringt. Weitere Glanzpunkte setzen insbesondere Meryl Streep als egozentrische Präsidentin und Jonah Hill als blauäugiger Stabschef, der diese Rolle in etwa so überzeugend ausfüllt wie es Michael Wendler mit der Position des Gesundheitsministers tun würde.

Generell zeigt aber das gesamte Ensemble eine bemerkenswerte Leistung, sodass es beinahe unfair ist einzelne Namen hervorzuheben. McKay scheint ein Händchen dafür zu haben das Höchstmaß an Talent aus ihnen herauszukitzeln und schreibt immer wieder Charaktere, die so lebensnah erscheinen, dass die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation fließend verschwimmen. Mithilfe seiner speziellen Art der Inszenierung analysiert er den gesellschaftlichen Verfall, das Zerwürfnis zweier Seiten, das sich durch offenen Diskurs nicht mehr lösen lässt – wobei ihm die persönliche Frustration über diesen Zustand anzumerken ist. Er macht keinen Hehl daraus und lässt ihn gar in die Figuren einfließen, die trotz wissenschaftlich fundierter Argumente kein Gehör finden und stattdessen verspottet werden, nur um sie im nächsten Moment als Galionsfigur vor den Karren zu spannen, der beim Rennen um die goldene Ananas die Nase vorn hat. Mittels scharfzüngiger Satire vermittelt der Regisseur komplexe Motive, simplifiziert sie durch den geschickten Einsatz von Humor aber so weit, dass sie für jedermann greifbar werden. Kam man sich nach „The Big Short“ noch wie ein blutiger Nichtskönner vor, intendiert „Don’t look up“ letztlich etwas vollkommen anderes. Hier geht es nicht um Astronomie oder Physik, nicht mal wirklich um den Kometen. Vielmehr möchte der Film unsere Gedanken fokussieren, uns zum Schulterschluss animieren und dazu aufrufen auf das zu vertrauen, was wir sehen und fühlen – auch wenn wir Angst davor haben und uns lieber in wohlig warmen Ausflüchten betten wollen. Verdrängung hat noch niemanden gerettet, weder in fiktiven Spielfilmen noch in der bitteren Realität.

Fazit

Adam McKay kehrt in „Don’t look up“ seiner so liebgewonnenen Wissenschaft ein Stück weit den Rücken zu und öffnet sich stattdessen noch mehr dem leichter zugänglichen und zugleich tiefschwarzen Humor. In der ausgiebigen Spielzeit wirft er einen zeitgenössischen und doch eigenen Blick auf das Weltgeschehen, ätzt von Zynismus durchzogen gegen Medien und Politik, mahnt, appelliert und tut das alles auf emotional durchschlagende Weise. Mein dringender Aufruf an euch: schaut und hört hin, und wenn es das Letzte ist, was ihr tut. Ab sofort im Kino, ab dem 24. Dezember auf Netflix zu sehen!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(83/100)

Bilder: ©Netflix

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