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„Driveways“ – Kritik

Wie das Land selbst und seine Gesellschaft ist auch das US-Kino in der Krise, und das nicht nur wegen Corona: Eingeengt und bedrängt von finanziellen Zwängen auf der einen Seite (Marvel-Erlebniskino als letzter Platzhalter des analogen Filmerlebnisses), dem Streaming-Siegeszug auf der anderen und darüber hinaus von immer rigider werdenden ideologischen und inhaltlicher Vorgaben bleibt Kreativität auf der Strecke und originäre Filmkunst Mangelware. Auch der in den 90ern und 00ern so populäre „Indie-Film“ als anspruchsvollere Mid-Budget-Ware hat sich inzwischen selbst überlebt und findet höchstens noch als biedere, mutlose filmische Fadesse statt, die seinem Publikum das vor- und nachbetet, was es hören möchte. Da ist es umso schöner, wenn man wieder einmal einen völlig eigenständigen und ganz und gar unprätentiosen Film entdeckt, wie „Driveways“ von Andrew Ahn einer ist. Der ist ab heute nun endlich im Kino (oder online) zu sehen.

von Christian Klosz

In seinem zweiten Spielfilm erzählt der US-Regisseur, nach einem Drehbuch von Paul Thureen und Hannah Bos, die auf den ersten Blick simple Geschichte einer Kleinfamilie, Kathy (Hong Chau) und ihrem 8-jährigen Sohn Cody (Lucas Jaye), die einen Neuanfang sucht. Nachdem Kathys Schwester gestorben war, reist sie mit Cody zum nun leerstehenden Haus und entrümpelt es. Indes freundet sich Cody, ein ruhiger und zurückgezogener Junge, mit dem Nachbarn Del (Brian Dennehy) an, einem Ex-Soldaten und Kriegsveteran. Cody blüht in seiner Gegenwart auf und auch Del freut sich über die Gesellschaft. Schließlich überlegt Kathy (wir erfahren nicht, wo der Vater von Cody ist bzw. was mit ihm geschehen ist), mit Cody in die neue Gegend und das Haus ihrer Schwester zu ziehen, anstatt es so schnell wie möglich zu verkaufen.

„Driveways“ ist ein ruhiger, unaufdringlicher Film, der von seinen Momenten der Stille und den leisen Zwischentönen lebt. Und von seinen Schauspielern bzw. Charakteren: Hong Chau überzeugt als taffe, alleinerziehende Mutter, der junge Lucas Jaye brilliert als liebenswerter Cody. Das wahre Highlight ist aber Brian Dennehy: Das US-Urgestein liefert in seiner letzten Rolle vor seinem Tod im letzten Frühjahr eine wahre Meisterleistung ab und zeigt seine sensible Seite, die man bisher von ihm kaum kannte (man erinnere sich an seine Rolle als wahnsinniger Cop, der Jagd auf Rambo im gleichnamigen Film macht). Dabei ist sein Del, wenn auch die Ausgangslage frappant an „Gran Torino“ erinnert (asiatische Familie – Kriegsveteran als Vaterersatz – ungewöhnliche Freundschaft), von vornherein ein sympathischer Charakter, dem der kürzliche Tod seiner geliebten Frau zu schaffen macht. Er dient dem jungen, schüchternen Cody als männliche Bezugsperson und so entseht eine ungewöhnliche, aber äußerst innige Freundschaft.

Den Drehbuchautoren bzw. dem Regisseur gelingt es, ihre Figuren völlig glaubwürdig und realistisch wirken zu lassen, sie verleihen ihnen Tiefe und Authentizität – und man sieht ihnen gerne zu. Überhaupt bemüht sich „Driveways“ um Realismus, der sich den kleinen und großen Dramen des Lebens empathisch und vorurteilsfrei nähert und sie abbildet. Interessant und besonders angenehm ist in diesem Kontext auch, dass die Tatsache, dass die beiden Hauptfiguren Kathy und Cody Asian Americans sind (so wie übrigens auch der Regisseur), nicht ausgeschlachtet oder in die Auslage gestellt wird, wie das viele ähnliche Filme machen: Nein, es wirkt völlig normal, es ist kein Thema, weder für Kathy oder Cody, noch für Del (einem „old white man“) oder die anderen Nachbarn: Man könnte es auch als kleine Utopie für neue, Vereinigte Staaten sehen, in denen unterschiedliche Gruppen, Ethnien, Menschen, allen Alters, friedvoll zusammenleben und verschiedene Lebensentwürfe nebeneinander existieren können. „Driveways“ geht aber auch gar nicht so weit, das selbst zu thematisieren oder sich selbst mehr Bedeutung aufzuladen, als nötig: Seine große Kunst besteht im kraftvollen Understatement.

Fazit:

Eine simple Geschichte mit umso größerer emotionaler Tiefe: „Driveways“ ist ein gelungenes Independent-Drama mit tollen Schauspielleistungen und vielen sehenswerten Szenen, das trotz teils schwerer Themen von einem ganz und gar positiven Spirit beseelt ist. Ein Plädoyer für Respekt und Freundschaft und obendrein eine der besten Independent-Produktionen aus den USA der letzten Jahre.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(94/100)

Bild: (c) Tobis Film