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„The Hand of God“: Kritik zum Netflix-Start

Am 22. Juni 1986 trafen England und Argentinien im Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft aufeinander. Das Spiel endete mit 1:2 für die Argentinier, die nachfolgend die Weltmeisterschaft gewannen. Bis heute ist jenes Viertelfinale in Erinnerung geblieben. Der Ausdruck „ die Hand Gottes“ beschreibt den erinnerungswürdigsten Teil des Fußballspiels. Warum? „Die Hand Gottes“ oder „The Hand of God“ steht synonym für eines, wenn nicht sogar das kontroverseste Tor, das im Fußball je gefallen ist. Der argentinische Mannschaftskapitän Diego Maradona beförderte den Ball für das 0:1 nämlich mehr mit der Hand als mit dem Kopf ins Tor, behauptete anschließend in einem Interview aber, dass es „ein bisschen Maradonas Kopf und ein bisschen die Hand Gottes“ gewesen sei. Das Tor ging in die Geschichte ein und der Ausdruck ist jetzt der Titel von Paolo Sorrentinos Film, der in Venedig seine Premiere feierte und seit 15.12. auf Netflix zu sehen ist.

von Lena Wasserburger

In „The Hand of God“ ist Diego Maradona ein Angelpunkt der Handlung und zugleich eine fast gottgleiche Figur, die unwiderruflich mit dem Schicksal des Hauptcharakters verwoben ist. Paolo Sorrentino erzählt in seinem Film gewissermaßen seine eigene Geschichte, von einem Leben als Teenager in Neapel, als Sammlung von teilweise traumähnlichen und düsteren Erinnerungen zusammengefasst.

Im malerischen Neapel der 80er Jahre durchlebt der junge Fabio, auch Fabietto genannt, seine Jugend im Kreise seines Familien-Clans, der sich aus übergroßen, teils bizarren, aber auch amüsanten Charakteren zusammensetzt. Da ist beispielsweise sein Vater Saverio, der in einer Bank arbeitet, sich selbst aber als stolzen Kommunisten bezeichnet oder die schroffe Matriarchin der Familie, die auch im Sommer stets einen Pelzmantel trägt. Zu diesem Zeitpunkt dreht sich Fabiettos Leben primär um die Fragen, wann denn endlich sein Fußballheld Maradona zum Stadtclub wechselt und wie er mit den klassischen Symptomen des Erwachsenwerdens fertig werden soll.

Der zunächst freundliche Ton des Films, untermalt mit sonnigen Aufnahmen von Neapel und einer sommerlichen Atmosphäre, schlägt in der Mitte der Handlung plötzlich um. Eine Tragödie zwingt Fabietto dazu, sein Leben und seine Zukunft zu hinterfragen. Und auf einmal ist Fabiettos Realität eine, die ihm ganz und gar nicht mehr gefällt, was letztendlich dazu führt, dass es ihn in die Welt des Films verschlägt. Denn Filme, so wird auch in „The Hand of God“ philosophiert, sind eine Ablenkung von der Realität.

Der Film besticht mit umwerfender Cinematographie, die Bilder sind ein Augenschmaus vom Feinsten. Sorrentino legt großen Wert auf Ästhetik, sowohl in der ersten fröhlicheren Hälfte, als auch im nachfolgenden düsteren Teil. Ebenso kommt man nicht umhin, über die Farbkompositionen zu staunen. Das langsame Tempo und die Dauer der einzelnen Szenen lassen mehr als genügend Zeit zum Bewundern der Bilder, was allerdings auch dazu führt, dass es sich zeitweise so anfühlt, als würde die Handlung in Zeitlupe ablaufen. Viele der Charaktere sind auffallend überzeichnet, fast schon grotesk wie Karikaturen, was einerseits zwar einen interessanten Kontrast zum eher ruhigen Hauptcharakter Fabietto darstellt, manchmal aber auch ein wenig überwältigend und fast schon over the top ist. „The Hand of God“ ist wie Poesie, was ihm als Stärke, wie auch als Schwäche ausgelegt werden kann: Die Erzählweise ist voller schöner Symbolik, überlässt aber stellenweise ein wenig zu viel der Interpretation.

Fazit

„The Hand of God“ wirkt wie eine filmgewordene Erinnerung (Paolo Sorrentinos), träumerisch, dann wieder ein wenig merkwürdig. Auch wenn der Film manchmal ein wenig Erzähltempo vermissen lässt, überzeugen kann er vor allem mit seinen betörend schönen Bildern. Er ist kein klassischer Vertreter des Coming-of-Age-Genres sondern vielmehr eine emotionale Auseinandersetzung mit Themen wie Freiheit, Trauer und Familie.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(68/100)

Bilder: (c) Netflix