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„Macbeth“: Kritik zu Joel Coens Shakespeare-Verfilmung

In seinem ersten Film nach dem Ende der jahrzehntelangen Kooperation mit seinem Bruder Ethan widmet sich Regisseur und Drehbuchautor Joel Coen dem Shakespeare-Drama „Macbeth“. Er emanzipiert sich dabei deutlich von seinem früheren Schaffen, denn das Endprodukt erinnert mehr an Ingmar Bergman oder Orson Welles und dessen Shakespeare-Adaptionen als an vorangegangene Coen-Filme.

von Christoph Brodnjak

Das Drama von Macbeth braucht vermutlich nicht allzu ausführlich beschrieben werden: Macbeth (Denzel Washington) wird in einer Prophezeiung die Krone versprochen und er lässt sich von seiner Frau (Frances McDormand) dazu überreden, den König zu ermorden. Der Tyrann, wie ihn seine Untertanen nennen, wird von Visionen und den Geistern seiner Opfer verfolgt. Unter der Gefahr, den Verstand zu verlieren, klammert er sich an den Thron, denn nicht nur ihm hat die Prophezeiung etwas versprochen.

Was den Text des Stücks angeht, so hält sich Coen recht treu an den originalen Stoff. Alle Schauspieler geben, was sie können und präsentieren den im shakespeare’schen Englisch gehaltenen Dialog und ihre Monologe mit der angemessenen Menge Gravitas, als wären sie direkt der Bühne entsprungen. Insgesamt wird „Macbeth“, im klassischen 4:3 Format und in schwarz-weiß gehalten, von einer Künstlichkeit und Theatralik beherrscht, wie sie im modernen Kino nur noch selten zu finden ist. Jede Einstellung macht den Eindruck eines Bühnenbilds. Charaktere bewegen sich durch große leere Hallen mit hohen weißen Wänden, zerschnitten von langen harten Schatten. Die schottische Landschaft wird von ewigem Nebel geplagt, oftmals stehen die Charaktere im völligen Nichts auf weiter Flur. Die Welt wirkt in diesen Bildern nur so groß, wie es die Sicht erlaubt, als würde man, wenn man hinter die nächste Böschung blickt, statt weiter Wiesen bloß das Orchester sehen.

Doch trotz seiner großen Theatralik handelt es sich bei Coens Macbeth-Adaption um kein Werk, bei dem man meint, es hätte genauso gut ein Theaterstück sein können. Die Welt des Films mag zwar sehr artifiziell sein, doch kommt sie erst durch den Einsatz filmischer Mittel wirklich zur Geltung. Verschiedenste Kamerawinkel und Einstellungen, die Positionen der Charaktere zueinander, das ständige Spiel aus Licht und Schatten unterstreichen den Wahnsinn, den Macbeth durchlebt. Der Schnitt versorgt die großen Monologe mit einem Rhythmus und einer Intensität, die man sonst so mit bloßen Worten nicht erreichen könnte. Besonders hervorzuheben ist der Ton des Films. Jedes noch so kleine Geräusch dröhnt in den Ohren, ein jeder Tropfen Blut, welcher vom toten Finger in die Blutlache zu Boden fällt, gleicht einem Paukenschlag: Ein packendes Drama für alle Sinne, sowohl für Freunde des Films, als auch der Bühne.

Fazit

Bei „The Tragedy of Macbeth“, so der Originaltitel, handelt es sich in keinster Weise um eine verstaubte Theaterverfilmung, die man vielleicht im Englischunterricht anschaut, während man gerade ein Nickerchen macht. Es ist ein großartiger Film mit einer wunderschönen und theatralen Inszenierung und überzeugenden Schauspielern gworden. Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, ihn für einen weiteren, typischen „Coen-Film“ zu halten, denn Joel hat sich erfolgreich von den älteren Arbeiten emanzipiert.

(Für diejenigen, deren Englisch nicht ganz sattelfest ist oder die mit dem Stoff nicht so vertraut sind, sind allerdings Untertitel sehr zu empfehlen, da diese Art von altertümlichem Bühnenenglisch vielleicht etwas fordernd sein kann.)

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(75/100)

„Macbeth“ ist derzeit in Wien im Filmcasino/Filmhaus zu sehen und ab 12.1. auf Apple TV+.

Bild: (c) Apple TV+