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Serien-Kritik: „Das Rad der Zeit“ – Staffel 1 (Amazon Prime Video)

„Das Rad der Zeit“ umfasst mehr als 14 Bände, die weltweit über 70 Millionen Mal verkauft wurden. Die High-Fantasy-Geschichte hat also alles was es braucht, um auch als Serie ein Hit zu werden: Eine Menge Fans, eine epische Welt voller Helden und Geschichten und eine groß angelegte Marketing-Kampagne. Dass die Amazon Studios sich jetzt der Adaption annehmen, ist dabei nur konsequent. Mit der „Der Herr der Ringe“-Serie begibt sich das Kreativteam des Versandhandel-Streamingservices bald nämlich in ähnlich epische Gefilde. Nur dass dann die Erwartungen noch ungleich höher sein werden.

von Marius Ochs

Doch „Das Rad der Zeit“ ist nicht nur eine Übung vor „Der Herr der Ringe“ und auch kein Ritt auf der Erfolgswelle von „Game of Thrones“. Die Reihe hat auch ohne die Wegbereiter viel Potenzial, könnte gar großartige Geschichten erzählen. Zum Beispiel durch das Magiesystem: Die Quelle der Magie wurde vom Dark One vergiftet, sodass jeder Mann, der darauf zugreift, wahnsinnig wird. Nur Frauen können Magie gefahrenlos anwenden. Die Welt bietet perfekte Voraussetzungen für die Auseinandersetzungen mit Genderpolitik und Machtfragen.

Gleichzeitig ist die Geschichte so episch wie altbekannt: Das ultimative Böse regt sich wieder in der Welt. Nur ein vom Schicksal auserkorener Held kann ihm entgegentreten. Wird der Held sich für das Gute entscheiden, oder wird er der Verlockung des Bösen erliegen? Die Gefahr wird dabei drastisch dargestellt. Wenn die Trollocs in der ersten Folge ein friedliches Dorf angreifen, fließt Blut, viel Blut, und auch das ein oder andere Gedärm ist zu sehen. Das CGI-Design der dunklen Wesen ist furchteinflößend, die Kampfszenen sind gut choreografiert.

So viel zum Positiven. Denn selbst wenn man die zahlreichen Änderungen zu den Büchern akzeptiert und offen auf die Serie als eigenständiges Werk blickt – diese Staffel ist nur schwer zu beschönigen. Das wohl größte Problem ist das pacing, da sie Serie zu keinem Zeitpunkt die ihren Rhythmus findet. So wird beispielsweise eine ganze Folge lang über den Verlust von Charakteren getrauert, die kaum genug screentime hatten, um der Zuschauerschaft überhaupt ans Herz zu wachsen. Es wird zu wenig worldbuilding betrieben, die einzelnen Städte bleiben leblose Kulissen ohne eigene Atmosphäre oder Geschichte.

Die Serie macht den Fehler, die für eine Fantasy-Geschichte so wichtige Mythologie stiefmütterlich zu behandeln. Nur an wenigen Stellen wird auf die reiche Historie der Welt eingegangen. Und das bei einer Serie, die sich „Das Rad der Zeit“ nennt, also die schicksalshafte Wiederholung historisch bedeutsamer Ereignisse schon im Titel trägt. Warum werden diese Ereignisse hauptsächlich als einleitende Rückblenden gezeigt? Als Genre-Fan wartet man die meiste Zeit vergeblich auf ehrfurchtgebietende Erzählungen, die der Welt ihren Zauber verleihen.

Stattdessen investiert die Serie viel zu viel Zeit in die stagnierenden Beziehungen zwischen den schwach geschriebenen Figuren. Viel zu häufig werden ausweglose Situationen durch Deus Ex Machina-Magieausbrüche gelöst. Viel zu selten verleihen die Macher den Ereignissen episches oder emotionales Gewicht. Nach dieser ersten Staffel gibt es außer dem Mangel an High-Fantasy-Verfilmungen kaum noch einen Grund, weiterzuschauen.

Fazit

Kenner der Bücher würden die Serie wohl lieber wieder direkt aus ihrem Gedächtnis streichen, so frei gehen die Macherinnen und Macher mit dem Material um. Wer den Stoff neu kennenlernt, wird durch eine gute erste Folge und die unglaubliche Präsenz von Rosamund Pike neugierig gemacht. Doch im Laufe der acht Folgen findet „Das Rad der Zeit“ weder einen Rhythmus noch eine Erzählweise, die der Welt angemessen wäre. So bleibt die Serie nach der ersten Staffel als enttäuschende, seelenlose High-Fantasy in schmerzlicher Erinnerung. Hoffentlich macht Amazon das bei „Der Herr der Ringe“ besser.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(45/100)

Bilder: (c) Amazon Studios

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