Website-Icon Film plus Kritik – Online-Magazin für Film, Kino & TV

„The Lost Daughter“ – Kritik zum Netflix-Start

Nach knapp 30 Jahren vor der Kamera nimmt die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal („The Dark Knight“, „Donnie Darko“) zum ersten Mal auf dem Regiestuhl Platz und inszeniert die Verfilmung des Romans „Die Frau im Dunkeln“, den die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante 2006 veröffentlichte. Die Identität der Romanautorin, die ihren Welterfolg mit „Meine geniale Freundin“ feierte, ist bis heute anonym. So ist es nicht verwunderlich, dass sich ein gewisses Mysterium um die Frau hinter dem geschriebenen Wort etablierte. Auch der Film „Die Frau im Dunkeln“ gibt sich geheimnisvoll und undurchsichtig, entblättert dann aber ein abgründiges Drama, das Mutterschaft und Frauseins von einer ungewohnten, aber nicht minder kraftvollen Seite zeigt.

von Madeleine Eger

Eigentlich will Leda (Olivia Colman) ein paar ruhige Wochen in Griechenland verbringen. Am Strand zieht jedoch eine Großfamilie, vor allem die junge Mutter Nina (Dakota Johnson) mit ihrer kleinen Tochter Ledas Aufmerksamkeit auf sich. Die Literaturprofessorin wird fortlaufend mit ihrer eigenen, frühen Mutterschaft und ihren Handlungen, die diese maßgeblich prägten und Wunden hinterließen, konfrontiert. Übermannt von den Erinnerungen wird Leda zum Spielball ihrer Psyche und verstrickt sich in eine folgenschwere Entscheidung.

Im dämmerigen Morgengrauen liegt das Meer vor ihr. Sanft schwappen die Wellen an den Strand, lassen den Sand ein letztes Mal aufschäumen, bevor das Wasser versickert und Leda ganz plötzlich leblos zu Boden sinkt. Unheimlich und beängstigend wirkt die erste Szene, mit der Maggie Gyllenhaal ihren Film eröffnet. Völlig orientierungslos entlässt sie uns daraufhin in die Vergangenheit, springt zurück zu dem Moment, in dem Leda in ihrem Mietwagen gelassen an der Meeresküste entlangfährt. Dazu ertönt der fantastische Score von Dickon Hinchliffe an, der melancholisch, zaghaft, vorsichtig, dabei gleichzeitig losgelöst und beschwingt anmutet, Leda immer wieder umspielt und ein Stück weit ihre Seele zu spiegeln versucht.

Die Professorin lässt sich nur schwer hinter ihre dunklen Augen direkt ins Gemüt schauen. Dass Situationen in ihr etwas auslösen und versteckte Gefühle im Inneren brodeln ist trotz der zurückhaltenden und etwas verschlossenen Art dennoch jedes Mal spürbar. Das Schauspiel der Oscarpreisträgerin Olivia Colman („The Favourite“) ist dabei so nuanciert wie vielschichtig und selbst die unscheinbarsten Szenen versinken in einer gewichtigen Bedeutsamkeit. So ist schon die Ankunft in ihrer Ferienwohnung am Hafen mit dem riesigen und vor allem schweren Koffer von einer kaum zu greifenden Unnahbarkeit begleitet. Es lässt sich nicht erkennen, ob das verstohlene Erkunden des Apartments von Neugier, Vorfreude oder vielmehr Ernüchterung und Enttäuschung geprägt ist.

Ähnlich ergeht es dem Publikum etwas später, als Leda zum ersten Mal Will und Nina am Strand begegnet. Mit Will, der sich um die Gäste vor Ort kümmert und auch zu ihr freundlich hilfsbereit ist, scheint sie überfordert. Vielleicht ist es aber doch nur die Überraschung, dass der junge Mann ohne Grund Small-Talk mit ihr hält. Bei Nina und ihrer kleinen Tochter hingegen gestaltet sich die erste Begegnung gleich um einiges komplexer. Das Mutter-Tochter-Gespann umhüllt eine Aura der Faszination und erwecken in Leda scheinbar schmerzhafte Erinnerungen. Die Rückblenden, mit denen Gyllenhaal im weiteren Verlauf noch sehr häufig arbeiten wird, zeigen Momente einer jungen Leda (gespielt von Jessie Buckley), die als Mutter von zwei Töchtern immer wieder ins Straucheln gerät, die mit den vielen Anforderungen, Ansprüchen und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung schier überfordert wird. Das Muttersein ist für die angehende Professorin keine leichte Aufgabe, die zudem ihre eigene Persönlichkeit zu verschlingen droht und von der sie sich zusehends erdrückt fühlt. Es sind diese Momente, die uns den Charakter von Leda näher bringen, ihre Gefühle preisgeben, eine spannende Dynamik etablieren und auch den unerwartet außergewöhnlichen Kern der Geschichte herausarbeiten.

Urteilsfrei kreiert die Regisseurin mit ihrer Kamerafrau Hélène Louvart ein sehr intimes, einfühlsames Porträt einer Frau, die die glorifizierte Vision einer Mutter und Partnerin nicht ausfüllen will und zunehmend aus dem beengten Raum einer Idealvorstellung ausbrechen muss, um sich selbst nicht zu verlieren. Hier kocht ein ganzes Gefühlsspektrum hoch, das in all seinen Facetten klar seine Berechtigung hat. Vielfach werden Teile davon jedoch verschweigen und münden schlussendlich durch die Unterdrückung der unliebsamen und nicht ausschließlich positiven Erfahrungen in Schuld, Trauer und Scham. Louvart („Niemals Selten Manchmal Immer“) beweist erneut ein außerordentliches Gespür für starke und bewegende Bilder, die die weiblichen Hauptfiguren mit ihren Stimmungen einrahmen, ohne dabei aufdringlich zu werden. Trotz des zuweilen fast erdrückenden Schwermuts ist „Die Frau im Dunkeln“ jedoch kein reines Drama. Vielmehr erwartet das Publikum hinter dem anfänglich unbefangenen Sommerurlaub in Griechenland ein psychologischer Crime-Thriller. Aufkeimende Bekanntschaften und Beziehungen zerren in einem undurchsichtigen Nebel aus Misstrauen, Mitgefühl und Erinnerungen an den Nerven, bis nicht nur Leda an dem Gepäck, welches sie mit sich trägt, zu zerbrechen droht. Maggie Gyllenhaal legt zusammen mit ihrem stark aufspielenden Cast ein intensives Regiedebüt an den Tag, das schon jetzt für reichlich Spekulationen in der kommenden Award-Saison sorgt.

Fazit

„Die Frau im Dunkeln“ ist ein nervenzehrendes, intensives Drama, das mit einer herausragenden Besetzung und einer feinfühligen sowie überraschend ungewöhnlichen Geschichte besticht. Ein beeindruckendes Debüt, das man aufgrund der unnachgiebigen Atmosphäre und des nuancierten Schauspiels nicht so schnell vergisst. Ab dem 31. Dezember auf Netflix verfügbar!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

Bilder: ©Netflix

Die mobile Version verlassen