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„Licorice Pizza“: Kritik zum Kinostart

Paul Andersons jüngster Film „Licorice Pizza“ ist eine Zeitreise ins südkalifornische San Fernando Valley der 70er Jahre. Und wenn dank Ölpreiskrise kein Benzin im Tank ist, dann fährt man eben mit einem Kanister voll Nostalgie, guter Laune und Unmengen an Charme. Dabei bietet die Coming-of-Age-Komödie keine strenge Erzählung, sondern eher eine Aneinanderreihung abenteuerlicher Anekdoten, in deren Zentrum die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem jugendlichen Träumer und einer ziellosen Mittzwanzigerin steht.

von Paul Kunz

Gary (Cooper Hoffman, Sohn des verstorbenen Philip Seymour Hoffman) ist ein 15-jähriger Schüler, der sich als Fernsehkinderstar und PR-Agent bereits einen Namen gemacht hat und dementsprechend einiges an Selbstbewusstsein mitbringt. In der Schlange beim Schulfotografen trifft er auf die Foto-Assistentin Alana (Alana Haim), die ihn sofort verzaubert. Anders als Gary weiß Alana nicht so recht, was sie eigentlich im Leben will. Nur dass sie ihren Job nicht ausstehen kann, weiß sie. Die Leben der beiden werden bald untrennbar verbunden, als Gary die weitaus ältere Alana zu einem Abendessen einlädt – und sie zu ihrer eigenen Verwunderung zusagt.

Darauf folgen über zwei Stunden an herzerfreuenden Dingen. Vor einer US-Kulisse, angereichert mit Zeitkolorit der 70er und entsprechend coolem Soundtrack gehen Gary und Alan gemeinsam zu Film-Castings, verkaufen Wasserbetten, eröffnen eine Spielhalle oder flüchten in einem Lastwagen ohne Benzin im Tank vor Barbara Streisands Freund. Es bereitet Unmengen an Vergnügen dabei zuzusehen wie sich im Bewältigen der diversen Abenteuer eine zunehmend enge Bindung zwischen den beiden entwickelt. Da gibt es Flirts und Neckereien, es gibt Streits und genervtes Augenverdrehen, es gibt aufrichtige Bewunderung füreinander und bedingungsloser Unterstützung – aber auch Eifersucht.

Dass all dies so unfassbar unterhaltsam ist, liegt insbesondere an den bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller:innen. Cooper Hoffman und Alana Haim geben als Gary und Alana beide ein beeindruckendes Schauspieldebüt und statten ihre Figuren mit einem Maß an Authentizität aus, das man selten zu Gesicht bekommt. Hofman als jugendlicher Charmeur Gary schafft es die nicht enden wollende Selbstsicherheit der Figur ohne jede Spur von Überheblichkeit oder Unaufrichtigkeit zu vermitteln. Haim lässt Alana zwar staunend durch die von Gary bereitgestellte Wunderwelt spazieren, spielt sie aber nie als naive Mitläuferin. Als Neuentdeckungen bringen die beiden außerdem erfrischend neue und vor allem normale Gesichter mit, die fernab von Hollywood-Hochglanz zu existieren scheinen. Große Namen finden sich dagegen in den hochkarätig besetzten Nebenrollen. Sean Penn legt etwa als alternder Action-Star einen Motorrad-Stunt hin, Bradley Cooper gibt Barbara Streisands Freund mit Hang zum Wutanfall und Maya Rudolf kommuniziert als Casting-Agentin vor allem durch ihre vielsagende Mimik.

Aber es sind nicht nur die durch und durch starken Schauspielleistungen, die den Film zu einem solchen Vergnügen machen. Das von Paul Thomas Anderson verfasste Drehbuch sorgt behutsam dafür, dass der romantisierende Blick auf die Vergangenheit nicht zum völlig verklärten Kitschkino wird. Unaufgeregt nähert es sich mehrschichtigen Themen wie Homophobie oder Sexismus. Wohltuend ist auch, dass der zunächst vor allem aus Garys Perspektive erzählte Film es Alana im Laufe der Zeit mehr und mehr ermöglicht aus ihrer Rolle als Objekt der Begierde auszubrechen und eigene Interessen zu verfolgen. Der Film tut gut daran sie nicht zum Spiegel für Garys Wünsche verkommen zu lassen, sondern beide Figuren mit eigenen Bedürfnissen und Zielen auszustatten, die jenseits ihrer Beziehung zueinander existieren. Diese wird umso stärker, weil Gary und Alana einander am Ende auf Augenhöhe begegnen können.

Fazit

Bei „Licorice Pizza“ handelt es sich um einen in hohem Maße unterhaltsamen und an Charme überbordenden Romantik-Trip in die kalifornischen 70er Jahre. Klug geschrieben, liebenswürdig erzählt und zum Leben erweckt durch ein bestechend authentisches Leinwandpaar ist Paul Thomas Andersons Coming-of-Age-Film eine nostalgische Wundertüte, die man in unsteten Zeiten nur allzu gerne öffnet.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Bild: (c) UPI

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